Stand: 01.02.2020 11:00 Uhr

Die Parkplatznot der ambulanten Pflegekräfte

von Carsten Salzwedel

Sie weiß, dass sie hier nichts finden wird. Pflegeassistentin Laura Melgers ist mit ihrem Kleinwagen in der Kieler Feldstraße unterwegs. Sie muss zu einem Insulinpatienten. Parkplätze vor dem Haus: Fehlanzeige. Sie wendet, fährt in eine Seitenstraße. Auch hier ist alles zugeparkt. Zurück zum Haus des Patienten, immer noch kein Parkplatz. "Also fünf bis zehn Minuten gucke ich schon, und dann stelle ich mich meistens irgendwo hin, so dass ich niemanden sonderlich behindere", erklärt Laura Melgers vom Kieler Pflegedienst "Herzensgüte". So auch jetzt. Sie parkt in der zweiten Reihe, vor einem Baum. Warnblinker an und hoch zum Patienten. Und hoffen. Hoffen, dass hier gerade keine Mitarbeiter vom Ordnungsamt unterwegs sind, denn Parken in der zweiten Reihe darf sie nicht. Ein Knöllchen würde 20 Euro kosten. Die Strafzettel müssen Laura Melgers und ihre Kollegen selbst zahlen, sagt sie. Pro Monat kommen im Betrieb bis zu 30 Strafzettel zusammen.

Leben retten statt Parkplatzsuche

Nach knapp fünf Minuten ist sie zurück am Auto, hat keinen Strafzettel unter dem Scheibenwischer. Weiter zum nächsten Patienten, auch in der Innenstadt. "Wenn es hart auf hart kommt, dann retten wir Leben, dann muss es schnell gehen und dann kann ich keinen Parkplatz suchen, was ich sonst immer versuche." Ihre Pflegedienstleiterin Heike Gillner kennt das Problem. Sie erstellt die Routen für knapp 30 Pflegekräfte, die in ganz Kiel unterwegs sind. "Ich achte darauf, die Touren großzügig zu planen, damit etwas mehr Zeit für die Parkplatzsuche ist."

Ausnahmegenehmigung zu teuer

Eine junge Frau im blauen Pulli.
Pflegeassistentin Laura Melgers hat es jeden Tag schwer, in Kiel einen Parkplatz zu finden.

Ihr Chef hat sich nach den Kosten für eine Ausnahmegenehmigung bei der Stadt erkundigt. Knapp 100 Euro würde die kosten - pro Fahrzeug. Bei 28 Autos rechne sich die Ausnahmegenehmigung für den Pflegedienst nicht, erklärt Heike Gillner. Er fordert ein Entgegenkommen der Politik, weil "die Menschen immer pflegebedürftiger werden, immer früher aus den Krankenhäusern nach Hause kommen und auch viele Menschen im häuslichen Umfeld bleiben möchten".

Auch Lübeck ist betroffen

Nicht nur in Kiel haben ambulante Pflegedienste das Parkplatzproblem. Auch Lübeck ist betroffen, berichtet Carola Neugebohren von der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. Am vergangenen Mittwoch haben sich dort Pflegedienste und der Verkehrsausschuss getroffen, um erneut über die Situation zu beraten. Carola Neugebohren ist zuversichtlich, dass die Lage in Lübeck bald besser werden könnte.

Stadt Kiel soll handeln

Auch in Kiel soll sich die Stadt um das Problem kümmern. In der Ratsversammlung Mitte Januar haben SPD, Grüne und FDP einen Antrag für einen runden Tisch von Stadt und Pflegediensten gestellt. In dem Antrag werden spezielle Parkausweise für Pflegekräfte oder eigene Parkplätze als mögliche Lösungen vorgeschlagen. "Wir müssen mit den städtischen Ämtern sprechen, die zum Beispiel für Verkehr und Mobilität zuständig sind", erläutert Arne Gloy, stellvertretender Pressesprecher der Stadt. "Was sind die Wünsche der Pflegedienste, wie kann man die lösen, ist das an jedem Ort möglich." Die Stadt hat bis zum dritten Quartal 2020 Zeit, eigene Ideen oder Beispiele aus anderen Kommunen als Diskussionsgrundlage zu sammeln.

Mehr Toleranz für Pflegekräfte

Pflegeassistentin Laura Melgers ist in der Nähe des Blücherplatzes unterwegs. Auch hier ist die Parkplatzlage chronisch angespannt. Sie parkt wieder in der zweiten Reihe. Ein anderes Auto fährt an ihr vorbei, der Fahrer hupt. "Mir würde es schon reichen, wenn ich nicht ständig angepöbelt werde von Passanten", sagt sie und wünscht sich mehr Toleranz für Pflegekräfte. Was auch hilft, wenn die Mitarbeiter des Ordnungsamts mal ein Auge zudrücken und an den unfreiwilligen Falschparker vom Pflegedienst vorbeigehen. Laura Melgers würde die Zeit, die sie für die Parkplatzsuche braucht, lieber ihren Patienten widmen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.01.2020 | 19:30 Uhr

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