Deutsche Polizeigewerkschaft distanziert sich von Nommensen

Stand: 20.11.2020 17:00 Uhr

Thomas Nommensen, Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Polizeigewerkschaft, soll Dienstgeheimnisse an einen Polizeireporter verraten haben. Chats sind öffentlich geworden. Bei der DPolG ist man schwer enttäuscht.

von Andreas Schmidt

Frank Hesse hat lange überlegt, ob er sich zu diesem Thema äußern soll. Aber er will sich auch nicht "wegducken", wie er sagt. Hesse ist stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft DPolG. In der Funktion hat er jahrelang mit Thomas Nommensen zusammengearbeitet. Nommensen war der zweite stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft. Gegen ihn hat die Staatsanwaltschaft Kiel Anklage in zehn Punkten erhoben, unter anderem wegen Geheimnisverrats. Eine Anklageschrift mit weiteren Vorwürfen ist nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein beim Landgericht Lübeck eingegangen. Eine Entscheidung, ob die Anklage zugelassen wird, ist noch nicht gefallen.

Sogar der Bundesvorsitzende stärkte Nommensen einst den Rücken

"Er hat sich offenbar völlig verrannt," sagt Hesse heute über Nommensen. Noch im August 2019 hatte sich die Führung der DPolG demonstrativ hinter Thomas Nommensen gestellt, nachdem Staatsanwaltschaft und Polizei sein Privathaus und auch Gewerkschaftsräume durchsucht hatten. Nommensen habe "mehrfach versichert, dass an den Vorwürfen nichts dran sei," so Hesse. Sogar der Bundesvorsitzende Rainer Wendt war kurzfristig nach Kiel gekommen, um ihn zu unterstützen. "Umso größer war dann unsere Enttäuschung, als sich herausstellte, dass sich die Verdachtsmomente der Staatsanwaltschaft erhärten", sagt Hesse.

Auch Mitgliederdaten soll Nommensen dem Reporter geliefert haben

Die Anklage stützt sich in weiten Teilen auf den Chatverlauf zwischen Thomas Nommensen und dem ehemaligen Polizeireporter der "Kieler Nachrichten". Ihm soll Nommensen zwischen 2017 und 2019 regelmäßig Interna aus der Polizeiorganisation, Bilder von Tatverdächtigen sowie Fotos eines verletzten Vergewaltigungsopfers geschickt haben. Sogar Daten von Mitgliedern der eigenen Gewerkschaft soll Nommensen dem Reporter geliefert haben.

Nicht nur flapsige Worte

Es erstaunt dazu, in welcher Gehässigkeit Gewerkschafter und Reporter sich über Führungskräfte aus Polizei und Justiz offenbar auslassen. Die Sprecherin der Lübecker Staatsanwaltschaft wird als "Schlampe" tituliert, die die "Fresse halten" soll. Die Leiterin der Polizeischule Eutin wird als "widerliches Weib" verunglimpft, die gesamte ehemalige Polizeiführung als "Drecksbande". "Letztlich hat man sich hier wohl gegenseitig in eine Spirale nach oben getrieben," sagt Hesse.

Art und Weise der Kommunikation sorgt für Entsetzen in der Politik

Die Kommunikation zwischen Gewerkschafter und Reporter sorgt auch in der Landespolitik für Entsetzen. "Es geht hier nicht darum, dass einmal eine flapsige Bemerkung fällt, sondern das zieht sich durch," sagt Tim Brockmann, innenpolitischer Sprecher der CDU. Die Abscheu vor der Wortwahl teilt sein SPD-Kollege Kai Dolgner. "Aber Journalisten brauchen Quellen. Und viele Geschichten hätten nicht das Licht der Welt erblickt, wenn es nicht auch solche Kontakte gäbe."

GdP-Funktionäre werden in Chats verunglimpft

Sehr häufig zitieren die "Kieler Nachrichten" in dieser Zeit Thomas Nommensen, die Konkurrenzgewerkschaft GdP steht eher schlecht da. Intern nennen Reporter und Nommensen die GdP-Funktionäre "Pimmelnasen".

"Darüber könnte man vielleicht noch hinweglächeln," sagt der GdP-Landesvorsitzende Torsten Jäger. Doch er sah sich einer regelrechten Kampagne der "Kieler Nachrichten" ausgesetzt. Die GdP hatte sich in der Debatte um die ehemalige Polizeiführung eher zurückhaltend geäußert und die Entlassung der obersten Polizisten durch den damaligen Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) kritisiert, im Gegensatz zur DPolG und Thomas Nommensen.

Die Zeitung zitiert eine Frau, die offenbar nie GDP-Mitglied war

Im November 2017 erscheint in den "Kieler Nachrichten" ein Artikel, in dem der Polizeireporter berichtet, die GdP habe mit Kritik aus den eigenen Reihen zu kämpfen, die eigenen Führungskräfte würden als "Marionetten" beschimpft, die sich jetzt "neue Spieler suchen" müssten. Diese Zitate gehen auf ein Facebook-Profil einer "Katharina Lorenz" zurück, die über ihren Austritt aus der GdP schreibt.

Zunächst war Torsten Jäger entsetzt. "Wir haben dann versucht, Frau Lorenz auf Facebook anzuschreiben. Das ist nicht gelungen. Wir haben unsere Mitgliederkarteien durchsucht und sie nicht gefunden. Es gibt sie nicht, aber ich finde genau diese Passage eins zu eins in den 'Kieler Nachrichten' wieder."

Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wer sich tatsächlich hinter diesem Facebook-Profil verbirgt. Auf mehrfache Anfragen von NDR Schleswig-Holstein zu diesem Thema und zum Verhalten ihres Mitarbeiters haben die "Kieler Nachrichten" bislang nicht reagiert.

Reporter ist inzwischen versetzt - auf Anfragen reagiert er nicht

Der ehemalige Polizeireporter der "Kieler Nachrichten" ist mittlerweile versetzt. Thomas Nommensen ist vorläufig vom Dienst enthoben. Weder Nommensen noch der Reporter haben auf unsere Anfragen reagiert. Die Deutsche Polizeigewerkschaft hat allerdings schon ihre Konsequenzen gezogen. "Wir haben unseren Datenschutz verbessert," sagt Frank Hesse. Bei Pressemitteilungen gelte jetzt das Vier-Augen-Prinzip. Die Enttäuschung über den ehemaligen Mitstreiter bleibt.

Weitere Informationen
Thomas Nommensen, bis Anfang Dezember 2019 stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Schleswig-Holstein, steht nach einer Sitzung des Innen- und Rechtsausschusses vor dem Landeshaus. © dpa picture alliance Foto: Carsten Rehder

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Polizeibeamten

Die Staatsanwaltschaft klagt den Ex-Polizeigewerkschafter Nommensen an. Er soll in strafbarer Weise Informationen an einen Reporter weitergereicht haben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 20.11.2020 | 19:30 Uhr

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