Stand: 04.09.2019 12:12 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Der kommunale Kampf gegen Schwarzarbeit auf dem Bau

von Andreas Maisch

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Die Schwarzarbeit-Kontrolleure Martin Boesmann (l.) und Christian Martin besprechen das Ergebnis ihrer Kontrolle. Auf dieser Baustelle war alles in Ordnung.

Es geht nur um 300 Euro, als der Beamte Martin Boesmann bei seiner Arbeit attackiert wird. Boesmann besucht einen Mann zu Hause, um ein Bußgeld einzutreiben. Zunächst wirkt die Situation friedlich. Der Mann, der wegen Schwarzarbeit eine Strafe zahlen muss, zeigt sich einsichtig und holt das Geld aus seinem Portemonnaie. Doch dann zerreißt er die Scheine - und stürzt mit großen Schritten auf Boesmann zu. Dieser muss davonrennen, um dem Angriff auszuweichen, erinnert sich Boesmann noch heute genau an diese Situation vor etwa zweieinhalb Jahren.

Boesmann ist Leiter der einzigen kommunalen Ermittlungsgruppe gegen Schwarzarbeit in ganz Schleswig-Holstein. Er und seine zwei Mitarbeiter bekämpfen gewerbliche und handwerksrechtliche Schwarzarbeit. Und manchmal müssen sie persönlich Bußgelder eintreiben.

Kontrolle ist nicht Aufgabe von Bund oder Land

Falls zum Beispiel Dachdecker oder Maurer ihre Arbeit machen und nicht in einem Register der zuständigen Handwerkskammer eingetragen sind, ist dies Schwarzarbeit. Es ist Aufgabe der Kreise und Städte - und nicht des Bundes oder des Bundeslandes - diese Schwarzarbeit zu kontrollieren. Doch in den meisten Kreisen geschieht fast nichts. Und wo keine Kontrolle ist, da ist keine Strafe.

3,2 Millionen Euro Geldbußen in 20 Jahren

In den Kreisen Ostholstein und Plön sowie der Stadt Neumünster hat die Bekämpfung der Schwarzarbeit hingegen schon Tradition. Seit 20 Jahren haben die drei Kommunen eine gemeinsame Ermittlungsgruppe. Die Bilanz: Die Kontrolleure haben in den vergangenen 20 Jahren Geldbußen in Höhe von rund 3,2 Millionen Euro festgesetzt. Davon konnten rund 2,1 Millionen Euro tatsächlich eingetrieben werden.

Ein rostiges Fahrzeug kann ein Hinweis sein

An einem Montag bei 30 Grad fährt Boesmann zusammen mit seinem Kollegen Christian Martin 26 Baustellen im Kreis Plön ab. Die beiden Männer wissen von der Baubehörde, wo derzeit gebaut wird. Eine Station ist eine Baustelle, auf der Arbeiter ein Dach decken. Boesmann und Martin beobachten zuerst aus ihrem Auto, wie viele Männer auf dem Dach arbeiten. Dann fahren sie langsam an den Fahrzeugen vor der Baustelle vorbei und schauen auf die Kennzeichen und Firmenlogos der Fahrzeuge.

Boesmann sieht ein Fahrzeug, das kein Firmenlogo hat, aber vermutlich zu den Bauarbeitern gehört. Das Auto ist angerostet. Ein ordentlicher Unternehmer würde wohl besser auf sein Fahrzeug achten, vermutet Boesmann. Er sagt zu seinem Kollegen: "Die kontrollieren wir mal." Dann machen die Schwarzarbeit-Bekämpfer mehrere Beweisfotos der Fahrzeuge. Sie halten es für möglich, dass ein nicht angemeldetes Subunternehmen am Bau beteiligt ist.

Büroarbeit am nächsten Tag: Abgleich mit Datenbanken

Boesmann und Martin betreten das Grundstück und sprechen einen Arbeiter auf dem Dach an: "Moin. Wir würden gerne Ihre Baustelle kontrollieren. Können Sie bitte alle einmal runterkommen? Wie viel Mann sind Sie?" Der Dachdecker antwortet: "Vier." Die vier Arbeiter steigen die Leiter vom Dach herunter und lassen sich ohne Widerstand kontrollieren. Einer der Arbeiter zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Es soll sich ja lohnen, vom Dach heruntergeklettert zu sein."

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Schwarzarbeit-Bekämpfer Boesmann notiert die Angaben eines Bauarbeiters. Später wird er die Personaldaten am Computer überprüfen.

Ob sich die Kontrolle für die Schwarzarbeit-Ermittler gelohnt hat, weiß Boesmann erst am nächsten Tag. Dann gleicht er die Personalien und Angaben der Arbeiter mit amtlichen Datenbanken ab. Die Kontrollen an diesem Arbeitstag werden am Ende zu zwei Verfahren wegen Schwarzarbeit führen.

Ostholstein, Plön und Neumünster sind Vorbilder

Andere Kreise und Städte erklären die Truppe aus Ostholstein, Plön und Neumünster zum Vorbild und verstärken ihren Kampf gegen Schwarzarbeit. Die Städte Kiel und Lübeck planen, eigene Ermittlungsgruppen gegen Schwarzarbeit aufzubauen. In Kiel wird die Gruppe aus zwei Mitarbeitern bestehen - eine Stelle ist seit Ende August besetzt. Sobald der zweite Mitarbeiter gefunden ist, können die Kontrollen losgehen. Auch in der Stadt Flensburg diskutieren Kommunalpolitiker von FDP und CDU die Gründung einer Ermittlungsgruppe.

Kontrolleur: Arbeit hat "Ähnlichkeit mit Lotto-Spielen"

Boesmann sagt: "Was wir machen, hat Ähnlichkeiten mit Lotto-Spielen." Denn an manchen Tagen entdecken die Ermittler keinen Fall von Schwarzarbeit, an anderen Tagen stoßen sie auf viele Fälle. Hauptsache, die einzelnen Schwarzarbeiter unter den Bauarbeitern fühlen sich nicht sicher. Boesmann sagt: "Man muss ständig mit uns rechnen."

Die Kontrollen sollen abschreckend wirken. Deswegen hält Boesmann es auch für verkraftbar, dass die rund 100.000 Euro, die die Ermittler jährlich an Bußgeldern eintreiben, nicht die Personalkosten der Kontrolleure decken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.09.2019 | 08:00 Uhr

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