Der Hörspiel-Schatz von Schenefeld

Stand: 15.12.2020 19:02 Uhr

Andreas Wilken und Mathias Timm sind Fans von Hörspielen. In ihrem Laden in Schenefeld verkaufen sie Kassetten an Gleichgesinnte aus ganz Deutschland und darüber hinaus.

von Jelto Ringena

Es klickt. Dann ertönt ein leises Rauschen und plötzlich schallt die Titelmusik der "Drei Fragezeichen" durch die Kellerräume von "Timmse und die Hörspiele" in Schenefeld. Im Licht der Neonröhren stehen Inhaber Andreas Wilken und ein Kunde. Beide hören aufmerksam zu. Ein letzter Check, ob die Kassette auch einwandfrei funktioniert, dann wird das Hörspiel verkauft.

Für Sammler sind die verwinkelten Kellerräume des bundesweit einmaligen Hörspielladens eine echte Goldgrube. Bis unter die Decke stapeln sich die Kisten mit CDs und Kassetten. Darunter die Klassiker wie "TKKG", "Drei Fragezeichen" oder "Fünf Freunde". Aber auch Unbekannteres wie die alten "Jan Tenner"-Hörspiele oder die spannenden Fälle aus "Point Whitmark". Teilweise reisen Hörspielfans aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz an, um einmal durch die 6.000 alten Kassetten und CDs im Keller zu stöbern.

"Für mich ist Hörspiele hören wie eine Zeitreise", sagt Andreas Wilken, während er eine weitere Kassette einlegt. Dieses Mal ertönt die Stimme des berühmten Märchenerzählers Hans Paetsch. "Das habe ich damals schon gehört, als ich ein Kind war, und selbst heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Stimme von Hans Paetsch höre", erklärt Andreas.

Weihnachten und Corona lassen Hörspiele boomen

Viel Zeit zum Hören bleibt ihm aber nicht, denn gerade in der Vorweihnachtszeit hagelt es Bestellungen. Die meisten kommen über den Onlineshop. Drei mal täglich kommt in diesen Tagen die Post vorbei, um die Bestellungen mitzunehmen. "Im Moment stehen wir hier von mindestens morgens um 6 Uhr bis abends um 20 Uhr im Laden, um das alles zu packen. Manchmal wird es sogar noch länger", sagt Andreas im Vorbeilaufen, denn gerade hat er die nächsten Bestellungen ausgedruckt. In der Weihnachtszeit gibt es ohnehin viele Bestellungen und jetzt durch Corona noch mehr - die Leute haben offenbar mehr Zeit und Lust zum Hören. Momentan verkaufen die beiden Schenefelder 1.200 Hörspiele pro Tag. Das ist doppelt so viel wie sonst. Jetzt durch den angekündigten Lockdown ist es noch mehr: Am Montagmorgen hatten sie 2.000 neue Bestellungen.

2004 fing alles an

Eine Hand hält eine Kassettehülle von "Die Schatzinsel" im Schenefelder Laden "Timmse und die Hörspiele". © NDR
Totgesagte leben länger: Die Kassette ist wieder auf dem Vormarsch.

Die Idee zum eigenen Laden ist bei Mathias und Andreas aus der eigenen Hörspielbegeisterung entstanden. Alles fing mit einem gemeinsamen Flohmarktbesuch an. "Da hat Mathias eine Kassette zweimal gekauft", berichtet Andreas. "Als ich ihn darauf angesprochen habe, meinte er, dass er eine davon im Internet weiter verkaufen würden. Mit dem Gewinn aus solchen Geschäften hat Mathias sich damals seine eigene Hörspielsammlung finanziert."
Als Mathias die Arbeitslosigkeit drohte, kam dann eins zum anderen: Andreas rechnete einmal grob durch, wie viel Gewinn man mit dem Weiterverkauf von Hörspielen machen könnte und kurze Zeit später waren die beiden mit ihrem eigenen Geschäft "Timmse und die Hörspiele" selbstständig. Heute - 16 Jahre später - sind Mathias und Andreas nicht nur vielbeschäftigte Ladenbesitzer, sondern auch Verleger.

Die Europa Chronik: Jahrzehntelange Hörspiel-Geschichte

Kaum sind die Bestellungen ausgedruckt, kommt auch schon die nächste Lieferung für die beiden Hörspielfreaks. Dieses mal aber keine Kassetten, sondern etwas ganz Besonderes. "Andreas, die Chronik ist da", ruft Mathias Timm und kurz darauf wird eine Palette voller Pappkartons auf einem Hubwagen in die Büroräume geschoben. Noch schnell eine Unterschrift für den Lieferanten und dann zerschneidet Andreas hastig die Plastikfolie. Zum Vorschein kommen Bücher, die von außen wie eine Schallplatte bedruckt sind. Darauf steht "Die Europa Chronik" - ein Buch voller Fotoaufnahmen, Hörspielcover und Behind-The-Scenes-Material vom Hörspielverlag Europa aus Quickborn.

Während Andreas zufrieden durch die Seiten blättert, sagt er: "Wir haben die beiden Autoren der Europa-Chronik auf der Hörspielmesse kennen gelernt und waren so begeistert von der Idee, dass wir angeboten haben das Buch zu verlegen." Und jetzt ist es da! Jahrzehntelange Hörspiel-Geschichte aus Schleswig-Holstein, zusammengefasst in einem Buch, verlegt in Schleswig-Holstein.

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Der eigene Hörspiel-Verlag rettet so manche Serie

Doch nicht nur die Hörspielchronik wird von den beiden Schenefeldern verlegt. "Es gibt immer wieder Produktionen, die leider eingestellt werden müssen, weil sie für die großen Verlage nicht lukrativ genug sind. Für uns reicht das aber allemal!" Also kümmern sich Mathias und Andreas darum. Damit die Serien nicht eingestampft werden müssen, verlegen sie die Hörspiele, sodass die Fans und natürlich auch sie selbst weiter hören können.

Ein Leben voller Hörspiele

Andreas Wilken hatte sogar selbst mal kleinere Auftritte in Hörspielen. "Einmal brauchte ein Regisseur, der mich kannte, jemanden mit waschechtem norddeutschen Akzent", erzählt Andreas schmunzelnd. "Ich musste einen einzigen Satz sprechen. Nämlich: Da brat' mir doch einer 'nen Storch! Den dafür aber gefühlt 1.000 mal."

Um 18 Uhr macht "Timmse und die Hörspiele" in Schenefeld zu. Bis zum Feierabend dauert es für Andreas und Mathias noch ein bisschen. Doch dann geht es ab nach Hause und bevor der nächste Tag beginnt, gibt es am Abend zum Einschlafen natürlich noch ein Hörspiel.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.12.2020 | 19:30 Uhr

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