Stand: 12.02.2020 09:30 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Ortstermin: Der CDU fehlt eine gemeinsame Stimme

von Céline Sonnenberg

In dem kleinen Vortragsraum in den Lübecker Media Docks sind fast alle Plätze besetzt. Unter Neonlicht treffen sich hier etwa 50 Mitglieder des CDU-Ortsverbandes St. Gertrud. Der Verband feiert sein 70-jähriges Jubiläum. Die Mitglieder wollten mit Christian von Boetticher über die aktuelle Lage der Politik in Deutschland und Schleswig-Holstein sprechen, doch Annegret Kramp-Karrenbauers unerwarteter Rücktritt als Parteichefin hat auch hier an der Lübecker Bucht Konsequenzen. Der Rücktritt von AKK ist eine weitere Eskalation der Krise der CDU nach der umstrittenen Wahl in Thüringen. Dort war mit den Stimmen von CDU und AfD ein FDP-Kandidat zum Ministerpräsidenten gewählt worden - eine Zerreißprobe für die CDU als Volkspartei der Mitte.

Jetzt wichtig: Eine klare Position

Im Ortsverband St. Gertrud waren viele Mitglieder von AKKs Rücktritt überrascht. Sie sehen die aktuelle Krise aber vor allem auch als Chance für einen Neubeginn. Besonders wichtig ist den Mitgliedern, dass sich die CDU wieder klar positioniert. "Wir sollten uns wirklich aufstellen und entscheiden, was wir wollen und was nicht. Sodass wir im Endergebnis nichts mit den Linken oder den Rechten zu tun haben, sondern unsere Politik der Mitte weiterführen", erklärt Eckerhardt Eymer. Er ist seit 1968 Mitglied in der CDU und saß wie seine Frau Anke für die Partei im Bundestag. Auch Frau Eymer steht voll hinter den Christdemokraten: "Ich gehöre seit 50 Jahren der CDU an und ich habe schon einige Wogen miterlebt. Mein Vertrauen ist nach wie vor in meiner Partei, es geht immer weiter."

Wer wird AKKs Nachfolger?

Aber wie es weitergehen soll, darüber herrscht in der CDU ein großer Konflikt. Immer wieder kam es seit der Flüchtlingskrise 2015 zu Spannungen zwischen den verschiedenen Flügeln in der Partei, zwischen konservativen und liberalen Kräften. Jens Spahn, Friedrich Merz und Armin Laschet werden als mögliche Kandidaten für die Nachfolge von AKK an der Parteispitze gehandelt. Die Entscheidung wird auch richtungsweisend für die Zukunft der CDU sein. In Lübeck favorisieren viele Mitglieder Friedrich Merz, der eine konservativere Richtung in der Partei vertritt. Merz hatte schon 2018 mit AKK konkurriert, damals hatte in Lübeck im November der Auftakt des Wahlkampfs um die Parteispitze begonnen.

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Die Stimmung bei der damaligen Veranstaltung war um einiges hoffnungsvoller. Nach den turbulenten Tagen hat die Basis ein grundlegendes Vertrauen in die Partei verloren. Tim Becker aus Lübeck denkt zwar noch nicht über einen Parteiaustritt nach, aber ihm ging es in letzter Zeit zu viel um Parteipolitik, und zu wenig um Inhalte. "Das Wichtigste ist, dass wir die inneren Streitigkeiten auf die Reihe kriegen und dann tatsächlich mal die Themen angehen, die die Leute interessieren und bewegen. Es wird zu viel intern diskutiert, und dann haben die Bürger natürlich das Gefühl, dass sie nicht gehört werden."

Auch Anke Eymer fordert ein Umdenken in der CDU. "Man muss sich auch fragen, warum sich andere Parteien formieren. Vielleicht lag es in der Vergangenheit auch daran, dass manches aus meiner Partei zu Wischiwaschi und nicht klar positioniert war. Wir müssen wieder zu klaren Aussagen kommen, damit auch die Wähler uns wieder verstehen." Die CDU soll zu ihren ursprünglichen konservativen Werten zurückfinden, sich klar positionieren und nicht mehr nur über Personalien diskutieren.

"Wir sind eine Volkspartei der Mitte"

Die Kreisvorsitzende der Frauen-Union, Silke Theuerkauff, ist vor allem enttäuscht, dass es eine Frau war, die zurückgetreten ist. AKKs Schritt kann sie verstehen, bezweifelt aber, dass ein Mann so gehandelt hätte. "Ich bin traurig, dass es eine Frau nicht geschafft hat, diese Position beizubehalten. Für AKK selbst war es der richtige Schritt." Für Silke Theuerkauff ist es jetzt entscheidend nicht politisch nach links oder rechts nachzugeben: "Wir sind eine Partei der Mitte, wir sind eine Volkspartei und es wäre fatal, sich zu der einen oder der anderen Seite hin zu bewegen." Auf Bundesebene lehnt die CDU Koalitionen und Zusammenarbeit mit der AfD und der Linken ab. Inwieweit die CDU diese Grundsatzposition ändern wird, zeigt sich wohl erst in den nächsten Monaten. Die CDU-Mitglieder in Thüringen wünschen sich - wie wohl viele andere CDU-Mitglieder - vor allem, dass ihre Partei bald wieder mit einer gemeinsamen und klaren Stimme auftritt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 11.02.2020 | 19:30 Uhr

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