Stand: 24.08.2019 10:00 Uhr

Demenzkranke blühen in Preetzer Mustergarten auf

von Lina Bande

Eigentlich ist es in der Mittagssonne schon fast zu warm - und trotzdem ist der Garten des Pflegezentrums am Klostergarten in Preetz (Kreis Plön) ziemlich voll. Pflegekräfte schlendern gemeinsam mit Bewohnern durch die Anlage und vor dem Pavillon hat sich spontan eine größere Gruppe zusammengesetzt. Auch der Strandkorb, ein bisschen abseits, ist belegt. Hier haben es sich Marlies von Höveling und ihr Mann bequem gemacht. Alfred von Höveling hatte vor acht Jahren einen Schlaganfall, seit fünf Jahren lebt er nun im Haus am Klostergarten. Die maritime Ecke liebt das Ehepaar besonders - dort fühlen sie sich immer an die Zeit erinnert, als sie in Schönberg lebten.

Bundesweit einmaliger Garten für Demenzkranke

Idee kommt vor zwei Jahren

Den Strandkorb gibt es noch gar nicht lange im Garten - und auch vom Pavillon über die große Terrasse bis hin zu Johannisbeersträuchern ist alles neu. Die knapp 4.000 Quadratmeter wurden im letzten Jahr umgestaltet - zu einem sogenannten Mustergarten für Menschen mit und ohne Demenz. Eine Idee aus dem Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein, nach dessen Angaben der Mustergarten bundesweit einzigartig ist.

"Natur bietet viele Möglichkeiten"

"Was ist, wenn jemand in ein Pflegezentrum kommt und keinen Zugang hat zur Natur? Die Natur bietet so viele schöne Möglichkeiten, sie fördert die Gesundheit und fördert das Erleben", sagt Anne Brandt vom Kompetenzzentrum. Vor etwa zwei Jahren gingen ihr diese Gedanken durch den Kopf. Das Problem damals: Es fehlte ein passender Garten.

Brandt kam während eines Treffens mit der Preetzer Einrichtungsleiterin Susanne Sielaff-Untiedt ins Gespräch. "Und ich hab ganz naiv gesagt, dass wir einen Garten haben", sagt Sielaff-Untiedt heute lachend.

Jeder durfte Wünsche äußern

Mit Hilfe einer Gartentherapeutin wurde der Garten dann geplant. Im ganzen Haus wurden Fragebögen verteilt, die jeder ausfüllen durfte - auch Angehörige, Mitarbeiter und Ehrenamtliche. "Es gab Wünsche nach bestimmten Pflanzen, mit rührigen Geschichten, weil es zum Beispiel die Lieblingspflanze von der Ehefrau war", erzählt die Einrichtungsleiterin. Auch den Wunsch nach Wasser habe es gegeben.

Anfassen ausdrücklich erwünscht

Eine große Rolle spielt das sinnliche Erleben im Garten, das heißt, dass es zum Beispiel ein Haptik-Beet gibt. Die Pflanzen dort haben alle unterschiedliche Blätter. Anfassen ist hier ausdrücklich erwünscht. Und im Teebeet darf sich jeder passende Kräuter für einen Tee pflücken. Auch kleine Sportgeräte, Klangspiele und Fühlstationen sprechen alle Sinne an. Oftmals werden so auch Erinnerungen geweckt.

Im Garten wacht ein Bewohner oft auf

Marlies von Höveling hat die positiven Effekte des Gartens schon bemerkt. Ihr Mann ist die meiste Zeit in seiner eigenen Welt, aber wenn es nach draußen in den Garten geht, dann wacht er oft auf. "Dann strahlt er und freut sich über die Farben", erzählt sie. Das hat auch Leiterin Sielaff-Untiedt beobachtet: "Der Garten bringt einfach Freude - das Anfassen, das Riechen, das Entspannen. Das ist wie ein Seelenbalsam, den wir hier haben."

So wird der Garten gleichzeitig auch zur Begegnungsstätte. Mitarbeiter verbringen dort ihre Pause, Angehörige treffen sich zum Picknick. Ein lebendiger Ort, der auch soziale Teilhabe fördert.

Anregungen für andere Einrichtungen

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Marlies von Höveling (Mitte) kommt jeden Tag ins Haus am Klostergarten, um ihren Mann Alfred zu besuchen. Wie auch Ursula Sellmer (links) liebt sie die maritime Ecke mit dem Strandkorb.

Ein Vorbild auch für andere Einrichtungen. Deshalb soll der Garten ab dem kommenden Jahr wirklich zum Muster werden. Dann soll es Führungen und Schulungen mit der Therapeutin geben. "Wir möchten damit Mut machen, dass andere Einrichtungen Ideen davon aufgreifen", sagt Anne Brandt vom Kompetenzzentrum. Und wenn es nur eine kleine Facette sei, wie Kräutertöpfe oder Hochbeete. Auch jetzt schon darf jeder, der möchte, den Garten besuchen. "Wir sind ein offenes Haus, und dazu gehört auch der Garten", sagt Susanne Sielaff-Untiedt.

Gesamtkosten stehen noch nicht fest

Der Garten ist ein Kooperationsprojekt der Pflegeeinrichtung, der Alzheimer Gesellschaft Schleswig Holstein und des Kompetenzzentrums Demenz. Dazu kommen zahlreiche Spenden von Unterstützern. Auch Hörer, Zuschauer und User des NDR beteiligten sich: Im Rahmen der Benefizaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" wurde der Garten mit 36.000 Euro gefördert. Zu den Gesamtkosten für den Garten kann das Pflegezentrum am Klostergarten noch keine Angaben machen.

Viele Erinnerungen an den eigenen Garten

Was noch umgesetzt werden soll, ist ein Fußtastpfad, der auch mit dem Rollstuhl befahren werden kann - dann ist der Garten komplett. Die Bewohner des Hauses am Klostergarten sind allerdings auch jetzt schon mehr als zufrieden. "Wir haben zu Hause auch ein großes Grundstück und der Garten war unsere Welt", erzählt Marlies von Höveling. "Hier kann ich jetzt genießen, was ich Zuhause abgeschafft habe, weil ich es nicht mehr schaffe."

Ihr Mann Alfred antworte jetzt sogar oft, wenn sie frage, ob sie in den Garten wollen, erzählt sie. "Ich sage dann, wir gehen jetzt auf die Plaza."

Das Gedächtnistraining gehört für Rose-Marie Witt (67) zur Therapie in der Tagespflege. © NDR/Sabelli Film

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 28.08.2019 | 20:05 Uhr

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