Stand: 09.12.2019 20:44 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Datenbank: Gewalt-Problem an Gemeinschaftsschulen

Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat am Montag davor gewarnt, das Thema Gewalt an Schulen zu tabuisieren. Anlass waren erste Ergebnisse der Datenbank Gewaltmonitoring zum Schuljahr 2018/19. In deren Rahmen hatten 149 von 795 Schulen in Schleswig-Holstein Fälle von Gewalt gemeldet. Prien geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Sie forderte einen ehrlichen Umgang mit dem Problem. Eine zentrale Erkenntnis des Monitorings ist, dass fast drei Viertel der gemeldeten Taten an Gemeinschaftsschulen geschahen. Dabei unterrichten diese nur gut ein Viertel (25,9 Prozent) der Schüler im Land. "Da liegt ein großes Problem", sagte Prien.

Datenbank liefert keinen vollständigen Überblick

An die Datenbank des Bildungsministeriums wurden von öffentlichen allgemein- und berufsbildenden Schulen im nördlichsten Bundesland 585 Vorfälle gemeldet - bei knapp 370.000 Schülern sowie gut 28.500 Lehrern. Die Schulen sollen seit August 2018 Zwischenfälle melden, die zur Folge hatten, dass der Täter oder die Täterin der Schule verwiesen, suspendiert oder in eine Parallelklasse versetzt wurde. Damit wird laut Ministerin Prien nicht jede Rangelei und nicht jede Beleidigung erfasst. Einen vollständigen Überblick über Gewaltvorfälle an Schulen kann die Datenbank lauf Ministerium nicht liefern.

Knapp die Hälfte der Fälle: Körperverletzungen

Von den gemeldeten Fällen stuften die Schulen knapp die Hälfte als Körperverletzung ein. Aber auch Mobbing, Drohungen oder psychische Gewalt waren dabei. Laut dem Gewaltmonitoring waren zwei Drittel der Opfer (67 Prozent) Schüler. Die Lehrer machten 15,7 Prozent der Opfer aus. In gut 20 Prozent aller Fälle wurde die Polizei eingeschaltet.

Jungen von Klasse fünf bis neun besonders gewalttätig

Mit 84,1 Prozent ging die gemeldete Gewalt im Schuljahr 2018/19 in den meisten Fällen von Jungs aus, vor allem im Teenageralter. "Rund 70 Prozent aller Taten wurden von Jungen in den Klassenstufen fünf bis neun verübt", sagte Prien. Knapp 18 Prozent aller Täterinnen und Täter hätten einen DaZ-Status (Deutsch als Zweitsprache). Vor allem für Jungs müssten neue Angebote geschaffen werden, um dem Gewaltproblem beizukommen, forderte die Ministerin.

"In Kiel ist die Gefahr durch Gewalt an Schulen deutlich größer

Generell gilt: "In Kiel ist die Gefahr durch Gewalt an Schulen deutlich größer als in Stormarn", sagte Prien. Zwar gingen nur 9 Prozent aller Schüler im Land in der Landeshauptstadt zur Schule. Der Anteil am Meldeaufkommen lag dort mit 21,9 Prozent aber besonders hoch. Zum Vergleich: Stormarn hat zwar 8,4 Prozent aller Schüler im Land. Von dort stammten aber nur 1,2 Prozent aller gemeldeten Vorfälle.

"Null-Toleranz-Politik" kann zu vielen Meldungen führen

Die Datenbank lasse keine Schlüsse über die Ursachen und Hintergründe des Meldeaufkommens zu, "wenngleich die soziodemografische Struktur eines Raumes bzw. Schulstandortes hier eine Rolle spielen dürfte", heißt es in dem Bericht des Bildunsministeriums. Aber auch eine "Null-Toleranz-Politik" von Schulen bei Gewalt könne dazu führen, dass mehr Fälle gemeldet werden.

Auswertung mit Schulleitungen im Land geplant

Die Ergebnisse des Monitorings sollen nun mit den Schulleitungen im Land ausgewertet werden. Hinsichtlich der Vielzahl von Fällen an Gemeinschaftsschulen, in die Jungen als Täter verwickelt waren, sind nach Ansicht des Bildungsministeriums mehrere Angebote zu prüfen und eventuell zu stärken: Angebote der Schul-Sozialarbeit, Kooperationen mit außerschulischen Partnern, der gezielte Einsatz männlicher Lehrkräfte sowie eine gezielte "Jungenarbeit".

Lehrern sollen Möglichkeiten "offensiver angeboten werden"

In Bezug auf die von Gewalt betroffenen Lehrkräfte (laut Datenbank 92) müsse festgestellt werden, "dass der psychische Druck auf die Lehrkräfte in diesen Fällen nicht unerheblich ist", heißt es in dem Bericht. Zur Verfügung stehende Angebote für Opfer müssten "noch offensiver angeboten werden".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.12.2019 | 20:00 Uhr

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