Stand: 30.11.2018 12:30 Uhr

Das Leben einer Zeitzeugin in der Grenzregion

von Lukas Knauer

Anneliese Albrecht sitzt aufrecht auf ihrem Sofa und lächelt. Tiefe Falten ziehen sich durch ihr Gesicht. Die 94-Jährige ist geistig noch topfit. "Wenn ich Informationen brauche, dann schlage ich sie einfach damit nach", sagt sie und deutet auf ihr Tablet auf dem Tisch. Früher arbeitete sie im Flensburger Zentralarchiv. Sie weiß, wie man recherchiert.

Ein Schlaganfall und zwölf Ersatzteile

Aus ihrem Zimmer kann sie den Glücksburger Schlosssee überblicken - hier wohnt sie in einer Seniorenresidenz. Früher lebte sie mit ihrem Mann direkt an der Flensburger Förde. "Wir wohnten am Strand und konnten vom Wohnzimmer aus die Ochseninseln sehen. Das vermisse ich. Ich würde so gerne noch mal baden gehen." Aber in ihrer jetzigen Verfassung ist das nur schwer möglich. Seit einem Schlaganfall Ende September dieses Jahres ist ihre linke Körperhälfte gelähmt. "Außerdem habe ich zwölf Ersatzteile in mir - aber das macht mir nichts aus. Zum Glück kann ich ja noch meinen Kopf benutzen", sagt sie und lacht.

Wurst-Schmuggel über die Grenze

Geboren wurde Anneliese Albrecht am 3. März 1924 in Eckernförde, aber bereits kurz darauf zog es ihre Familie nach Flensburg. Ihre Lebensgeschichte ist eng mit der Grenzregion verbunden. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie als Lehrerin an einer deutschen Privatschule in Hellevad, in der Nähe von Apenrade in Dänemark - das war 1943. Jede Woche überquerte sie mit dem Fahrrad die Grenze, um ihre Mutter in Braderup in Nordfriesland zu besuchen, oft mit Lebensmitteln im Gepäck. "Manchmal habe ich eine schöne leckere Wurst in die Regenschirmhülle gestopft." Ganz legal war das nicht, aber die Grenzbeamten ließen sie passieren. "Die kannten mich ja."

Grenzjubiläum 2020 - eine Zeitzeugin erinnert sich

Flucht nach Deutschland

Als die letzte deutsche Reichsregierung in Flensburg Anfang Mai 1945 kapitulierte, besuchte Anneliese Albrecht gerade eine Freundin in Apenrade. Auf einmal war die Grenze geschlossen. Sie aber wollte zurück nach Deutschland, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Kurzerhand besorgte sie sich gefälschte Papiere, schlüpfte in eine Rot-Kreuz-Uniform und stieg in einen Gefangenentransport, der Wehrmachtssoldaten von Norwegen nach Deutschland bringen sollte. An der Grenze zu Deutschland flog sie auf. Durfte nach einem Verhör durch Alliierte Truppen aber doch passieren.

Erzählorte-App soll Erinnerungen bewahren

All das sind Erinnerungen, die bald Geschichte sein könnten, denn immerhin ist Anneliese Albrecht bereits 94 Jahre alt und eine wichtige Zeitzeugin. "Auch deshalb haben wir das App-Projekt 'FLEO2020' gestartet", sagt der Leiter des Museumsberges in Flensburg, Michael Fuhr. "Wir wollen alle Menschen, die in der Region leben, dazu bewegen ihre Geschichten und Erfahrungen mit der Grenze mit uns zu teilen." 2020 jährt sich das Datum der deutsch-dänischen Grenzabstimmung zum 100. Mal. Im Jubiläumsjahr ist in Flensburg eine über die ganze Stadt verteilte Ausstellung geplant. Außerdem sind eine grenzüberschreitende Landesgartenschau und ein Bürgerfest im Gespräch. Die Erzählorte-App ist also erst der Anfang.

Eine Million Euro für Grenzausstellung

Wer die App auf seinem Smartphone installiert, der kann nicht nur Geschichten anderer hören und sehen, sondern auch 25 sogenannte "Erzählorte" in Flensburg besuchen. Orte, die mit der deutschen und dänischen Vergangenheit in Flensburg zu tun haben - wie etwa das Deutsche Haus, Grenzstein Nummer eins, das Polizeipräsidium oder auch das NDR Studio, das 1950 gegründet wurde, um die deutsche Präsenz im Norden zu unterstreichen. Die App navigiert Besucher mithilfe einer Karte zu diesen Orten - stellt Bilder und Infotexte bereit. Für das Gesamtprojekt stehen eine Million Euro zu Verfügung.

Die App ist unter dem Namen FLEO2020 - das steht für Flensburger Erinnerungsorte - jetzt für Android und in Kürze auch für iPhones kostenlos erhältlich. Weitere Infos zum Projekt gibt es auch unter fl2020.de.

Drei Kilometer über die zugefrorene Förde nach Dänemark

In Glücksburg schaut Anneliese Albrecht aus dem Fenster in der Seniorenresidenz. Gerade gleiten zwei Schwäne in das Wasser des Schlosssees. "Die sind aber früh dran in diesem Jahr", sagt sie und lächelt. Von ihrem Glück, Teil der Flensburger Erzählorte-App zu werden, weiß sie noch nicht. Aber eine letzte Grenz-Geschichte will sie noch erzählen: "Mein Sohn muss da so 16, 17 gewesen - Ende der 70er-Jahre. Da war im Winter die komplette Flensburger Förde zugefroren. Dann wollten er und ein Freund rüber nach Dänemark." Sie zogen sich Neoprenanzüge über, banden sich ein Seil um die Hüften und wanderten von Glücksburg aus los. Die drei Kilometer zum anderen Ufer schafften sie problemlos. Doch dann krachte hinter ihnen das Eis.

"In der Flensburger Förde war ja die Marine unterwegs - ein Eisbrecher hatte die Fahrrinne wieder freigemacht und sie konnten nicht mehr zurück", erzählt Anneliese Albrecht und schlägt eine Hand vor das Gesicht. "Zum Glück hatten die beiden ihren Seglerausweis dabei - mit dem konnten sie ohne Probleme wieder die Grenze passieren. Aber da waren noch viele andere, die gar keinen Pass dabei hatten. Wie die wieder rübergekommen sind, weiß ich leider nicht."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.11.2018 | 19:30 Uhr

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