Corona und klirrende Kälte: Schwere Zeiten für Obdachlose

Stand: 08.02.2021 16:10 Uhr

Die Diakonie Schleswig-Holstein geht davon aus, dass zurzeit mehrere Dutzend Menschen im Land "Platte machen", also tatsächlich draußen schlafen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

von Andrea Schmidt

Es ist bitterkalt und die Temperaturen werden vermutlich die ganze Woche im Minusbereich bleiben. Die Diakonie Schleswig-Holstein und die Kommunen haben mit dem Winternotprogramm die Angebote für Obdachlose erweitert. Es gibt Tagestreffs, Bahnhofsmissionen, Notunterkünfte, beheizte Container und sogar Hotels in Kiel, Lübeck oder Neumünster, die Zimmer anbieten. "Dennoch lehnen manche Menschen diese Angebote ab", sagt die zuständige Referentin der Diakonie Schleswig-Holstein, Doris Kratz-Hinrichsen. Manche haben Angst vor Corona, andere wollen ihre Privatsphäre nicht aufgeben, wieder andere halten es einfach in geschlossenen Räumen nicht aus. Die Kieler Stadtmission schätzt die Zahl jener, die noch draußen übernachten, noch höher ein als die Diakonie und nimmt an, dass allein in der Landeshauptstadt 50 Menschen draußen schlafen.

Gute landesweite Versorgung für Obdachlose

Laut Diakonie gibt es in allen Städten Schleswig-Holsteins genügend Unterkünfte. Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster sind Kratz-Hinrichsen zufolge die Orte mit den meisten Obdachlosen. In Städten wie Pinneberg oder Norderstedt gebe es auch genügend Angebote - manche weichen auch nach Hamburg aus. Weiße Flecken tauchen dagegen laut Diakonie im Bereich Herzogtum Lauenburg auf. 2020 haben rund 8.000 Menschen die Angebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen - etwa so viele wie 2019.

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Sehr schlechte psychische Verfassung

Richtig schlimm sei zurzeit die psychische Verfassung vieler Obdachloser, sagt Kratz-Hinrichsen. Kein Geschäft, kein Café habe mehr auf - Orte zum Aufwärmen fallen massiv weg. Weniger Menschen sind auf der Straße - jetzt im Lockdown und bei den eisigen Temperaturen sind es noch weniger als bisher. Freunde oder Bekannte, die bisher ab und zu ein Bett zum Übernachten bereitgestellt haben, streichen in Corona-Zeiten häufig dieses Hilfsangebot. "Außerdem stellen wir fest, dass immer mehr Frauen obdachlos sind", sagt Kratz-Hinrichsen. In Husum (Kreis Nordfriesland) ist der Anteil der Frauen an der Wohnungslosenhilfe tatsächlich schon höher als bei Männern.

Stadtmission Kiel: Obdachlose auf der Straße ansprechen

Was tun, wenn man jetzt Menschen auf der Straße sitzen sieht? Karin Helmer, Geschäftsführerin der Kieler Stadtmission Mensch, gibt Tipps: "Wenn Sie an Menschen in dieser kalten Jahreszeit vorbeigehen, bitte gehen Sie nicht einfach nur vorbei, sondern sprechen Sie den Menschen an, fragen Sie, ob es ihm gut geht, ob er etwas benötigt und informieren Sie dann notfalls auch die Polizei."

Bahnhofsmission Elmshorn: Spenden willkommen

Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei hoch, beobachten alle Träger und Unterstützer. Auch bei der Bahnhofsmission Elmshorn freut man sich über viele Spenden. "Was wir immer gebrauchen können, sind warme Decken und Schlafsäcke, außerdem Jacken, Mützen und Schals", sagt die Leiterin Wiebke Turkat. An der Bahnhofsmission in Elmshorn gelte jetzt das Motto: "Erfrierungsschutz über Coronaschutz". Das bedeute nicht, dass Hygienemaßnahmen außer Acht gelassen würden, aber bei Bedarf würde das Viererzimmer der Männer wieder voll belegt werden. Das war in letzter Zeit nicht so. Das allerhöchste Ziel lautet: Erfrieren soll niemand.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.02.2021 | 17:00 Uhr

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