Blick auf die Füße von einem Kind, das am Rand eines Schwimmbades steht. © COLOURBOX Foto: Oleg Mikhaylov

Corona und Soziales: Wenn Menschen ein Stück Heimat wegbricht

Stand: 06.05.2021 20:21 Uhr

Eindringliche Appelle: Experten haben dem Sozialausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtags über die Folgen der Corona-Pandemie für jene Gruppen berichtet, die auf Unterstützung angewiesen sind.

von Constantin Gill

"Eine Jugend hat man nur einmal", sagt die CDU-Abgeordnete Katja Rathje-Hoffmann nebenbei in der Fragerunde. Wie sehr die Corona-Pandemie die Jugend und Kindheit mancher beeinträchtigt, schildern die Experten den Politikern in dieser Sitzung des Sozialausschusses am Donnerstag eindringlich. So berichtet AWO-Geschäftsführer Michael Selck von Kindern, die - weil beide Eltern zu Hause sind - seit Monaten nicht in der Kita waren: "Viele von denen hätten es bitter nötig gehabt."

Wenn niemand merkt, dass zu Hause etwas nicht stimmt

Wenn pädagogische Fachkräfte als "Seismographen" fehlten, wie es Johannes Reimann vom Schleswig-Holsteinischen Landkreistag ausdrückt, merke niemand, "wenn etwas zu Hause nicht stimmt". Er verweist auf die gerade vom Land verkündeten Öffnungsschritte und vermisst dort Lockerungen für den Jugendhilfebereich: "Warum kann man nicht zum Beispiel einfach einen Jugendclub öffnen und sagen: Wir stellen einfach mal einen Tischkicker vor die Tür?", fragt sich Reimann.

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"Die Jugend wird politischer - das sollten Sie fördern"

Emma Louisa Döhler und Keivan Azimi, Mitglieder des Jugendrates des Kinderschutzbundes, wenden sich direkt an die Abgeordneten: "Hat Sie ausschließlich ein Freund oder eine Freundin geprägt?", fragt Azimi. Die Antwort gibt er selbst, natürlich lautet sie "nein". Denn die Gruppe, die "Peergroup" sei das, was Menschen präge. Enge Freundschaften könne man momentan aber kaum pflegen.

Ob nun der Ausflug zum Strand oder der Spaziergang im Park - all das fehle: "Einfach wieder füreinander da sein", so Azimi. Dabei sei man als Schulklasse dank Testpflicht doch die sicherste gesellschaftliche Gruppe. Und Emma Louisa Döhler fordert, Kinder und Jugendliche sollten "endlich erst genommen" werden. Die Jugend werde politischer - "und das sollten Sie fördern".

Ausbildungszahlen: Rückgang stärker als nach Lehman-Pleite

Für die jungen Menschen sind nicht nur Freundschaften in Gefahr - auch die Perspektiven. Heiko Gröpler vom DGB Nord sagt, dass die Ausbildungszahlen stärker zurückgegangen sind als während der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite 2008. Sein Appell: "Gebt den Jugendlichen eine Chance, in Ausbildung zu kommen."

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Michael Selck von der AWO: Fünf Minuten reden ist zu wenig

Die Gäste der Anhörung üben aber nicht nur Kritik. Sie loben auch viele der Lösungen, die auf Landesebene und auf kommunaler Ebene gefunden wurden. Manches hat sich im Verlauf der Pandemie positiv entwickelt. Doch die Krise ist nicht vorbei, der Alltag weit entfernt. Viele fordern schlicht, die Politik müsse die betroffenen Gruppen stärker in den Fokus nehmen. Die Prioritäten zu überdenken, hatte Michael Selck von der AWO gefordert. Dass der Sozialausschuss das Thema in den Fokus nimmt, erfüllt diese Forderung zwar schon zum Teil - die kurze Redezeit von fünf Minuten dagegen reicht Selck nicht.

Bürokratische Hürden und "Kulturbruch" auf dem Land

Was bei allen Schilderungen am Donnerstag deutlich wird: Wer im normalen Leben schon auf Unterstützung angewiesen ist, hat es in Corona-Zeiten noch schwerer. Das gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche. So berichten die Experten auch von Menschen mit Behinderung und Pflegebedürftigen, die unter den Kontaktbeschränkungen leiden. Von Behördenmitarbeitern, die im Homeoffice schwer oder gar nicht zu erreichen sind. Und von Pflegeheimen oder Gesundheitsämtern, die trotz Lockerungen noch einen strengen Kurs fahren. Und Samiah El Samadoni, die Bürgerbeauftragte, erzählt von Pflegebedürftigen, die nur telefonisch begutachtet werden - mit der Folge, dass Pflegegrade abgesenkt werden.

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Im ländlichen Raum fehlt auch der Bingo-Abend

Doch nicht nur im Pflegeheim hat Corona das Leben eingeschränkt: Alfred Bornhalm vom Sozialverband berichtet von einem "Kulturbruch": Die Ortsverbände hätten ihre Aktivitäten wegen Corona auf Null gefahren, dadurch seien Ausflüge, Klönschnacks und Bingo-Abende weggefallen. Gerade im ländlichen Raum habe das eine Lücke hinterlassen.

Beim Sozialverband kennt man außerdem seit langem das Phänomen, dass Menschen, die Anspruch auf staatliche Unterstützungsleistungen hätten, den Gang zum Amt vermeiden wollen. Im Sozialausschuss erfahren die Abgeordneten, dass dies teils auch für Jüngere gilt - selbstständige Unternehmer etwa, die lieber an ihre Ersparnisse gehen, als Leistungen zu beantragen, die ihnen eigentlich zustehen würden.

Geschlossene Sozialkaufhäuser: Da bricht vielen etwas weg

Bei Verbänden und Arbeitsgemeinschaften klingt in den Reden auch die Sorge um die eigene Finanzierung durch. Damit sei auch die soziale Infrastruktur gefährdet, warnen sie. Ein Beispiel liefert Martin Meers von der "Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit", die sich etwa um Langzeitarbeitslose kümmert und ihre Sozialkaufhäuser teils schließen musste. Damit brach die Hälfte der Einnahmen weg. Schlecht für die Finanzierung - und noch schlimmer für die Betroffenen: "Wir sind sozusagen deren Heimat, deren Familie, wir sind deren Tagesstruktur. Und für die bricht noch viel mehr weg als für uns."

Die Abgeordneten machen es wie bei vorangegangenen Anhörungen: Sie hören interessiert zu und stellen eher sachorientierte Fragen, als dass sie die politische Auseindersetzung suchen. Der Ausschussvorsitzende Werner Kalinka von der CDU lobt den Austausch. Die SPD-Abgeordnete Birte Pauls sagt: "Die soziale Infrastruktur muss gestärkt und Hilfsangebote müssen ausgebaut werden. Das darf nicht möglichen Einsparungen zum Opfer fallen." Und für Grünen-Fraktionschefin Eka von Kalben ist klar: "Diese Anhörung kann nur ein Einstieg sein."

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Die Krise wird Folgen haben - sichtbar häufig erst nach dem Ende

Für die Betroffenen, so steht es für viele Experten an diesem Donnerstag fest, werden die Folgen erst nach der Pandemie sichtbar werden. So erwartet Wolfgang Faulbaum-Decke, Geschäftsführer der Brücke Schleswig-Holstein, "eine Welle von psychischen Erkrankungen". Die Krankenhausgesellschaft verweist auf den Rückgang bei Schlaganfallbehandlungen in Kliniken. Geschäftsführer Patrick Reimund sagt, mögliche Folgeschäden müssten noch aufgearbeitet werden. Auch das Gesundheitssystem an sich ist noch mitten in einer Belastungsprobe.

Ärztevertreter berichten von der großen Belastung auf den Intensivstationen. Hier fordern Kammer wie Gewerkschaften gleichermaßen, sich für die nächste Krise besser aufzustellen und den öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken. Die Ärztekammer bringt zudem Anlaufstellen für Betroffene von Corona-Langzeitfolgen ins Spiel.

Bürgerbeauftragte: Noch können wir vieles auf die Schiene setzen

Die Bürgerbeauftragte Samiah El Samadoni hatte zu Beginn der Anhörung in ihrem Vortrag gesagt: "Welche Folgen das langfristig hat, das werden uns unsere Kinder und Jugendlichen in zehn Jahren erzählen oder zeigen. Und wir haben jetzt noch die Chance, da vieles zu verbessern und vieles auf die richtige Schiene zu setzen."

Genügend Input dafür haben die Abgeordneten des Sozialausschusses im Schleswig-Holsteinischen Landtag bekommen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.05.2021 | 19:30 Uhr

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