Hartmut Feddersen Hinterbliebener des an oder mit Corona verstorbenen Bruders Manfred Feddersen sitzt in seinem Wohnzimmer. © NDR Foto: Johannes Tran

Corona in Norderstedter Heim: Der Schmerz eines Hinterbliebenen

Stand: 28.11.2021 16:04 Uhr

Hartmut Feddersen verlor seinen Bruder bei einem Corona-Ausbruch in einer Norderstedter Pflegeeinrichtung. Seitdem quälen ihn viele Fragen. Bis heute ist unklar, wie das Virus in die Einrichtung gelangen konnte.

von Johannes Tran

An einem sonnigen Novembervormittag sitzt Hartmut Feddersen in seinem Wohnzimmer in Henstedt-Ulzburg und erzählt von Manfred. Manfred, das war sein ältester Bruder. Einen Monat ist er jetzt schon nicht mehr da. "Wir hatten eine sehr enge Beziehung“, sagt Feddersen. "Wenn irgendwas war, dann war Manfred für mich da.“

Feddersen holt sich einen Kaffee, er schläft kaum in letzter Zeit. Ein kräftiger Mann im rotweiß-gestreiften Hemd, 74 Jahre alt. Auf einer Kommode neben dem Wohnzimmertisch steht ein eingerahmtes Foto von Manfred aus Kindertagen: ein Junge im Anzug mit einem akkuraten Seitenscheitel, er blickt direkt in die Kamera. Trotz allem Ernst liegt ein verschmitztes Lächeln in Manfreds Gesicht.  

Acht Bewohner starben bei dem Ausbruch

"Er war ein sehr humorvoller Mensch“, sagt Feddersen über seinen Bruder. Auch am Ende noch, als er wegen seiner Demenz vieles vergaß. Als er sich keine Zahlen mehr merken konnte und nicht mehr wusste, dass sie am Vortag telefoniert hatten. Auch da scherzte Manfred noch mit den Pflegerinnen auf Plattdeutsch – in dem Norderstedter Pflegeheim, in dem er wohnte.

Verstorbener Bruder von Hartmut Feddersen,  Manfred Feddersen, sitzt auf einem Bett in einem Zimmer an seinem 80. Geburtstag. © NDR Foto: Johannes Tran
"Er war ein sehr humorvoller Mensch“, sagt Feddersen über seinen Bruder.

Das Haus Hog’n Dor geriet im Oktober landesweit in die Schlagzeilen. Zwei Wochen lang grassierte hier das Coronavirus, 68 der 76 Bewohnerinnen und Bewohner infizierten sich. Manfred überlebte den Ausbruch nicht, sieben weitere Senioren und eine Kontaktperson starben. Die Geschehnisse lösten eine Debatte über eine Impfpflicht für Pflegekräfte aus. Gesundheitsminister Heiner Garg nannte es "wenig verantwortungsvoll“, dass einige Pfleger in dem Heim nicht geimpft waren.

Manchmal reißt es ihn unvermittelt aus dem Schlaf

Mehr als 100.000 Menschen sind mittlerweile in Deutschland an oder mit einer Corona-Infektion verstorben. Es sind Menschen, die Angehörige und Freunde zurücklassen. Bei den unerbittlich geführten Debatten um Impfstoffe, Kontaktbeschränkungen und Ladenschließungen bleiben Hinterbliebene wie Hartmut Feddersen oft gesichtslos.

Er trauert. Seit Manfreds Tod schläft Feddersen nur vier, fünf Stunden pro Nacht. Manchmal reißt es ihn unvermittelt aus dem Schlaf, er wacht dann mit gefalteten Händen vor dem Bauch auf. Feddersen hat eine Gürtelrose bekommen, er nimmt Medikamente. Seine Frau sagt ihm, dass er auf sich aufpassen muss. Aber er kann mit Manfreds Tod nicht abschließen. "Ich wünsche Ihnen, dass Sie das nie erleben müssen“, sagt er zu mir, dem Reporter.

Viele Fragen treiben ihn um

Es ist eine ganze Reihe von Fragen, die Feddersen den Schlaf rauben. Wieso waren zwanzig der rund siebzig Pflegekräfte in der Einrichtung ungeimpft? Wie ist das Virus in das Heim gelangt? Und warum hat er erst so spät von dem Ausbruch erfahren? Vor allem diese letzte Frage lässt ihm keine Ruhe.

Am Nachmittag des 19. Oktober, so erzählt er es, habe er im Heim angerufen. Es ging um einen neuen Rollator für Manfred. Am Telefon habe man ihm gesagt, dass sein Bruder wohlauf sei. Dabei hätten die positiven Testergebnisse der Bewohner zu diesem Zeitpunkt bereits vorgelegen. Dann, am frühen Abend, habe seine Frau einen Anruf vom Heim erhalten: Manfred sei mit Fieber und Atembeschwerden ins Krankenhaus gebracht worden. "Kein Wort von Corona", sagt Feddersen.

Er fragt: "Wie kann man so mit uns umgehen?"

Erst am Abend hätten sie von einer Krankenhausärztin erfahren, dass Manfred Corona-positiv ist. "Da sind wir fast vom Glauben abgefallen.“ Feddersens Stimme bricht, mit einem Taschentuch wischt er sich die Augen trocken. "Wir vertrauen diesem Heim unsere Angehörigen an. Und trotzdem werden wir nicht informiert. Wie kann man so mit uns umgehen?“

Er fragt sich, was passiert wäre, wenn er früher von dem Ausbruch erfahren hätte. "Dann hätte ich Manfred sagen können, dass er aufpassen muss." Bis heute, sagt Feddersen, habe er keine Entschuldigung von der Heimleitung erhalten. Er hat Beschwerde bei der Heimaufsicht des Kreises Segeberg eingereicht. Wie der Kreis bestätigt, sind im Zusammenhang mit dem Ausbruch noch zwei weitere Beschwerden von Angehörigen eingegangen. Eine Anfrage von NDR Schleswig-Holstein an die Leiterin des Hauses Hog'n Dor blieb bislang unbeantwortet.

Kein persönlicher Abschied

Nachdem Manfred ins Krankenhaus eingeliefert wird, verschlechtert sich sein Zustand. Die Ärzte verlegen ihn auf die Intensivstation. Und sie fragen Hartmut Feddersen, ob ihm eine Patientenverfügung vorliegt. Manfred ist geschieden, er hat keine Kinder. Hartmut Feddersen ist zusammen mit seinen beiden älteren Geschwistern der engste Angehörige.

Zusammen mit seiner Frau sucht er die Patientenverfügung heraus. Manfred wollte keine invasive Beatmung, er wollte nicht dauerhaft an Schläuchen hängen. "Mein Bruder hatte da ganz klare Vorstellungen. Er wollte auf keinen Fall ein Pflegefall sein", sagt Feddersen.

Im Krankenhaus darf er seinen Bruder nicht besuchen. Er bittet die Ärzte immer wieder, Grüße auszurichten. Aber wie viel davon kommt bei Manfred an? "Ich weiß es nicht", sagt Feddersen. "Ich weiß nicht, wie er sich am Ende gefühlt hat." Nach einigen Tagen versetzen die Ärzte seinen Bruder ins Koma. Kurz darauf stirbt Manfred an den Folgen der Infektion, er wurde 80 Jahre alt. Persönlich verabschieden konnte sich Hartmut Feddersen nicht.

Trauerbegleiter: Viele Angehörige haben Schuldgefühle

Stephan Klinkhamels, Trauerbegleiter, steht in seinem Trauerzentrum. © NDR Foto: Johannes Tran
Stephan Klinkhamels ist Diakon in Hamburg und arbeitet als Trauerbegleiter.

"Das ist sehr belastend für die Angehörigen", sagt Stephan Klinkhamels. Er ist Diakon in Hamburg und arbeitet als Trauerbegleiter. Anders als Jubiläen oder Geburtstage, die sich nachholen ließen, sei das Sterben nicht wiederholbar. "Die Angehörigen machen sich oft schwere Vorwürfe", erzählt er. "Hätte ich mich vielleicht durchschummeln müssen, hätte ich gegen die Vorschriften verstoßen müssen?"

Klinkhamels sagt, er versuche, den Angehörigen ihre Schuldgefühle zu nehmen. "Wir schaffen einen Raum, in dem sie ihren Schmerz loswerden können." Diesen Ansatz verfolgt auch Trauerbegleiterin Bärbel Sievers-Schaarschmidt von der Hamburger Beratungsstelle Charon. Angesichts der medialen Dauerpräsenz der Pandemie falle es manchen Hinterbliebenen schwer, zur Ruhe zu kommen.

"Es ist schwierig, da eine Auszeit zu nehmen, es sei denn, man verweigert jegliche Versorgung mit Nachrichten", sagt die Trauerbegleiterin. Ohnehin habe die Trauerarbeit unter den Bedingungen der Pandemie gelitten: Trauernde zu umarmen, sie zu ermuntern, soziale Kontakte zu pflegen – all das sei zurzeit kaum möglich.

Er will seinen Bruder wie früher in Erinnerung behalten

Wie wäre es gewesen, Manfred im Krankenhaus noch einmal persönlich zu sehen? Diese Frage geht seinem Bruder Hartmut Feddersen manchmal durch den Kopf. "Gewünscht hätte ich mir das schon", sagt er. "Aber immerhin habe ich ihn jetzt so in Erinnerung, wie er früher war."

So will er an Manfred zurückdenken. An Manfred, den hilfsbereiten Menschen, der große Familienfeiern mit fünfzig, sechzig Gästen organisiert hat. Manfred, der ihm, dem früheren Gastronomen, im Restaurant beim Ausschank geholfen hat. Manfred, der bis zur Rente liebend gern zur Arbeit in den Hamburger Hafen gefahren ist.

Ursache für den Ausbruch bis heute ungeklärt

Rund drei Wochen nach dem Tod seines Bruders steht Hartmut Feddersen noch einmal vor dem Norderstedter Heim, in dem Manfred bis zuletzt lebte. Er will das Zimmer räumen. Zwei Freunde helfen ihm, sie haben einen kleinen Transporter mitgebracht. Aber Feddersen schafft es nicht, das Zimmer zu betreten. Er bleibt an der Türschwelle stehen. "Es ging einfach nicht, ich habe nicht den Mut gefunden", sagt er.

Wie das Virus in das Heim gelangen konnte, ist bis heute nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft Kiel führt zurzeit ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren. Hartmut Feddersen sagt, er verspüre keinen Groll gegen denjenigen, der das Virus in die Einrichtung getragen hat. "Dieser Mensch wird sein Leben lang daran denken müssen, dass durch ihn so viele Menschen gestorben sind." Aber er wünscht sich Antworten auf seine Fragen. Er telefoniert regelmäßig mit der Kriminalpolizei und dem Infektionsschutz, sucht nach Klarheit. Er braucht sie, um endgültig Abschied nehmen zu können.

 

Weitere Informationen
Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Zwei Wegweiser mit den Überschiften "Pflegeheim" und "Restaurant" zeigen in Richtung des Seniorenheims Haus Hog'n Dor in Norderstedt. © NDR Foto: Helge Albrecht

Weiterer Todesfall nach Corona-Ausbruch in Norderstedter Pflegeheim

Eine weitere Person ist verstorben. Weil in dem Heim offenbar niemand mehr ansteckend ist, sind Besuche wieder erlaubt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.11.2021 | 06:45 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine Mitarbeiterin des Testzentrums am Platz der Weltausstellung in Hannover hält einen Teststab für einen Schnelltest auf das Coronavirus in ihren Händen. © dpa-Bildfunk Foto: Moritz Frankenberg

Corona in SH: Inzidenz steigt auf 844,9

Innerhalb von 24 Stunden sind 5.459 neue Corona-Fälle gemeldet worden. Die höchste Inzidenz gibt es im Kreis Segeberg mit 1.114,7. mehr

Videos