Logo der Bundesagentur für Arbeit vor einem Fenster, in dem sich der Himmel spiegelt. © picture alliance Foto: Jens Kalaene

Corona-Pandemie beeinflusst Arbeitsmarkt in SH massiv

Stand: 02.03.2021 10:00 Uhr

Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie das Leben der Menschen in Schleswig-Holstein. Das hat auch den Arbeitsmarkt 2020 im Land geprägt - eine Bilanz mit Beispielen aus Flensburg und dem Kreis Stormarn.

von Frauke Hain

Viele Unternehmen und Branchen wurden hart getroffen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Jahresdurchschnitt für 2020 erstmals seit sieben Jahren wieder an - um 15,6 Prozent auf 92.100. "Und dennoch: Der regionale Arbeitsmarkt hat sich unerwartet widerstandsfähig gezeigt. So ist die Zahl der Entlassungen in Schleswig-Holstein vergleichsweise begrenzt geblieben. Das dokumentieren die konkreten Daten", sagt die Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, Margit Haupt-Koopmann, trotzdem optimistisch.

Laut Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit liegt der Corona-Effekt bei einem Zuwachs von 15.276 Arbeitslosen für Februar 2021.

Beispiele: Flensburg und Kreis Stormarn

Im Jahresdurchschnitt lag die Zahl der Arbeitslosen in Flensburg bei 4.722 Personen, die Arbeitslosenquote bei 9,1 Prozent - das waren 548 mehr als 2019. Der Zuwachs betrug 13,1 Prozent. Die Zahl der arbeitslosen Menschen im Kreis Stormarn 2020 lag im Jahresdurchschnitt bei 5.008 - ein Plus von 1.007 gegenüber 2019. Der Zuwachs betrug 25,2 Prozent und war der höchste in Schleswig-Holstein. "In Kreisen mit zuvor niedriger Arbeitslosigkeit fielen die anteiligen Zuwächse zum Vorjahr insgesamt höher aus. Die Arbeitslosigkeit in Stormarn war die niedrigste und in der Folge fiel der Zuwachs hier anteilig höher als in den anderen Kreisen aus", erklärt Kathleen Wieczorek, Chefin der Agentur für Arbeit Bad Oldesloe.

Betroffen sind alle Personengruppen - Männer allerdings stärker als Frauen. Am stärksten sind Ausländer und Personen mit Studium betroffen, am geringsten betroffen sind schwerbehinderte Menschen.

Krise durch Kurzarbeit abgemildert?

Zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes habe natürlich die Kurzarbeit - neben anderen Hilfsprogrammen - entscheidend beigetragen, so Haupt-Koopmann aus Kiel. "Denn durch Kurzarbeit konnten Beschäftigte gehalten, Fachkräfte gesichert und damit eine weitaus höhere Arbeitslosenzahl verhindert werden. Die Dimension dieses Beitrags wird durch wenige Zahlen deutlich: In der Spitze, im April 2020, befand sich in Schleswig-Holstein jeder vierte Betrieb und jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Kurzarbeit", erklärt sie.

Insgesamt wurden vom 1. Januar 2020 bis zum 31. Dezember 2020 in ganz Schleswig-Holstein 470 Millionen Euro ausgegeben, 2019 waren es nur 2,2 Millionen Euro. Allein im Agenturbezirk Flensburg gingen 80 Millionen Euro an Leistungen - inklusive Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge - an die Betriebe. Im Jahr 2019 waren es insgesamt 640.000 Euro.

Der bisherige Höchststand der Inanspruchnahme von Kurzarbeit in Flensburg ist im April 2020 festzustellen. Sowohl die Zahl der Betriebe als auch der Kurzarbeiter*innen sinkt danach bis zum Monat Juli.

Welche Branchen waren besonders betroffen?

Beim Anstieg der Arbeitslosigkeit waren im Vergleich 2020 zu 2019 insbesondere das Gastgewerbe, der Handel - bis auf den Bereich Lebensmittel - und die unternehmensnahen Dienstleistungen betroffen. Am Beispiel Flensburg zeigt sich, dass nicht alle Branchen von der Krise gleich betroffen sind. Am 30. Juni 2020, dem letzten Quartalsstichtag der Beschäftigungsstatistik, waren in Flensburg 43.981 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Die höchsten Beschäftigungszuwächse gab es bei den Heimen und im Sozialwesen (+130). Am ungünstigsten war dagegen die Entwicklung in der Arbeitnehmerüberlassung (-234).

Erster Lockdown vs. zweiter Lockdown

"Der zweite Lockdown hat bisher deutlich geringere Auswirkungen als der erste Lockdown gehabt. Das zeigen die Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahlen", sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit.

Für den Kreis Stormarn hat der erste Lockdown im März für den deutlichsten Anstieg der Arbeitslosigkeit im Jahr 2020 gesorgt, heißt es von der Agentur für Arbeit Bad Oldesloe. Nach dem März seien auf einmal 750 Menschen mehr arbeitslos gemeldet gewesen, im April seien nochmals 430 dazugekommen. "Danach nahm die Arbeitslosigkeit langsamer zu, bis im August der Jahreshöchstwert mit 5.521 arbeitslosen Menschen erreicht war", resümiert die Agenturchefin Wieczorek. "Der zweite Lockdown im Dezember löste im Gegensatz zum ersten im Frühjahr keinen neuerlichen deutlichen Anstieg aus. Es blieb lediglich bei der üblichen saisonalen Entwicklung zum Jahresende. Ohne Kurzarbeit und die wirtschaftlichen Hilfsprogramme wären die Einschnitte am Arbeitsmarkt 2020 jedoch noch deutlicher ausgefallen."

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Flensburg. Dort hat der Corona-bedingte Lockdown zu einem untypischen Verlauf der Arbeitslosigkeit geführt. Während in einem normalen Jahresverlauf der Höchststand der Arbeitslosigkeit im Januar oder Februar des Jahres zu verzeichnen ist, stieg die Arbeitslosigkeit mit dem Lockdown an und erreichte ihren Höhepunkt im Juli des Jahres 2020 (5.198 arbeitslose Menschen).

Entwicklung der Arbeitslosenzahlen von Januar 2019 bis Februar 2021: +11,97 Prozent

Nach Angaben der Agentur für Arbeit Flensburg zeigt der in der Grafik dargestellte Anstieg der Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr in den Monaten Januar bis März, also vor der Pandemie, dass schon vor der Krise strukturell bedingte Einflüsse den Ausgleich auf dem Arbeitsmarkt in der Region erschwert haben. Aus der Grafik ist aber auch ein Aufholprozess im Vorjahrsvergleich zu erkennen, der mit den Lockerungen des ersten Lockdown einsetzt. "Diese Entwicklung kann Mut machen, dass wir eine ähnliche Entwicklung erleben, sobald wieder Lockerungen eintreten können. Voraussetzung aus meiner Sicht ist, dass bis dahin der Fortbestand der Betriebe gesichert ist", sagt Hans Martin Rump. Die Entwicklung in den Monaten November und Dezember zeigt aber auch den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt- und Pandemiegeschehen.

Februar 2021: Corona-Auswirkungen weiterhin sichtbar

Die Zahl der Arbeitslosen liegt aktuell in Schleswig-Holstein bei 99.931. Das ist ein Plus von 14.924 gegenüber dem Februar des Vorjahres und von 1.000 gegenüber dem Vormonat Januar. "Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein sind im Vorjahresvergleich weiterhin sichtbar. Der Anstieg der Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Vormonat Januar ist atypisch, jedoch - vor dem Hintergrund der Dauer des aktuellen Lockdowns - geringer ausgefallen als erwartet", betonte Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel.

Die Arbeitslosenquote in Schleswig-Holstein liegt mit aktuell 6,3 Prozent um 0,9 Prozentpunkte über dem Februar-Wert des Vorjahres (5,4 Prozent) - gleichbleibend zur Quote vom Vormonat Januar. Die niedrigste Quote hat der Kreis Stormarn mit 4,2 Prozent (Februar 2020: 3,3 Prozent). Flensburg liegt bei 9,2 Prozent (Februar 2020: 8,4 Prozent).

Arbeitslosenquote in Schleswig-Holstein Februar 2021 im Vergleich zu Februar 2020

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.03.2021 | 10:00 Uhr

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