Stand: 28.04.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Corona: Eltern ohne Förderzentren an Belastungsgrenze

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Leif und sein jüngerer Bruder Flemming lernen auch mal gemeinsam Zuhause.

Rund 4.700 Schülerinnen und Schüler besuchen in Schleswig-Holstein eins der 84 Förderzentren - einer von ihnen ist Leif. Doch seit mittlerweile über sechs Wochen sind die Förderzentren, ebenso wie andere Schulen im Land, geschlossen. Kinder und Jugendliche müssen zuhause unterrichtet werden - auch der 12-Jährige Leif. Weil ihr Sohn mit einem offenen Rücken, einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks, auf die Welt kam, muss Wiebke Messerschmidt aus Fleckeby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) Zuhause aber weitaus mehr leisten, als zu unterrichten. Und sie sagt selbst: "Ich gehe langsam auf dem Zahnfleisch".

Die kinderfreien Wochen fallen 2020 aus

Wiebke Messerschmidt wirkt im Gespräch per Video-Chat äußerlich ziemlich entspannt, sie lacht immer wieder. Aber immer wieder merkt man ihr im Gespräch die derzeitige Belastung um die schwierige Situation an. Wenn Sie zum Beispiel von den zwei "kinderfreien" Wochen im Sommer erzählt, auf die sich sonst gemeinsam mit ihrem Mann das ganze Jahr freut. Wegen Corona fallen die dieses Jahr aus, weil auch die Ferienfreizeiten, an der Leif und sein jüngerer Bruder Flemming sonst teilgenommen hätten, gestrichen wurden. "Da habe ich meine erste Krise bekommen", erzählt die zweifache Mutter mit traurigen Blick, "denn das ist sonst ein sehr großer Luxus. In diese zwei Wochen packen mein Mann und ich alles rein, was sonst mit Kindern wie Leif nicht möglich ist".

Leifs Betreuung nimmt den ganzen Tag ein

Leif ist "ein großer Sonnenschein", erzählt Messerschmidt. Aber er braucht eben auch eine nahezu 24-Stunden-Betreuung. "Leifs Beine sind gelähmt, ebenso Blase und Darm. Er sitzt im Rollstuhl, trägt Windeln - und das sein ganzes Leben. Alle drei Stunden wechseln wir den Katheter, damit alle Infektionen draußen bleiben. Das gehört zu unserem Alltag". Ein Alltag, der nie normal ist - aber seit den Corona-Einschränkungen alles von der Familie Messerschmidt abfordert. Neben den motorischen Einschränkungen hat der älteste Sohn auch eine geistige Behinderung - die Folge einer Hirnblutung im Kleinkindalter. Wiebke Messerschmidt schildert das ruhig und sachlich, macht aber deutlich: Eine andere Betreuung als jetzt Zuhause sei einfach nicht möglich.

Der kleine Bruder ist die große Hilfe

Bei dieser Arbeit wird sie unterstützt von Leifs kleinem Bruder Flemming, wie sie erzählt: "Er ist fast drei Jahre jünger und übernimmt viel zu oft die Rolle des großen Bruders. Was der gerade leistet, ist wirklich unglaublich. Das ist für mich gerade jetzt eine ganz große Erleichterung, wenn die beiden mal eine halbe Stunde zusammenspielen, dann kann ich mal in Ruhe durchsaugen oder per Video-Chat telefonieren." Und dabei ist ihr die Erleichterung darüber mehr als deutlich anzuhören.

Wie funktioniert Homeschooling in der Familie Messerschmidt?

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Bewegung an der frischen Luft ist für Leif enorm wichtig.

Der Schultag ist gut durchstrukturiert. Morgens starten alle zusammen mit einem Frühstück und zwar "zu einem festen Termin, damit hier keiner bis in die Puppen pennt." Und dann wird das weitere Vorgehen besprochen, aber alles mit Abstrichen. Denn Wiebke Messerschmidt macht klar, dass sie nicht alles gleichzeitig leisten kann: "Pflegerin, Betreuerin, Mutter und Lehrerin - wenn dann noch so ein pubertierendes 'Ich hab da keinen Bock drauf!' kommt, dann muss ich damit auch noch umgehen." Aber so oder so wird dann zwei bis drei Stunden gelernt, vor allem in den Hauptfächern. Der zwölfjährige Leif brauche bei den Schulaufgaben viel Unterstützung, macht seine Mutter deutlich. Und: "Ich erlebe in der Grundschule bei Flemming, dass die Lehrer uns auch ein bisschen überschätzen. Da kommt eine Masse an Material rein, die gar nicht zu schaffen ist. Ich bin Mutter und nicht Lehrerin im Schulsystem. Ich stelle hier keinen Wecker mit 45 Minuten und nach fünf Minuten geht’s weiter."

Alternativer Schulunterricht

Die Fleckebyerin, selbst Sonderpädagogin, überlegt sich deswegen auch manchmal selbst Aufgaben. Leif rechnet unter ihrer Anleitung schon mal mit Eierkartons, sie beobachten zusammen Pflanzen oder Tiere, pflanzen Erbsen - und der jüngere Sohn Flemming protokolliert alles. Wiebke Messerschmidt ist da pragmatisch: "Wir haben uns selber Aufgaben gesucht, die wir dann integrieren können. Ob das den Lehrern passt, ist mir jetzt egal. Das ist mein Anteil an Bildung, zu dem wir sonst nicht kommen." Und noch etwas gehört zu ihrem Heim-Unterricht: Eine Stunde "mit den Jungs" kochen und dann wird um Punkt 13 Uhr Mittag gegessen. Sonst wäre Leif von morgens 7 Uhr, wenn der Schulbus ihn abholt, bis um 17:30 Uhr im Förderzentrum.

"Alles bricht weg: Schule, aber auch die Therapien."

Den Unterricht tagtäglich zu stemmen findet Wiebke Messerschmidt "schwierig und problematisch". Aber insbesondere bei Leif ziehen die geschlossenen Förderzentren noch einige Konsequenzen mehr mit sich. Die zahlreichen Therapien am Nachmittag, der inklusive Rolli-Sport und Selbsthilfegruppen fallen seit Wochen aus. "Das bricht uns jetzt alles weg", ärgert sich Leifs Mutter, "und dabei haben wir uns das alles so mühsam aufgebaut." Glücklicherweise, freut sich Messerschmidt, arbeitet zumindest die externe Physiotherapeutin weiter, so das Leif noch regelmäßig Krankengymnastik bekommt. Denn würden seine Beine sieben Wochen unbewegt bleiben, sagt Messerschmidt merklich besorgt, "will ich gar nicht wissen, was das für Schäden gegeben hätte."

Die Belastungsgrenze ist bei vielen Eltern erreicht

Wiebke Messerschmidt und ihre Familie können ihren Alltag im Moment noch meistern - auch weil sie keine finanziellen Ängste haben. Aber sie geht, ebenso wie andere Eltern die sie kennt, "auf dem Zahnfleisch". Sie fordert Politiker und Kommunen dringend dazu auf, mit Eltern über ihre Situation zu sprechen und nicht nur über sie: "Pflegende Angehörige werden alle völlig vergessen!" Jetzt ist die gute Laune vom Beginn des Gesprächs verflogen. Die zweifache Mutter hofft inständig darauf, dass die Schulen bald wieder öffnen: "Ich finde es wird Zeit, um Familienentlastung möglich zu machen. Wir müssen es irgendwie lernen und üben, dass wir auch mit Viren ein normales Leben führen können." Es brauche dringend Perspektiven, für die Eltern und auch für die Kinder. "Leif plant jetzt schon mal seinen Geburtstag im August, weil er hofft, dass seine Freunde dann hierhin kommen können." Und Wiebke Messerschmidt? Ein Urlaub mit der ganzen Familie wird schwierig, sagt sie konsterniert, denn mit Hund und einem Kind im Rollstuhl sind Ferienwohnungen Mangelware. Aber Entlastung durch Schulöffnungen und die Perspektive auf zwei Wochen "kinderfrei" im kommenden Jahr wären schon eine große Hilfe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.04.2020 | 12:00 Uhr

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