Stand: 15.11.2018 23:56 Uhr

CDU-Regionalkonferenz: Kandidaten auf Kuschelkurs

von Arne Helms

Mitglieder der Christlich Demokratischen Union Deutschlands hatten seit fast einem halben Jahrhundert keine Wahl mehr, wenn es um die Wahl ihres Bundesvorsitzenden ging. Es gab jahrzehntelang eine Kandidatin oder einen Kandidaten. Und die oder der wurde gewählt. So lief das in der CDU. 2018 läuft es anders. Es gibt drei Bewerber, denen Chancen eingeräumt werden. Es gibt eine Auswahl - und die Freude darüber ist an diesem Donnerstagabend vor und in einer alten Industriehalle in Lübeck zu spüren. Hunderte Parteimitglieder drängen in die Kulturwerft Gollan.

Am Einlass zur ersten von acht Regionalkonferenzen der CDU vor der Wahl des Bundesvorsitzenden geht es nur langsam voran. Viele warten im schicken Kostüm und im Anzug, fachsimpeln, tauschen Nettigkeiten aus. Niemand ist genervt. Alle freuen sich offensichtlich darauf, Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn endlich mal nicht nur am Fernseher zu sehen. Christian Pagel vom Kreisverband Plön spricht von einer "ehrlichen Veranstaltung hier". Ehrlich. Das ist ein großes Lob aus dem Mund eines Norddeutschen.

Aus den Wänden ragen verrostete Stahlträger

Ehrlich heißt: kein Schnickschnack, kein Lametta, es geht zur Sache. Die Halle urig zu nennen, wäre untertrieben. Am roten Backstein klebt noch alter Putz. Aus den Wänden ragen verrostete Stahlträger. In 15 Metern Höhe verlaufen die Reste eines alten Gerüsts. "Für die Partei sind die Regionalkonferenzen eine Chance, sich von der Basis her eine Meinung zu bilden", sagt Christian Pagel auf einem weißen Plastikstuhl sitzend. Wen sieht die Basis als Nachfolgerin oder Nachfolger von Angela Merkel an der Spitze der CDU?

Von den weißen Stühlen stehen viele in der Halle. Alle sind besetzt. Vorne die Bühne, davor nach offiziellen Angaben gut 700 CDU-Mitglieder aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Es sieht aus wie in der Aula einer Schule. Einige Mitglieder stehen dicht an dicht in den zwei Gängen, die zur Bühne führen, als das Bewerber-Trio die Halle betritt. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, Gastgeber an diesem Abend, bedankt sich feixend für das Klatschen, als jemand vorschlägt, er könne ja auch als Merkel-Nachfolger kandidieren.

Kein schlechtes Wort über die Konkurrenten

Aber das Wort gehört an diesem Abend nicht Günther, sondern der Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer, die in der CDU viele nur AKK rufen, dem ehemaligen Unions-Fraktionschef Merz und Gesundheitsminister Spahn. Das Los entscheidet: AKK redet als Erste, dann folgt Merz, am Ende Spahn. Als hätte der ARD-DeutschlandTrend, der Minuten zuvor per Push-Nachricht viele Smartphones erreicht, die Reihenfolge bestimmt. AKK vor Merz und Spahn.

Alle Bewerber haben rund zehn Minuten für ihre Statements. Sie hangeln sich an den großen Themen entlang. Innere Sicherheit, Rechtsstaat, Digitalisierung, EU-Krise, Wirtschaft, Wohnungsbau. Alle reden frei, nur Spahn verhaspelt sich an zwei Stellen kurz. "Das ist dann die Aufregung an einem solchen Abend", sagt der mit 38 Jahren jüngste Bewerber. Ein schlechtes Wort über die Mitbewerber kommt keinem über die Lippen. "Das haben wir vereinbart", sagt Merz.

"Nennen Sie uns doch bitte mal Unterschiede"

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Die alte Industriehalle in Lübeck ist am Donnerstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Gut 700 CDU-Mitglieder sind gekommen.

Wer die Abteilung Attacke in Lübeck erwartet hat, wird enttäuscht. Der Wunsch nach einem besseren Miteinander in der Union könnte so eine Art Titel für diese erste Regionalkonferenz sein. Die Kandidaten sind sich in vielen Punkten einig. "Nennen Sie uns doch bitte mal Unterschiede in ihren Positionen", fordert Iven Möller von der Jungen Union Bad Schwartau (Kreis Ostholstein) gegen Ende der Fragerunde, die etwa zwei Stunden dauert.

"Ich kann verstehen, dass Sie gerne eine kritische Betrachtung der Mitbewerber hätten", entgegnet Merz, "aber diesen Spaß machen wir nicht mit." Über die Unterschiede und Gewichtungen in den Positionen sollten am 7. Dezember in Hamburg die Delegierten beim Bundesparteitag entscheiden, so Merz. Es sei doch schon positiv, dass die drei Kandidaten das große Wertesystem der CDU teilten, bekräftigt Kramp-Karrenbauer.

Merz und Spahn rahmen AKK auf der Bühne ein

Spahn spricht dann doch noch "Unterschiede in der Sache" an. Dazu gehöre die Bewertung der Ehe, was ihm als Homosexuellen wichtig sei. Blick auf Kramp-Karrenbauer, die auf dem Podium von ihren zwei Köpfe größeren Mitbewerbern eingerahmt wird - und bezüglich der Ehe einen sehr traditionellen Standpunkt vertritt. Ein offener Streit - oder zumindest die Andeutung eines solchen - bleibt aber auch an dieser Stelle aus.

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Die erste CDU-Regionalkonferenz für den Parteivorsitz hat in Lübeck stattgefunden. Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn stellten sich den Parteimitgliedern vor. mehr

Wer als CDU-Mitglied in die Lübecker Kulturwerft gekommen ist, um am Ende ein Bild davon zu haben, in welchen Punkten sich die Bewerber für den Bundesvorsitz unterscheiden, dürfte nach den drei Stunden ziemlich ratlos wieder in die Lübecker Nacht entschwunden sein. Bei einigen Fragen sprechen sich die Kandidaten sogar ab, wer auf welchen Aspekt der Frage antwortet. "Ich hoffe, das ist jetzt keine unzulässige Kartellabsprache", witzelt Merz.

Nach Zoff in der Union: "Der Ton tat richtig gut"

Der Großteil der Besucher in der alten Industriehalle stört sich nicht daran. Die meisten freuen sich offensichtlich, dass Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn nach dem unionsinternen Streit mit der CSU respektvoll miteinander umgehen. Kein Gezänk. Das ist die Hauptsache. Dass das Trio eine offene Debatte in der Partei anregt, sie an diesem Abend aber nicht selbst führt, Schwamm drüber. "Der Ton tat richtig gut", sagt Sylvia Schmidt aus Glinde, als sie die Winterjacke schon wieder an hat.

So lässt sich über den Stimmungstest Regionalkonferenz am Ende sagen: Die Stimmung unter den CDU-Mitgliedern im Norden ist gut. Die von den Partei-Oberen ausgemachte Aufbruchstimmung erfasst das CDU-Volk. Die drei Bewerber für den Bundesvorsitz geben sich auf der Bühne freundschaftlich.

Kramp-Karrenbauer bekommt längsten Applaus

Und für alle Statistik-Fans noch dies hier: Den längsten Applaus für ihre Rede bekommt Kramp-Karrenbauer (41 Sekunden), gefolgt von Merz (30) und Spahn (15). Ist das Unterschied genug? Der kritische Fragesteller Iven Möller würde sagen: nein. Christian Pagel, dem Mann auf der "ehrlichen Veranstaltung", ist der Applaus vermutlich egal. Er will seine Steuererklärung "irgendwann mal auf einem Bierdeckel machen". Er ist Merz-Fan.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.11.2018 | 22:00 Uhr

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