Jannike Stender steht in einem Park. © NDR Foto: Lisa Pandelaki

Bulimie: Wenn keiner etwas merkt

Stand: 11.10.2020 06:00 Uhr

In Schleswig-Holstein sind etwa 80.000 Menschen von einer Bulimie betroffen: Sie essen große Mengen und erbrechen sie dann wieder. Jannike Stender litt zehn Jahre daran. Gemerkt hat das fast niemand.

von Lisa Pandelaki

Jannike Stender sitzt in ihrem Bad und hat Todesangst. Sie hat gerade zwei Pizzen, Eiscreme, zwei Tafeln Schokolade, Würstchen, Weingummis, Kekse und noch einiges mehr gegessen. Jetzt will sie sich übergeben. Aber es klappt einfach nicht. Ihre Augen sind blutunterlaufen, der Handrücken wund von Bissmalen, Speichel läuft ihr aus dem Mund und sie weint. Dazu kommt die Angst. Sie denkt: "Jetzt verrecke ich hier, jetzt sterbe ich. Entweder in meiner eigenen Kotze oder ich werde hier drei Wochen später gefunden, weil mein Magen geplatzt ist."

Jahrelanger Leidensweg

Zu diesem Zeitpunkt leidet Stender schon seit mehr als zehn Jahren unter Bulimie. Sie isst übermäßig viel und erbricht es dann wieder. Doch in diesem Moment - allein in ihrem Badezimmer in Kiel - weiß sie, dass es so nicht weitergehen kann. Deshalb fasst sie den Entschluss, sich Hilfe zu suchen.

Ruf nach Aufmerksamkeit

Stender ist etwa 13 Jahre alt und wohnt bei ihrer Mutter in Altenkrempe im Kreis Ostholstein, als sie sich das erste Mal die Finger in den Hals steckt. Zunächst ist es eine bewusste Entscheidung, ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Ihre Mutter ist alkoholabhängig, die Eltern seit Kurzem geschieden und die ältere Schwester zieht durch ihre Magersucht viel Aufmerksamkeit auf sich. "Ich dachte, wenn ich ein Zeichen nach außen gebe, dass es mir nicht gut geht, dann bekomme ich vielleicht auch mal Aufmerksamkeit ab", erinnert sich die heute 33-Jährige.

Probleme in der Familie können Auslöser sein

Biographien dieser Art hört Psychologin Sandra Göring oft. Sie arbeitet in der Frauenberatungsstelle Eß-o-Eß in Kiel und berät Frauen und Mädchen mit Essstörungen. Dabei erkennt die Psychologin bestimmte Muster: "Die Familienverhältnisse können ganz unterschiedlicher Art sein. Was es aber häufig gibt, ist, dass in den Familien viel gestritten wird, dass es sehr impulsiv zugeht und dass darüber aber wenig gesprochen wird", erklärt Göring. Streitereien fänden oft hinter verschlossenen Türen statt. In anderen Familien würden Auseinandersetzungen hingegen ganz vermieden. Betroffene fingen so an, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Über Probleme wird auch in Stenders Familie nicht geredet. Und so stopft das Teenagermädchen Essen in sich hinein, erbricht es heimlich und hofft, dass sich ihre Eltern endlich um sie kümmern.

Vorwürfe statt Hilfe

Doch ihr Plan geht nicht auf. "Als meine Familie das mitbekommen hat, hat sie mich eher abgelehnt", erzählt sie. Aber da ist die Bulimie schon zu einer Sucht geworden. Es hagelt Vorwürfe, Essen wird vor ihr versteckt und dann wird sie in eine Klinik geschickt - zur Behandlung einer Depression. Nach acht Wochen wird Jannike Stender entlassen. Verändert hat sich nichts. Entweder spürt sie ein großes Hunger-Gefühl oder sie fühlt sich völlig überfressen. Dann ekelt sie sich vor sich selbst. Familie und Bekannte bekommen davon nichts mit.

Bulimie nur schwer zu erkennen

Jannike Stender steht in einem Park. © NDR Foto: Lisa Pandelaki
Bei Jannike Stender drehte sich jahrelang alles um das Thema Essen.

"Bei der Bulimie ist es so, dass die Betroffenen häufig normalgewichtig sind. Sie können aber auch unter- oder sogar übergewichtig sein", sagt Göring. Körperliche Folgen wie angegriffener Zahnschmelz, eine entzündete Speiseröhre, Herz-Rhythmus-Störungen oder sogar Risse im Magen treten, wenn überhaupt, erst nach vielen Jahren auf. Bulimie lässt sich deshalb von außen nur sehr schwer erkennen. Göring rät Angehörigen, mögliche Betroffene deshalb auf emotionaler Ebene anzusprechen: "Wie war dein Tag? Bist du im Stress? Belastet dich etwas? Was wünschst du dir von uns? Offene Fragen stellen, Interesse zeigen und Signale für einen respektvollen Dialog geben. Aber auch nicht ewig nachbohren."

Wahre Gründe für Großeinkauf werden vertuscht

Jannike Stender stellt niemand solche Fragen. In der Schule ist sie erfolgreich, bei Freunden beliebt. Beim Weggehen erfindet sie Ausreden, um nichts essen zu müssen. Wenn sie ein bekanntes Gesicht beim Einkaufen trifft, erklärt sie die große Menge Lebensmittel mit einer Party, zu der sie angeblich eingeladen ist. "Ich habe einen Wocheneinkauf für eine vierköpfige Familie gemacht und das hat bei mir maximal zwei Tage gereicht", erinnert sie sich. Ihr Umzug nach Kiel zum Studium weckte damals die Hoffnung, auch die Bulimie hinter sich zu lassen.

Fühlt sich in der Not alleingelassen

Immer wieder versucht sie in dieser Zeit, ihre Scham zu überwinden, sich Hilfe zu holen. Doch selbst bei offiziellen Stellen fühlt sie sich nicht ernst genommen. "Sie sehen doch ganz gesund aus!" Mit solchen Aussagen werden Bulimie-Kranke oft konfrontiert, bestätigt auch Göring. "Das ist etwas, das bei Betroffenen auf ganz empfindsamen Boden fällt: "So wie du das siehst, ist es nicht richtig."" Nach den Erfahrungen der Psychologin kann das dazu führen, dass die Betroffenen sich noch mehr zurückziehen.

Bulimie nur ein Symptom

Psychologin Sandra Göring von der Beratungsstelle Eß-oEß in Kiel. © NDR Foto: Lisa Pandelaki
Sandra Göring ist Psychologin und berät in Kiel Frauen und Mädchen mit Essstörungen.

Bei Jannike Stender ist das anders. Nach dem Zusammenbruch in ihrem Badezimmer mit Mitte 20, sucht die damalige Studentin so lange, bis sie endlich einen Therapieplatz bekommt. Einmal pro Woche 50 Minuten Gesprächstherapie. Das Thema Essen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Erst in der Therapie wird Stender klar: Die Bulimie ist nur ein Symptom, ein Kompensationsversuch für all den Druck und die Wut auf ihre Familie. Für die mangelnde Aufmerksamkeit, das Gefühl im Stich gelassen und nicht geliebt zu sein.

Immer jüngere Mädchen betroffen

Ums Abnehmen gehe es bei den meisten Betroffenen nur vordergründig, sagt Göring. Viele rutschten zwar beispielsweise über eine Diät in die Essstörung. Doch eigentlich ginge es meist um Anerkennung, darum Lob und Zuneigung zu bekommen, als attraktiv zu gelten oder auch Stress und unangenehme Emotionen zu regulieren. Besonders immer mehr junge Frauen geraten laut Göring in einen bulimischen Kreislauf.

Der Fluch von Instagram & Co

Soziale Medien spielen dabei auch eine große Rolle, erklärt die Psychologin. "Dass die Fotos bei Instagram bearbeitet sind, das wissen alle. Das ist die Wissensebene. Und auf der anderen Ebene ist es unterbewusst, dass man immer wieder diese Schönheitsideale sieht. Und dass die trotzdem unbewusst abgespeichert werden: So möchte ich gerne aussehen." Auch Stender erinnert sich an Kommentare wie "Du hast ja einen Entenarsch!" auf der einen und Komplimente für Gewichtsverlust auf der anderen Seite. Soziale Medien nutzt sie heute bewusst nur in Maßen. "Ich fokussiere mich jetzt darauf, was für mich wichtig ist, was für mich schön ist."

Neuen Lebensinhalt finden

Bereits zwei Monate nach Beginn der Therapie schafft Jannike Stender es, mit dem Erbrechen aufzuhören. "Natürlich habe ich erstmal zugenommen. Und da kamen auch Sprüche von außen. Ich hab einfach mein Umfeld gewechselt", erinnert sie sich. Und auch an die Leere, die sie plötzlich in sich spürte, denkt sie zurück. Schließlich hatte sich in den vergangenen Jahren ihr Leben nur ums Essen gedreht. Nach der Therapie fehlt zunächst ein neuer Lebensinhalt. Durch Sport und Meditation schafft sie es, eine neue Verbindung zu sich selbst aufzunehmen. Sie kündigt ihren Job im öffentlichen Dienst und macht sich als Hundetrainerin und Lifecoach selbstständig. Jetzt will sie für andere das sein, was sie nie hatte: ein Vorbild. "Ich möchte ein Leuchtturm sein für Menschen, der zeigt: Ich hab es geschafft, also schaffst du das auch."

Hilfe auch für Angehörige

Jannike Stender läuft durch einen Park. © NDR Foto: Lisa Pandelaki
Jannike Stender möchte nun anderen helfen, ihren Weg in das Leben nach der Bulimie zu finden.

"Selbsthilfegruppen sind ein ganz wichtiger Bestandteil", kommentiert Göring Stenders Entschluss. "Dass die Betroffenen sich angenommen, gesehen fühlen." Wichtig sei allerdings auch, dass die Angehörigen von Betroffenen Beratung suchen, damit sie nicht ihre eigenen Grenzen überschreiten. Das helfe den Angehörigen, aber auch den Betroffenen. "Es ist für die Betroffenen schwer, so in Watte gepackt und als krank behandelt zu werden. Auch wenn das aus den besten Intentionen heraus gemacht wird, sorgt es eher noch mehr dafür, dass die Betroffenen das Gefühl haben "Ich schaffe das nicht alleine"", erklärt Göring. Die Beratungsstelle Eß-o-Eß bietet deshalb neben der Arbeit mit Betroffenen auch Beratung für Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen von Bulimikerinnen an.

Auf dem Weg zu sich selbst

Es ist mittlerweile acht Jahre her, dass Jannike Stender sich das letzte Mal gewollt übergeben hat. Der größte Trigger ist für sie nach wie vor ein voller Bauch. Doch durch die Therapie hat sie gelernt, damit umzugehen, über den Moment hinwegzugehen. Mit ihren Eltern hat sie nur noch sporadischen Kontakt, ihren Schwestern fühlt sie sich näher. Und sie hat neu zu sich selbst gefunden. Auf ihr Gewicht zu achten, das gehört für sie auch dazu. Eine Waage besitzt die junge Frau allerdings nicht mehr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 12.10.2020 | 20:05 Uhr

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