Stand: 28.06.2017 21:02 Uhr

"Brückentag" in Kiel: Albig geht, Günther kommt

Von Constantin Gill

Die einen kommen, die anderen gehen, manche bleiben. Neue Abgeordnete, künftige Staatssekretäre, wissenschaftliche Mitarbeiter - alle laufen sie im Foyer des Landtags durcheinander. Dazwischen Besucher wie Peter Harry Carstensen und Angelika Volquartz von der CDU, die ihren neuen Ministerpräsidenten feiern wollen. Ein paar Journalisten bleiben kurzzeitig in der Sicherheitsschleuse am Eingang des Landtags stecken. Dann strömen auch sie herein.

Die Zeichen stehen auf Versöhnung

Auf der Regierungsbank im Plenarsaal sitzen Ministerinnen und Minister, die ihre Amtsgeschäfte heute übergeben werden - auch Ministerpräsident Torsten Albig ist dabei. Nach Wahlkampf, Niederlage und Rückzug aus der Politik ist bei ihm - zumindest äußerlich - nichts von Frust zu spüren. "Glück und Segen" wünscht er seinem Nachfolger, als die Journalisten ihn auf dem Weg in den Saal in Beschlag nehmen. "Pastorale Reden werden mir ja eh unterstellt", sagt er selbstironisch und spielt auf Vorwürfe der Opposition während seiner Amtszeit an. Für ihn schließe sich ein Kreis, sagt Albig.

"Heute ist ein ganz schwieriger Tag - eine Art Brückentag", sagt Robert Habeck von Grünen, der noch Albigs Stellvertreter ist und gleich Günthers Stellvertreter sein wird. Überhaupt ist es der Tag der versöhnlichen Gesten. Händeschütteln, Schulterklopfen und Umarmungen - nicht nur zwischen den Mitgliedern der neuen "Jamaika"-Koalition, sondern auch zwischen alten und neuen Ministern, politischen Gegnern und alten Weggefährten. Die Abgeordneten des SSW, nicht mehr Teil der Regierung, sitzen eingerahmt von Grünen und FDP, die neuerdings Partner in der "Jamaika"-Koalition sind - aber sie alle reden trotzdem noch miteinander.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) im NDR 1 Welle Nord Studio © NDR Fotograf: Jannis Lippisch

Daniel Günther bei "Zur Sache Spezial"

NDR 1 Welle Nord - Zur Sache -

Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten stellt sich Daniel Günther (CDU) im NDR 1 Welle Nord Studio den Fragen von Moderator Stefan Böhnke. Hören Sie das "Zur Sache Spezial" in voller Länge.

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Auf dem Weg zum Landesvater

Ein Blitzlichtgewitter kündigt Daniel Günther an. Jeder Schritt wird heute - und wohl auch in Zukunft - genau beobachtet werden. Ob er weiß, was da auf ihn zukommt? Nicht wirklich, gibt er zu: "Ich fühle mich dem aber gewachsen", so der 43-Jährige. Acht Monate ist es erst her, dass er zum CDU-Landeschef gewählt wurde. Erst seit Anfang des Jahres ist er Spitzenkandidat. Ein paar Interviews später hat auch Günther es in den Saal geschafft, in dem jetzt erst einmal Landtagspräsident Klaus Schlie das Ruder übernimmt. Kleinteilig erklärt er den Ablauf des Wahlganges. Trotzdem vergessen die beiden ersten Abgeordneten noch ihren Wahlzettel auf dem Weg in die Kabine. Gelächter.

42 von 44 Stimmen - und Geschenke für den Vorgänger

Kurz nach halb elf, nach einer Unterbrechung, hat Schlie dann das Wahlergebnis auf dem Tisch und teilt es den gespannten Abgeordneten, Zuschauern und Journalisten mit. Und auch Günther hat es nach einer Plauderei im Foyer gerade noch rechtzeitig zurück in den Saal geschafft.

42 Ja-Stimmen nur für Günther - da fehlen also zwei aus der künftigen Jamaika-Koalition. Ein leises "Oh" ist aus dem Plenarsaal zu hören. Trotzdem: Es hat im ersten Wahlgang geklappt. Günther nimmt die Wahl "sehr gern" an.

In seiner Antrittsrede wirbt er für einen fairen Umgang der Parteien miteinander - und lobt ausdrücklich die Arbeit seiner Vorgängers Torsten Albig in der Flüchtlingspolitik. Günther betont Gemeinsamkeiten der beiden, den "christlichen Glauben" etwa. Der Musikgeschmack allerdings gehöre nicht dazu, witzelt Günther - und schenkt Albig eine Box mit Jazz-CDs und Konzertkarten.

Als der neue und alte Regierungschef danach gemeinsam vor den Abgeordneten stehen, einander die Hände schüttelnd - gibt es minutenlangen Applaus. Und Standing Ovations. Wieder so eine versöhnliche Geste.

Kratzer im Lack von Jamaika?

Weniger glimpflich geht der Abschied für Innenminister Stefan Studt (SPD) aus. Er verabschiedet sich, wie er selbst bei Facebook schreibt, "mit einem Knall" aus dem Amt: Als er sich über einen Tisch beugt, um sich von einer SPD-Abgeordneten zu verabschieden, zieht er sich einen "Muskelbündelriss 3. Grades" zu.

Die Opposition hat sich unterdessen schon in Stellung gebracht. SPD und SSW sehen beim Wahlergebnis für Günther "Kratzer im Lack" für Jamaika, wie es in Pressemitteilungen heißt. Während sich bei Twitter schon zwei Grüne und FDPler darüber streiten, wer nun die Abweichler bei der MP-Wahl waren, sagt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki in einem Interview, das sei doch jetzt "Banane".

Honig für den Neuen

Kubicki selbst ist etwas wehmütig - denn es sei wohl seine letzte Ministerpräsidentenwahl gewesen. Diese Phase hat Ex-Landesvater Peter Harry Carstensen schon länger hinter sich - ihn juckt es nicht mehr in den Fingern. Carstensen meint, seine CDU habe nun den Generationswechsel geschafft. Wie seinem Nachfolger Albig damals, hat er heute auch Günther ein Glas Honig mitgebracht.

Der ist unterdessen schon unterwegs, seine Minister zu ernennen. Den vollen Terminkalender eines Ministerpräsidenten hat der frischgebackene Regierungschef also schon am ersten Tag. Als er, begleitet von Personenschützern, Referenten und Fotografen, das Haus verlässt, winkt ihm noch eine Grüne zu. Und dann startet der Neue ins Amt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.06.2017 | 18:00 Uhr

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