Petra Drodofsky steht mit ihrem Blindenführhund in der Holstenstraße in Kiel. © NDR Foto: Lisa Pandelaki

Blinde und Corona: Abstand halten ist unmöglich

Stand: 20.11.2020 08:22 Uhr

Petra Drodofsky ist blind. Vor Corona war sie im Alltag recht selbstständig. Doch die vielen individuellen Anordnungen und vor allem das Abstandhalten bereiten ihr seit Beginn der Pandemie Probleme.

von Lisa Pandelaki

Petra Drodofsky geht zielstrebig auf den Eingang der Post-Filiale in der Andreas-Gayk Straße in Kiel zu. "Elmo, Eingang", kommandiert sie ihren Hund. Drinnen bleibt sie zunächst stehen. "Hallo, wo ist denn hier das Ende der Schlange?", fragt sie in den Raum hinein. Eine andere Kundin lotst sie mit Anweisungen an die richtige Stelle. Elmo zieht an seinem Geschirr, will noch ein Stückchen vorwärts, doch Drodofsky hält ihn zurück.

Abstandhalten ist schwierig

Wie aktuell in allen Geschäften hängen hier Schilder, die darauf hinwiesen, dass die Filiale nur mit Mundschutz betreten werden darf. Auf dem Boden zeigen Klebestreifen, wie viel Abstand zum nächsten Kunden eingehalten werden soll. Drodofsky sieht das alles nicht, sie ist blind. Genügend Abstand einzuhalten ist für die 59-Jährige fast unmöglich. Ihr Blindenführhund kann sie zwar an Hindernissen vorbeiführen und ihr die Richtung anzeigen, doch Abstandhalten kennt er nicht. "Dann muss ich darauf warten, dass die Leute reagieren und mir sagen: "Bleiben Sie bitte stehen", oder "Noch einen Meter zurück", erklärt Drodofsky.

Wieder auf mehr Hilfe angewiesen

Vor der Corona-Pandemie war die Kielerin relativ selbstständig. Selbst der Gang zum Supermarkt war für sie ohne Hilfe zu meistern. Mittlerweile braucht sie wieder mehr Hilfe im Alltag. Der Blick auf den Aushang mit dem geforderten Mindestabstand, eventuellen Laufwegen und maximaler Kundenanzahl gehört für sehende Menschen mittlerweile dazu. Drodofsky ist darauf angewiesen, dass ihre Mitmenschen ihr sagen, wenn sie draußen warten muss, bis ein Kunde den Laden verlässt, wenn sie anderen zu nahe kommt oder in welcher Richtung sie ein Hindernis umgehen muss. "Sie können jetzt wieder ein Stück nach vorne gehen", informiert die Post-Kundin, als es in der Schlange weitergeht.

Viel Verständnis von ihren Mitmenschen

In den meisten Fällen werde ihr gerne und gut weitergeholfen, erzählt Drodofsky. Als sie am Anfang manchmal ihren Mundschutz vergessen hat, hatten die meisten Leute auch dafür Verständnis. "Ich bin auch schon ohne Mundschutz in den Aldi gegangen. Sehende Menschen sehen den Mundschutz bei den anderen Kunden. Ich sehe es einfach nicht. Da gehe ich rein, stehe an der Kasse und wundere mich, dass der Kassierer so nuschelig spricht", erinnert sie sich. Inzwischen denkt Drodofsky immer an die Maske. Über die aktuell geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, informiert sie sich online. In einer WhatsApp-Gruppe für blinde Menschen in Kiel, kann sie sich zudem mit anderen darüber austauschen. Ihr Handy ist so eingestellt, dass es ihr die Nachrichten vorliest.

Mit den Händen sehen

Als Drodofsky bei der Post an der Reihe ist, tastet sie sich mit den Händen am Tresen entlang zum freien Mitarbeiter. Sie möchte Briefmarken kaufen und zahlt in bar. Der Mitarbeiter gibt ihr die Marken und das Rückgeld direkt in die Hand. Auf ihren Tastsinn kann sie nicht verzichten. Häufiges Händewaschen ist für sie deshalb besonders wichtig. Drodofsky verstaut Marken und Portemonnaie im Rucksack und greift nach Elmos Geschirr, um sich zum Bahnhof führen zu lassen.

An die neue Situation angepasst

Auch bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel hat sie eine Lösung für sich gefunden. Eigentlich setzt sie sich immer direkt hinter den Busfahrer. Dieser Platz ist im Moment aber zum Schutz des Busfahrers gesperrt. Das ist eine weitere Situation, in der Elmo, der Blindenführhund, wenig Hilfe ist. "Er guckt da immer rein und will mir anzeigen: Komm, da können wir rein, das ist leer. Und dann muss ich ihn immer wegziehen", erzählt sie mit einem Schmunzeln. Ihr neuer Stammplatz ist in der Mitte auf den Sitzen gegen die Fahrtrichtung, weil die nicht so beliebt und deshalb oft frei sind.

Was am meisten fehlt

Elmo kennt den Weg und führt Drodofsky ruhig durch die Fußgängerzone. In der Pandemie ist es hier stiller geworden. "Ich empfinde das so, dass die Stadt insgesamt sehr ruhig geworden ist. Das irritiert mich teilweise sehr", sagt Drodofsky angesichts der wenigen Menschen, die ihr entgegenkommen. Was ihr seit Anfang des Jahres vor allem fehlt, ist der persönliche Kontakt zu ihren Mitmenschen. "Das viele Alleinsein ist eine Herausforderung. Mein Mann ist letztes Jahr gestorben. Das ist nicht ganz einfach, der körperliche Kontakt fehlt mir sehr." Ganz auf Kontakte verzichten möchte sie deshalb nicht. Ihre Enkelkinder kommen sie weiterhin regelmäßig besuchen. Insgesamt hat sich Petra Drodofsky mit den Schwierigkeiten gut arrangiert und hofft, dass diese herausfordernde Zeit für sie und ihren Hund Elmo bald überstanden ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 20.11.2020 | 09:10 Uhr

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