Stand: 02.02.2020 13:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Biker machen sich für misshandelte Kinder stark

Drei Motorradfahrer stehen vor einer Maschine und blicken in die Kamera. © NDR Foto: Cassandra Arden
Digger, Loco und Wanderer (v.l.). Sie sind drei von zwölf Mitgliedern des Waterkant Chapters von B.A.C.A.

Sie nennen sich Digger, Wanderer und Loco. Sie sind drei von zwölf Mitgliedern des Waterkant Chapters von B.A.C.A. Die Abkürzung steht für Bikers Against Child Abuse. So steht es auch auf der Kutte von Digger - direkt neben einem Aufnäher mit ihren Spitznamen oder wie es bei den Bikern heißt: road names. Ihr Ziel ist es, misshandelten oder sexuell missbrauchten Kindern Stärke und Rückhalt zu geben, so dass sie wieder ohne Angst leben können. "Wir nehmen sie in unsere Familie auf und versprechen, sie zu beschützen und für sie da zu sein", sagt Digger, der Präsident des Chapters.

Der Kontakt entsteht über die Eltern

Ein Mitglied der Biker-Community B.A.C.A schaut in die Kamera. © NDR Foto: Cassandra Arden
Digger ist der Präsident des Waterkant Chapters, es gibt noch acht weitere in ganz Deutschland.

Der Kontakt zwischen den Kindern und den Bikern entsteht über die Eltern. Die Erziehungsberechtigten müssen einverstanden sein, dass ihr Kind unterstützt wird. Außerdem muss gegen den mutmaßlichen Täter ein Strafverfahren laufen. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, darf das Kind sich zwei Paten aussuchen. Einige möchten gerne eine Frau dabei haben - bei B.A.C.A. kein Problem, denn es gibt auch Bikerinnen in dem Chapter. Eine von ihnen arbeitet in einem Kirchengemeindezentrum. Sie nennt sich selbst eine Motorrad fahrende Nonne.

"Manche Kinder haben sehr klare Vorstellungen darüber, wie ihre Paten aussehen sollen", schmunzelt Digger: "Wir hatten ein Mädchen, die hat gesagt, sie will ganz klar Männer und am besten möglichst große." Möglichst groß, hieß in diesem Fall: 170 Kilo, wie Digger verrät: "Als er sich eine neue Uhr gekauft hat, mussten erst mal acht Glieder eingesetzt werden, damit die passt." Als das Mädchen seinen Paten zum ersten Mal traf, sei ihr die Kinnlade runtergefallen, erzählt der Chapter-Präsident. Auf die Frage, ob ihr Pate groß genug sei, kam ein beeindrucktes und sehr deutliches Ja.

 Hat ein Kind Angst, kommen es die Biker besuchen

Eine Bikerjacke mit verschiedenen Anteckern und einem mit der Aufschrift: B.A.C.A.. © NDR Foto: Cassandra Arden
Gegründet wurde B.A.C.A in den USA - inzwischen gibt es sie weltweit.

Sind die Paten gewählt und vorgestellt, nehmen die Biker das Kind in ihre Familie auf. Das Kind bekommt seine eigene Kutte, einen eigenen "road name" und sehr viel Selbstvertrauen, wie eine Mutter aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde schildert: "Das war irre, sie hat sich richtig aufgerichtet und stark gefühlt. Das war toll." Ihren richtigen Namen möchte die Mutter nicht sagen, um ihr Kind zu schützen. Sie nennt sich Muffin. In der Biker-Familie bekommen alle einen Spitznamen - auch die Eltern. Muffin war verzweifelt auf der Suche nach Hilfe, seit sie erfahren hatte, dass ihre Tochter misshandelt wurde. Vor rund drei Jahren fand sie bei B.A.C.A., was sie brauchte.

Mehr als ein Dutzend Biker kommen, um ein Kind in ihren Reihen willkommen zu heißen. Manchmal kommen auch welche aus einem der anderen acht Chapter in Deutschland. Immer mal sind sogar Biker aus dem Ausland dabei, B.A.C.A. gibt es weltweit. Gegründet wurde der Verein vor 25 Jahren in den USA.

"Das Kind steht total im Mittelpunkt"

Theoretisch kann jedes B.A.C.A.-Mitglied zu der Aufnahme eines Kindes kommen. Muffin erinnert sich gut an diesen Tag: "Ich könnte, wenn ich daran denke, schon wieder heulen. Das Kind steht total im Mittelpunkt. An dem Tag, als sie aufgenommen wurde, habe ich sie das erste Mal nach sehr, sehr langer Zeit lächeln sehen." Seitdem kann sich das inzwischen 13 Jahre alte Mädchen immer an die Biker wenden. "Allein das Gefühl, dass sie sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr jemanden hat, der sofort da wäre, allein dieses Wissen, das ist ganz toll", freut sich Muffin.

Ausgaben werden durch Spenden oder aus eigener Tasche bezahlt

Das Versprechen, dass sich jederzeit jemand um das Kind kümmert, ist den Bikern wichtig - auch wenn es zeitintensiv und teuer ist. "Wir finanzieren alles über Spenden oder aus eigener Tasche", sagt Digger: "B.A.C.A. kostet Zeit und Geld. Aber es gibt einem so viel. Wenn ich nach Hause komme, sieht meine Frau sofort, wenn wir bei einem der Kinder waren." Sie sehe es, weil er dann zufrieden sei, weil er helfen konnte. Digger leitet seine eigene Firma, so muss er sich bei keinem Chef rechtfertigen, wenn er auch während der Arbeit für B.A.C.A. Angelegenheiten organisiert. Loco ist pensionierter Beamter und arbeitet nur noch ein wenig nebenbei: "Das habe ich extra so gemacht."

B.A.C.A. kommt auch zur Abschlussfeier - wenn nötig

Ein Motorradfahrer steht vor einer grünen Maschine und guckt in die Kamera. © NDR Foto: Cassandra Arden
Wenn ein Kind Angst hat oder Hilfe braucht, steigen sie sofort aufs Motorrad. Immer für die Kids da zu sein, ist ein Versprechen der Biker.

In Schleswig-Holstein gehören derzeit sechs Kinder zu B.A.C.A. Eines von ihnen ist die Tochter von Brokenheart. Ihre Tochter ist inzwischen 16 Jahre alt. "Sie ist so stolz, ein Teil von B.A.C.A. zu sein. Sie hat die Kutte auch schon auf dem Weg zur Schule getragen", erzählt sie. Das bedeutet natürlich, dass jeder sehen kann, dass ihr etwas Schreckliches zugestoßen ist. Das mache ihr aber nichts aus, sagt Brokenheart mit fester Stimme: "Ich finde, das ist ein Zeichen von Stärke und es zeigt die Kraft, die sie durch B.A.C.A. bekommen hat."

Sollte sie doch mal Angst haben, dann seien die Biker für ihr Mädchen da. So wollte ihre Tochter nicht zu ihrer Abschlussfeier gehen, weil sie Angst hatte, der Täter könnte auftauchen. Also kamen einige aus der Biker-Familie einfach mit. "Der Direktorin der Schule war es recht", erinnert sich Brokenheart: "Wir saßen auf den Stühlen, meine Tochter auf der Bühne und meine andere Tochter neben mir. Hinter uns saßen die Biker von B.A.C.A., dann kam eine Frau und hat gefragt: 'Sind sie die Band für den Abend?'"

Mit 25 Leuten im Rücken zum Gerichtsprozess

Die "Band für den Abend" kommt im Zweifel auch mit in den Gerichtssaal. So haben die Biker Muffins Tochter zu ihrem Prozess begleitet - ein schwerer Gang für das Kind, der viel Kraft erfordert. Kraft, die Digger und die anderen der Kleinen geben konnten, wie Muffin sagt. Digger und Loco erinnern sich noch gut: "Wir haben vorher mit dem Richter gesprochen und gefragt, was sie bei Gericht nicht haben wollen. Wir sind ja nicht da, um uns darzustellen, sondern um das Kind zu stärken." Deswegen blieben die Kutten vor dem Saal. "Kurz zuvor waren diese Kutten vor dem Gericht aber sehr nützlich", erinnert sich Digger und schmunzelt: "An dem Tag war zufällig auch ein Prozess gegen einen Rocker. Als wir da mit rund 25 Leuten ankamen, sind die Justizbeamten leicht nervös geworden. Aber dann haben die gelesen, was auf unserer Kutte steht und uns gegoogelt - dann war es okay."

"Von uns geht so viel Gewalt aus, wie von einer Mauer"

Die  B.A.C.A.-Mitglieder werden oft mit Vorurteilen konfrontiert. Auch den Vorwurf, dass, was sie machen, grenze an Selbstjustiz, kennen sie. "Der Täter spielt für uns keine Rolle, dafür gibt es eine Justiz. Unser Augenmerk liegt beim Kind", sagt Digger. Sie stellen sich vor das Kind, sie schützen es. Das sei ja ihr Versprechen, das sie gegeben haben, erklärt der Präsident des Chapters: "Und wenn ein Täter zu dem Kind will, dann stehen wir im Weg. Von uns geht so viel Gewalt aus, wie von einer Mauer - keine. Aber wenn man dagegen rennt, kann man sich weh tun."

Polizeiliches Führungszeugnis notwendig

Sie würden sich auch die ganze Nacht vor das Haus stellen, wenn einer ihrer Schützlinge Angst hat, der Täter könnte drum herum schleichen. Die Polizei in Schleswig-Holstein sagt, mit B.A.C.A. habe es keinen einzigen Vorfall gegeben. Aus polizeilicher Sicht unauffällig, heißt es. B.A.C.A.-Mitglied Wanderer hat lange als Therapeut gearbeitet. Er spricht ruhig und sieht einem dabei tief in die Augen: „Alle, die bei uns Mitglied werden wollen, werden vorher überprüft. Wir brauchen ein erweitertes Polizeiliches Führungszeugnis", sagt er. Außerdem werden alle regelmäßig geschult. Das sei wichtig, betont Wanderer: "Wir müssen einander vertrauen können, denn wir fahren nicht nur miteinander Motorrad, wir fahren zu den Kindern."

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Das Gesicht eines Mannes in Hemd und Weste zeichnet unter einem weißen Strumpf nur schemenhaft ab.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 28.01.2020 | 20:05 Uhr

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