Stand: 31.03.2019 06:00 Uhr

"Bergwaldprojekt" füllt Sturmschneisen auf Amrum

von Lukas Knauer

Ein Waldstück auf Amrum, etwa auf halbem Weg zwischen Norddorf und Nebel. 22 Freiwillige in Arbeitsmontur - Männer und Frauen, Junge und Alte - sind hier seit halb acht Uhr morgens zugange. Ute Nowack greift nach einem Setzling, einer kleinen Rotbuche. Behutsam stülpt die 70-Jährige dem hüfthohen Gewächs eine Spirale aus PVC über. "Das ist ein Verbissschutz, damit die Karnickel, die hier auf der Insel leben, keine Chance haben, den Baum zu beschädigen." Nowack kommt aus Hamburg. Sie ist bereits seit vielen Jahren bei den ökologischen Freiwilligeneinsätzen dabei, die der gemeinnützige Verein "Bergwaldprojekt" in ganz Deutschland organisiert. Im dem Amrumer Wald, in dem Nowack und ihre Mitstreiter gerade stehen, haben Stürme in den vergangenen 20 Jahren immer wieder Schneisen der Verwüstung hinterlassen. Die kleinen Setzlinge sollen helfen, diese Schneisen zu füllen. Die Kosten übernimmt der Verein, finanziert durch Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Gemeinnütziger Verein sitzt in Würzburg

Seit 2001 engagiert sich das "Bergwaldprojekt" mit Sitz in Würzburg auf der Insel. Amrum ist einer von 51 Einsatzorten in diesem Jahr. Auf der Insel sind die Teilnehmer immer für eine Woche untergebracht, dann folgt die nächste Gruppe. In diesem Frühjahr ist das "Bergwaldprojekt" insgesamt drei Wochen hier. An- und Abreise müssen die Freiwilligen selbst zahlen.

Als Touristin lag Nowack noch am Strand

Der Naturschutz-Einsatz auf Amrum ist Ute Nowack besonders wichtig. "Früher war ich hier nur als Tourist unterwegs. Seit ich hier im Wald arbeite, könnte ich gar nicht mehr stundenlang am Strand sitzen, ich sehe die Insel nun mit anderen Augen", sagt die 70-Jährige. Ein paar Meter entfernt schlägt der Rest der Truppe mit Wiedehopfhauen - einer Mischung aus Hacke und Axt - Löcher in den Waldboden.

Pauline Zenetti hat alles genau im Blick. Die 25-Jährige studiert Forstwissenschaften und Sozialpädagogik und leitet in dieser Woche das "Bergwaldprojekt" auf Amrum. "Die Pflanze wird hineingehalten, der Mineralboden wird draufgekippt und dann wird mit den Handballen die Erde ein bisschen verdichtet - es wird nicht einfach draufgestampft, weil die Wurzeln ja sehr sensibel sind und wir wollen, das die Bäumlein was werden", sagt sie.

Das "Bergwaldprojekt" auf Amrum in Bildern

Nach Stürmen waren 13.000 Festmeter Holz weg

Bis heute sind die Schneisen, die die Stürme - zuletzt 2013 - in den Wald gerissen haben, unübersehbar. "Nach 'Christian' und 'Xaver' mussten mehr als 13.000 Festmeter Holz von der Insel runter", erinnert sich Walther Ratkens, Bezirksförster des Kreises Nordfriesland. Ein Festmeter Holz entspricht einem Kubikmeter fester Holzmasse.

Aber es hat sich viel getan. Mehr als 250.000 kleine Bäumchen wurden bereits gepflanzt. Alleine 70.000 davon von Freiwilligen des "Bergwaldprojekts". In diesem Frühjahr sollen noch mal 6.500 dazukommen.

"Das erleichtert meine Arbeit natürlich enorm", sagt Förster Rahtkens. Ohne die Freiwilligen hätte er wohl ein Problem, denn Waldarbeiter auf die Insel zu bekommen, gestaltet sich schwierig. "Ich finde einfach keine Arbeitskräfte", sagt Rahtkens. Der Wald bietet Tieren einen Lebensraum und Touristen Erholung, aber vor allem hat er eine Schutzfunktion: "Erst kommt der Kniepsand, dann die Dünenkette und auf der anderen Seite vom Wald liegen die landwirtschaftlichen Flächen und die Dörfer: Der Wald soll den Sandflug bremsen", erklärt der Förster.

"Haben eine Bringschuld gegenüber der Natur"

Die freiwilligen Helfer, die nach Amrum gereist sind, kommen aus ganz Deutschland. "Ich bin aus der Stadt und habe keinen Garten", sagt Klaus Ehret aus Freiburg, dort arbeitet er für ein Online-Mietwagenportal. Ihm gebe es "ein gutes Gefühl" in der Erde zu arbeiten und Bäume zu setzen. "Ich würde es als eine Art Bringschuld bezeichnen, die wir damit begleichen", meint Farina Kiefer und setzt einen kleinen Bergahorn in die Erde. "Allgemein sitze ich viel drinnen und muss lernen - da habe ich jetzt natürlich noch den Effekt, dass ich mal an die frische Luft komme", sagt die Studentin und grinst.

Der Amrumer Wald und der Hambacher Forst

Bäume zu pflanzen und wilde Brombeeren aus der Erde zu rupfen, macht in der Regel aber noch kein reines ökologisches Gewissen. Viele der Freiwilligen haben den Nachhaltigkeitsgedanken bereits in den Alltag integriert. "Wir verzichten auf ein eigenes Auto, nutzen Carsharing und bewegen uns sonst zu Fuß oder mit dem Rad fort", sagt Gudrun Meissner. Die 54-Jährige kommt aus Ludwigsburg, "zumindest im Schwabenländle ist das für eine fünfköpfige Familie eher ungewöhnlich". Für Studentin Jule Darwig hat das Bäumepflanzen auch eine politische Dimension. Sie wohnt in Aachen, in der Nähe des rheinischen Braunkohlereviers: "Bei uns ist der Hambacher Forst ja ein Dauerthema. Bäumepflanzen ist die eine Sache, aber man muss auch auf politischer Ebene handeln, um die Natur zu schützen."

Bäcker spendet Kuchen, Brötchen und Brot

Noch bis 6. April werden die Freiwilligen des "Bergwaldprojekts" auf der Insel sein. Wenn alle Bäume gepflanzt sind, geht es den wilden Brombeeren und der spätblühenden Traubenkirsche an den Kragen. Die Insulaner freuen sich über den jährlichen Einsatz der Naturschützer. Ein Bäcker spendiert den Freiwilligen regelmäßig übrig gebliebenen Kuchen, Brötchen und Brot.

Auch Förster Walther Rahtkens zieht seinen Hut: "Gerade haben wir schönes Wetter. Aber wir hatten auch schon Schnee, Regen und Wind. Und wenn man sich den ganzen Tag bücken muss, um diese Pflanzen in die Erde zu bekommen, dann weiß man am Ende des Tages schon, was man gemacht hat."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 31.03.2019 | 06:00 Uhr

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