Stand: 12.07.2019 05:00 Uhr

Behördenirrsinn: Kiel ist für Blinde ein Glücksspiel

von Michael Frömter

Wie barrierefrei ist das Leben in einer Großstadt? NDR Schleswig-Holstein hat das gemeinsam mit einem blinden Bad Segeberger in Kiel getestet. Deutschland will ja soweit wie möglich barrierefrei sein, hat sich dazu in der UN-Behindertenrechtskonvention bekannt. Abgesenkte Bordsteine und Lifte für Rollstuhlfahrer gehören genauso dazu wie taktile Leitstreifen für sehbehinderte und blinde Menschen. Aber wie durchdacht sind diese Streifen angelegt?

Ein Mann mit Gehstock läuft auf einem falsch verlegten Blindenstreifen gegen die Wand © NDR

Blindenstreifen: "Zur Zeit ist es eine Lotterie"

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Sascha Lang aus Bad Segeberg ist seit seinem dritten Lebensjahr blind. Für NDR Schleswig-Holstein hat er in Kiel den Selbstversuch gewagt - und viele Blindenstreifen gefunden, die falsch verlegt wurden.

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Weiße Leitstreifen führen vor die Wand

Sie haben Rippen oder Noppen, die weißen Beton-Leitstreifen, die fast in allen Orten immer häufiger auf Gehwegen zu finden sind. Diese Streifen sollen Sehbehinderten und Blinden helfen, sich mit einem sogenannten Langstock - besser bekannt als "Blindenstock" - auf Straßen und Wegen zu orientieren. Doch manchmal führen sie in eine Sackgasse oder buchstäblich vor die Wand.

"Fachliches Know-how lässt zu wünschen übrig"

Obwohl die taktilen Betonstreifen für Blinde genormt seien, würden sie nicht konsequent verlegt, sagt dazu Jan Homfeldt, Experte für barrierefreies Bauen beim schleswig-holsteinischen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen. Gründe seien oftmals Unwissenheit oder Nachlässigkeit bei den Planungsbüros und bei den Arbeitern vor Ort, sagt Homfeldt. Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Ulrich Hase, wird sogar noch deutlicher: "Es fehlt an Kompetenz. Das fachliche Know-how lässt deutlich zu wünschen übrig und die Arbeiten werden weder überwacht noch kontrolliert", sagt Hase im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein.

Endstation Mauer: Unsinnige Blindenstreifen

Leitstreifen vor dem Kieler Hbf enden im Nichts

Wie absurd zum Teil die Verlegung der Leitstreifen für Blinde ist, weiß auch Sascha Lang aus Bad Segeberg zu berichten. Er macht für uns den Test in der Landeshauptstadt Kiel. Schon am Hauptbahnhof beginnen die Probleme. Dort enden nämlich die Leitstreifen - die eigentlich weiß sein sollten, bei der Bahn aber anthrazitfarben sind - im Nichts, beziehungsweise an der Straße. Einige Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, beginnt die nächste Herausforderung: Dort verlaufen Fuß- und Radweg sowie ein Parkstreifen für Autos parallel neben der Fahrbahn.

Nur nicht von der eigenen Spur abkommen

Rad- und Fußweg sind lediglich durch einen schmalen Rippenstreifen von einander getrennt. Ein enormes Risiko nennt Sascha Lang die Verkehrsführung, denn alle Beteiligten seien dort gefährdet. Ein Blinder könne angefahren werden, der Blindenstock beim Abtasten in die Fahrradspeichen geraten und den Radfahrer stürzen lassen. "Öffnet dann noch ein Autofahrer die Tür, ist ein Unfall kaum noch zu vermeiden", sagt Sascha Lang.  

Hier geht's ins Blumenbeet

Geradezu kurios wirken dagegen solche Leitstreifen, die anscheinend ohne Plan irgendwie verlegt wurden. Da verbindet zum Beispiel in Kiel ein Leitstreifen für Blinde eine Hauswand mit einem Blumenbeet. An anderer Stelle beginnen und enden die Platten im Nirgendwo. Nur eine vorbildliche Wegführung für Blinde findet Sascha Lang auf seinem Weg durch Kiel. Dabei handelt es sich um Leitstreifen, die perfekt zu einer Fußgängerbrücke führen. An den Geländern sind zudem Hinweise in Blindenschrift angebracht, wohin die Treppe führt.

Rippen oder Noppen: Ein riesiger Unterschied

Die Erlebnisse, die Sascha Lang in Kiel gemacht hat, sind kein Einzelfall, weiß auch Christine Lossmann aus Lübeck. Sie ist Rehabilitationslehrerin für Blinde und Sehbehinderte. Lossmann schult als Betroffene andere Sehbehinderte und Blinde in alltäglichen Situationen. Da würden auch gerne mal sogenannte Auffindestreifen an Fußgängerüberwegen mit Noppen- statt mit Rippenplatten versehen, sagt Lossmann. Ein gefährlicher Unterschied, denn: Die Noppen signalisieren eine gesicherte Straßenüberquerung, die Rippen weisen auf einen nicht gesicherten Übergang hin. Wird also ein ungesicherter Überweg für Blinde als sicher ausgewiesen, kann das tödliche Konsequenzen haben.

Für gefährlich hält Christine Lossmann ebenfalls die taktilen Beton-Leitstreifen zwischen Fuß- und Radweg. Hier seien Unfälle programmiert, sagt Lossmann.

Landesbeauftragter fordert Verordnung für Blinden-Leitstreifen

Um ein weiteres Durcheinander zu verhindern, fordert der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Hase, die Regelung für Blinden-Leitstreifen verpflichtend in die Landesbauordnung Schleswig-Holsteins aufzunehmen. Zudem sei es nötig, Betroffene bereits in die Planung mit einzubeziehen. In den meisten Behinderten-Beiräten der Kommunen oder in den Verbänden gebe es kompetente Betroffene, die hilfreiche Tipps geben könnten, sagte Hase im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein. Er forderte gleichzeitig, dass es auch beim Bau von Straßen und Wegen ein verbindliches Gutachten für die Barrierefreiheit geben müsse. Dadurch würden die Leitstreifen rechtzeitig geplant und seien nachträglich von den Genehmigungsbehörden von Land und Kommunen überprüfbar.

Eine Ursache: Unterschiedliche Zuständigkeiten

Ein Grund für das Durcheinander könnten unterschiedliche Zuständigkeiten sein. Auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein erklärte Dirk Hundertmark, Sprecher des Innenministeriums: "Auf Fachebene finden bereits Gespräche mit dem Beauftragten über eine Verbesserung der Umsetzung der Barrierefreiheit statt. Häufig liegt das Problem allerdings auch an den wechselnden Zuständigkeiten im Übergang von Gebäuden zu öffentlichen Wegen. Hier gilt es vor allem, die nötige Sensibilität in der Gesellschaft zu schaffen, damit die Bauherren wirklich alle Bedürfnisse der Barrierefreiheit bei der Planung berücksichtigen."

Leitstreifen besser mit Verstand verlegen

Positiv sei aber schon heute, da sind sich der Landesbeauftragte und Sascha Lang aus Bad Segeberg einig, dass Wege für Blinde überhaupt eingerichtet werden. "Optimal wäre es, wenn Blinden- Leitstreifen dann noch mit Verstand verlegt werden. Das hilft den Betroffenen und kostet nicht einmal mehr Geld," sagt Sascha Lang.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.07.2019 | 08:00 Uhr

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