Stand: 01.10.2019 19:48 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Bauschutt vs. Naturschutz: Kosel will keine Deponie

von Kai Peuckert

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Wenn das Grundwasser unter der Deponie oder ein umliegender See verunreinigt werden würde, hätte das weitreichende Folgen.

Seit 35 Jahren wird in den Gemeinden Kosel und Gammelby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) zwischen B76, Birkenseer Weg und Alter Landstraße Kies und Sand abgebaut. Was mit dem Areal nach dem baldigen Ende der Förderung passiert, soll lange verabredet sein. "Es ist vorgesehen, dass es renaturiert wird. Und das ist das, was wir als Gemeinde fordern", sagt Kosels Bürgermeister, Hartmut Keinberger. Der CDU-Politiker beruft sich sogar auf ein Schriftstück, das vor 35 Jahren aufgesetzt worden sein soll. Großvieh wie Rinder, Bepflanzung, Mähen verboten, wie in einem Naturschutzgebiet, so will es die Gemeinde.

Der Betreiber, die Unternehmensgruppe Peter Glindemann, will ein zwölf Hektar großes Teilstück des Geländes zukünftig als Bauschutt-Deponie nutzen, hat einen entsprechenden Antrag gestellt. So würde die größte Deponie ihrer Klasse in Schleswig-Holstein entstehen - in unmittelbarer Nachbarschaft zu Naturschutzgebieten. Mehr als zwei Millionen Kubikmeter Abfälle auf einer Fläche von 14 Fußballfeldern könnten in den kommenden 30 Jahren entsorgt werden. Die Koseler sprechen von Schuttbergen von rund 20 Metern Höhe. Sie befürchten, dass das Gebiet durch Erweiterungsanträge nach und nach auf die fünffache Größe ausgebaut werden könnte.

Farbreste, Weichmacher, Klebstoffe, asbesthaltige Abfälle

Statt eines Naturschutgebiets soll Bauschutt entsorgt werden - durchsetzt mit Farbresten, Weichmachern, Klebstoffen. Es geht um eine Bauschutt-Deponie der Klasse 1. Auch in Big Bags verpackte asbesthaltige Abfälle wären möglich, sagt die Gemeindevertretung. Anwohner befürchten auch freigemessenes, also schwach radioaktives Material aus dem Rückbau von Atomkraftwerken.

Die Kiesgrube müsste vom Betreiber nach gesetzlichen Vorgaben abgedichtet werden, damit keine Schadstoffe ins Grundwasser sickern können. Der Abstand zwischen Grubenboden und Grundwasserspiegel beträgt an einigen Stellen weniger als zwei Meter, natürlichen Schutz gibt es quasi nicht.

"Man weiß, dass die Abdichtungen eine Weile halten, aber niemals so lange, wie die Auswaschung dieser Schadstoffe bestehen bleibt", sagt Gemeindevertreterin Christiane Knabe (Grüne).

Geschützte Seen in 300 Meter Entfernung

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Hartmut Keinberger und Christiane Knabe haben den Eindruck, dass der Standort nicht ordentlich geprüft wurde.

Schadstoffe könnten über andere Wege in die angrenzenden Naturschutzgebiete gelangen, so die Befürchtungen. Durch starke Winde oder überirdischen Abfluss, zum Beispiel bei Starkregen. Denn das Areal liegt auf einer Anhöhe zwischen den geschützten Biotopen Bültsee und Großer Schnaaper See.

Der Bültsee ist rund 300 Meter von der geplanten Deponie entfernt. "Der Bereich ist durch den sandigen Boden und die Nährstoffarmut gekennzeichnet, sehr selten in Schleswig-Holstein und unbedingt zu schützen", sagt Gemeindevertreterin Knabe. In Naturschutz-Managementplänen sei bereits vermerkt, dass es eine bundesweite Verantwortung für den Seentyp gäbe.

Gemeinde Kosel fordert Raumordnungsverfahren

Wenn das Grundwasser unter der Deponie oder ein umliegender See verunreinigt werden würde, hätte das weitreichende Folgen. Denn die Seen bilden mit unterirdischen Grundwasserseen eine Verbindung von der Schlei bis zur Ostsee. Schadstoffe würden sich also über das Grundwasser weiterverbreiten. Das belegen Untersuchungen des Schlei-Informations- und Erlebniszentrums, deren Ergebnisse NDR Schleswig-Holstein vorliegen.

Deshalb fordert die Gemeinde Kosel vom Innenministerium vor dem Planfeststellungsverfahren für die Deponie ein Raumordnungsverfahren, um zu klären, ob der Standort geeignet ist. "Das wird er mit Sicherheit nicht sein. Leider wird uns dieses Raumordnungsverfahren aktuell vom Innenministerium verweigert", sagt Christiane Knabe.

Innenministerium: Deponie hat lokalen Charakter

In einem Raumordnungsverfahren würden auch alternative Standorte in ganz Schleswig-Holstein geprüft. Das Innenministerium verweist darauf, dass die geplante Deponie mit ihrer Größe von zwölf Hektar in Kosel und Gammelby nur lokalen Charakter hätte. "Für Projekte dieser Größe ist ein Raumordnungsverfahren dann nicht notwendig, wenn die Raumverträglichkeit auch anders geprüft werden kann", sagte der Pressesprecher des Innenministeriums, Dirk Hundertmark. Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) würde ein Planfeststellungsverfahren eröffnen. In dem würde laut Hundertmark vom Innenministerium dann geprüft, ob das Gelände für eine Deponie der Klasse 1 geeignet sei oder nicht. Die Erkenntnisse würden im Planfeststellungsverfahren des LLUR berücksichtigt.

Sorge vor Erweiterungen

Christiane Knabe und der Gemeindevertretung Kosel reicht das nicht. "Wir würden uns wünschen, dass ein Standort wie dieser, der erst mal für einen bestimmten Deponieumfang geplant ist, aber erhebliches Erweiterungspotenzial beinhaltet, von vornherein ordentlich geprüft wird. Den Eindruck haben wir im Moment nicht", erläutert die Grünen-Politikerin.

Die Hoffnung, dass das Innenministerium seine erste Entscheidung noch revidiert, haben die Koseler noch nicht aufgegeben. Mit einer Plakat-Aktion in den Dörfern der Gemeinde versuchen sie, auf die Situation aufmerksam zu machen. Außerdem informieren sie Landtagsabgeordnete über ihre Bedenken und hoffen auf die Unterstützung der umliegenden Gemeinden und der Stadt Eckernförde.

Die Unternehmensgruppe Peter Glindemann hat auf eine Interviewanfrage von NDR Schleswig-Holstein nicht reagiert.

Anwohner schließen sich zusammen

Die Anwohner aus den angrenzenden Gemeinden schließen sich gegen die geplante Deponie zusammen. Eine Facebookgruppe hat in kurzer Zeit die 800-Mitglieder-Marke erreicht. Die Bürger führen am 7. November eine Informationsveranstaltung in der Stadthalle Eckernförde durch. Dazu sind auch Vertreter des LLUR eingeladen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 01.10.2019 | 19:30 Uhr

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