Stand: 17.09.2016 10:43 Uhr

Autobahnzubringer für Tiere - hier geht's lang

von Carsten Janz

Für Menschen sind Autobahnen ja extrem praktisch. Wenn man nicht gerade im Stau steht, sind sie häufig die schnellste Verbindung zwischen den großen Städten im Land. Was für den Menschen eine enorme Erleichterung darstellt, ist für die Tiere dagegen eine echte Gefahr. Denn das Autobahnnetz zerteilt ihre natürlichen Lebensräume. Für Rot- und Damwild in Schleswig-Holstein, aber auch für ganz kleine Tiere wie Ameisen und Käfer, werden Autobahnen wie die A 7 zum fast unüberwindbaren Hindernis. Grünbrücken können eine Hilfe sein - doch wie sollen die Tiere die finden?

Die Grünbrücke von oben. Sie verbindet zwei große Waldstücke. © NDR Foto: Carsten Janz

Hilfe für Wildtiere bei Grünbrücken

Schleswig-Holstein Magazin -

Die Stiftung Naturschutz konzipiert Hinterlandanbindungen von Grünbrücken und bietet somit den Tieren eine sichere Überquerung von Autobahnen.

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Grünbrücken als Lebensretter

Björn Schulz von der Stiftung Naturschutz kämpft deshalb mit einem Pilotprojekt der Stiftung Naturschutz gegen diese Entwicklung. Viele Autofahrer kennen die Grünbrücke auf der A 21 bei Negernbötel (Kreis Segeberg). Hier ist schon vieles in die Tat umgesetzt, was er zusammen mit Mitarbeitern der Stiftung Naturschutz erarbeitet hat. Wichtig, sagt Schulz, sei nämlich nicht nur die Querung der Autobahn an sich, sondern auch die so genannte "Hinterlandanbindung". Der Agrarökologe vergleicht es mit der Fehmarnbeltquerung: Die "wäre auch nichts wert, wenn keine Autobahn in den Tunnel führt. Auch bei Grünbrücken müssen die Tiere auf die Brücke gelotst werden".

Von Tümpel zu Tümpel bis zur A 21

Dam- und Rotwild fällt es weniger schwer, die Tierbrücke zu finden. Denn die Hirsche legen in der Regel große Strecken zurück. Doch wie findet eine kleine Heuschrecke den einzigen ungefährlichen Weg über die Autobahn? Hier kommt Björn Schulz ins Spiel. Er gestaltet für sie einen "Zubringer"aus Magerrasen, also eine Mischung aus offenem Sand, schütterer Vegetation und höherem Gras. Und Kröten werden auf die richtige Spur geschickt, indem sie in regelmäßigen Abständen Tümpel finden. Der letzte Tümpel ist dann nur noch wenige Meter vor der Grünbrücke entfernt. "Diese kleinen Tiere brauchen einen optimalen Lebensraum, um den Weg zur Brücke zu finden. Nur so erfüllt sie ihren Zweck", erklärt Naturschützer Schulz die mühsame Arbeit. Er geht sogar so weit und sagt, dass Autobahnen ansonsten ganze Tierarten in ihrer Existenz gefährden. "Durch Autobahnen kommt es bei vielen Rassen zu Inzucht. Die Tiere werden weniger widerstandsfähig, wenn wir nichts tun, wird es manche Arten in Schleswig-Holstein in wenigen Jahren einfach nicht mehr geben".

Vorbild sogar für China

Der Tierschützer Schulz entdeckt kurz vor der Grünbrücke eine seltene Heuschrecke - den Warzenbeißer. Die grüne Heuschrecke verdankt ihren seltsamen Namen ihrem braunen Magensaft - früher dachte man, ein Biss könnte Warzen verschwinden lassen. Der Hüpfer legt eigentlich nur wenige Meter innerhalb eines Jahres zurück. "So nahe an der Brücke haben wir noch keinen Warzenbeißer gesichtet", freut sich Björn Schulz. Er berichtet über sein Projekt auf diversen Vorträgen in ganz Europa. Die Vertreter anderer Nationen sind sehr interessiert und holen sich Rat bei dem Naturschützer aus Schleswig-Holstein, sogar Experten aus China, erzählt der Wissenschaftler, lassen sich von ihm beraten. Um das Hinterland der Grünbrücken neu zu gestalten, ist es seine Aufgabe, mit den Landbesitzern zu verhandeln, Lösungen zu finden, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Es müssen zum Beispiel kleine Schneisen in den Wald geschlagen werden, landwirtschaftliche Flächen dürfen nicht mehr genutzt werden. Deshalb freuen sich nicht alle über Grünbrücken.

Hier lang - Tierschützer helfen über die Autobahn

Millionen für den Naturschutz

Und diese Art des Naturschutzes ist extrem teuer. Die Grünbrücke bei Negernbötel hat 2,5 Millionen Euro gekostet. Die Hinterlandanbindung nochmal 1,5 Millionen Euro zusätzlich. Das Projekt der Stiftung Naturschutz wird hauptsächlich aus Bundesmitteln finanziert. Die Grünbrücken auf der A 7 bei Brokenlande und auf Höhe Bad Bramstedt sind die nächsten Projekte von Björn Schulz. Hier sei es teilweise nicht einfach, die Interessen der Landbesitzer unter einen Hut zu bringen. Trotzdem seien diese Brücken unbedingt nötig, sagt der Naturschützer. Es seien die derzeit einzigen Möglichkeiten für Tiere, lebendig über die A 7 zu kommen - und um die Artenvielfalt in Schleswig-Holstein sicherzustellen.

Weitere Informationen

Achtung, Umleitung: A-7-Brücke für Wildtiere

Bei Brokenlande wird zurzeit die erste Grünbrücke über die Autobahn 7 gebaut. Hier sollen Rehe und Wildschweine künftig sicher die Straße überqueren. Dann müssen sie nur noch die Brücke finden. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.09.2016 | 19:30 Uhr

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