Stand: 10.08.2018 11:54 Uhr

Auschwitz: Juden und Muslime beten gemeinsam

von Andreas Schmidt

Irgendwann passiert es. Die Wucht des Ortes erfasst einen, zieht einen hinein in den Strudel des Grauens. Man meint, Stimmen der Wächter zu hören, das Knallen ihrer Stiefel, das Wimmern der Elenden, zusammengepfercht in Baracken, gezwungen zu todbringender Zwangsarbeit, oder gleich von der Selektionsrampe weitergetrieben in die Gaskammern. Das ist dann der Moment, in dem Auschwitz nicht wirkt wie eine Horrorkulisse oder ein bizarres Museumsdorf, sondern als das was es ist: eine reale Tötungsmaschine, als Schauplatz einer globalen Katastrophe.

Juden und Muslime beten zusammen

Am Morgen um 9 Uhr baut sich eine Gruppe vor dem Erschießungshof des Lagergefängnisses im Block 11 auf. Kaum einer der vielen Touristen beachtet sie. Doch hier passiert etwas noch nie Dagewesenes: Der Erfurter Imam Assem Al Halak singt die 32. Sure des Koran auf arabisch. Eine junge Syrerin übersetzt: "Wer ein menschliches Wesen tötet, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält." Dann beten die Juden. Dann wieder die Muslime.

Ministerpräsidenten sind Zuschauer

Die Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) und Bodo Ramelow (Linke) stehen beklommen da. Sie sind hier Zuschauer, eingeladen, weil die interreligiöse Reisegruppe aus Schleswig-Holstein und aus Thüringen stammt. Dann setzt sich die ganze Gesellschaft in Bewegung zur sogenannten Todeswand im Erschießungshof, die Ministerpräsidenten zupfen die Schleifen an den Trauerkränzen zurecht. Daniel Günther bleibt eine Weile stehen, wirkt als wisse er nicht recht wohin mit sich. "Unglaublich bewegend" sei das gewesen, wird er später sagen. Die muslimischen Jugendlichen legen Rosen für die Toten nieder. Dann zieht die Gruppe weiter.

Juden und Muslime in Auschwitz

Ein trauriger Ort

Bogdan Logvinov trägt eine kunstvoll verzierte Kippa an diesem Tag. Der junge Mann stammt aus der Ukraine. Seit drei Jahren studiert er Volkswirtschaftslehre an der Kieler Universität. Er ist gläubiger Jude. "Kompliziert", sei es für ihn gewesen, herzukommen: "Das ist ein trauriger Ort für unser Volk." Es falle ihm schwer, all dies zu sehen. "Ich verstehe, was hier passiert ist, ich verstehe aber nicht warum. Was haben diese Menschen Schlimmes getan, dass man sie ermordet hat? Das werde ich nie in meinem Leben verstehen." Viele aus dem jüdischen Teil der Gruppe haben Vorfahren, die im Holocaust gestorben sind.

Zusammen durch das Vernichtungslager

Bogdan Logvinov hat auf der Reise Amro kennengelernt, Amro stammt aus Damaskus und will seinen Nachnamen nicht veröffentlicht wissen, weil seine Familie noch in Syrien ist. 2015 ist er aus seiner Heimat geflohen, zu Fuß, mit dem Boot, mit dem Auto. Jetzt wohnt er in Erfurt und studiert Architektur. Sein Traum ist, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und hier arbeiten zu können. Er ist gläubiger Muslim. "Ich weiß so wenig über das Judentum", sagt er, "aber ich bin neugierig."

Seit Montag bereist die Gruppe Auschwitz und die Umgebung. Sie waren im jüdischen Viertel in Krakau. Sie haben die Emaillefabrik des deutschen Unternehmers Oskar Schindler besucht, der 1.200 Juden vor den Vernichtungslagern retten konnte. Am Donnerstag gehen Bogdan Logvinov und Amro gemeinsam durch die erste Gaskammer des Stammlagers Auschwitz 1. "Das ist kein böser Traum", sagt Amro, "das ist die Realität. Jeder kann kommen und sich das ansehen." Er schüttelt den Kopf. "Manchmal reichen die Wörter nicht aus, um das zu sagen, was man fühlt."

Gemeinsame Verantwortung

Immer wieder trifft sich die Gruppe zu gemeinsamen Gesprächen in einem Zentrum für Dialog und Gebet in Auschwitz. Der Zentralrat der Muslime und die Union progressiver Juden haben die Reise gemeinsam organisiert. Ayman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, begleitet die Gruppe. Er wird nicht müde zu betonen, dass Muslime in Deutschland die gleiche Verantwortung vor der Vergangenheit haben wie deutsche Christen oder Atheisten. Er kämpft seit Jahren gegen Antisemitismus, der sich in Teilen der muslimischen Gesellschaft breit macht. Irith Michelsohn von der Union der Progressiver Juden bezeichnet ihn mittlerweile als "Freund".

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.08.2018 | 19:30 Uhr

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