Stand: 04.08.2020 11:26 Uhr

Ausbildung trotz Corona: Eine Investition für die Zukunft

Lasse Tewes steht neben einem Lkw in einer Veranstaltungshalle. © Lasse Tewes / Contzept Foto: Lasse Tewes / Contzept
Lasse Tewes bildet auch in diesem Jahr aus, obwohl fast der gesamte Betrieb in Kurzarbeit ist.

Eigentlich hätte Lasse Tewes zusammen mit seinem Team in diesem Jahr die Rathausbühne für die Kieler Woche betreut und die Bühnen für das Baltic Open Air mitgeplant - doch wegen der Corona-Pandemie fällt das alles ins Wasser. Für ihn bedeutet das Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent in diesem Jahr. Lasse Tewes ist Geschäftsführer von Contzept Veranstaltungstechnik in Melsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Er und seine 22 Mitarbeiter sind fast alle in Kurzarbeit - bis heute. Dennoch hat sich das kleine Unternehmen dazu entschlossen, auch in diesem Jahr wieder jungen Leute eine berufliche Perspektive zu bieten. Es bildet aus - trotz Corona.

Tewes: "Am Ende brauchen wir eine Crew"

Normalerweise würden in Tewes' Betrieb zum 1. August sechs neue Auszubildende anfangen. Doch das kann er sich in diesem Jahr nicht leisten. Ganz auf Azubis verzichten, wollte er dennoch nicht. "Auszubilden ist wichtig, um später keinen Fachkräftemangel zu haben. Wir wollen langfristig planen, um am Ende auch eine Crew zu haben, auf die wir uns verlassen können", erklärt der Geschäftsführer. Zwei neue Lehrlinge haben deswegen im August angefangen. Ein dritter kommt vielleicht sogar dazu, wenn klar ist, ob der Betrieb die Ausbildungsprämie des Landes bekommt.

Kleine und mittlere Betriebe, die trotz Corona-Schwierigkeiten ausbilden oder sogar mehr Azubi-Stellen schaffen, bekommen in diesem Jahr eine einmalige Prämie von 2.000 beziehungsweise 3.000 Euro pro Ausbildungsplatz. Mit dieser finanziellen Unterstützung könnte Tewes' Betrieb sogar einen Azubi mehr stemmen.

Fachkräftemangel bleibt auch nach Corona

So wie Tewes' Unternehmen geht es längst jedoch nicht jedem. Nicht alle Betriebe können in diesem Jahr Ausbildungsplätze anbieten. "Es gibt spürbare Rückgänge der gemeldeten Ausbildungsstellen durch die Corona-Pandemie", erklärt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit. Vor allem in der Gastronomie und Hotellerie seien die Plätze im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, sagt sie. Die Agentur für Arbeit rät den Unternehmen jedoch, weiter auszubilden. "Wir wissen, dass das Thema Fachkräftesicherung - auch nach der Krise - nichts von seiner Bedeutung einbüßen wird", sagt Haupt-Koopmann.

Investition in die Zukunft

Eine Außenaufnahme des Hotel und Restaurant "Zum alten Bahnhof" in Blunk.
Das Hotel und Restaurant Zum alten Bahnhof in Blunk hat zwei neue Kochlehrlinge.

Gemeinsam mit seinen Eltern leitet Cedric von Ohlen das Hotel und Restaurant Zum alten Bahnhof in Blunk (Kreis Segeberg). Auch er musste während der Corona-Pandemie den Hotel- und Restaurantbetrieb nahezu einstellen. Lediglich außer Haus Verkauf konnte er noch anbieten. "Das Geschäft rollt jetzt erst langsam wieder an. Doch man merkt, dass die Urlauber zurückhaltender sind. Stammgäste fehlen in diesem Jahr und mit Absage der Karl May-Spiele auch die anderen Gäste", erklärt von Ohlen. Trotzdem fingen auch bei ihm zum 1. August zwei neue Auszubildende an - zwei Kochlehrlinge.

"Man muss jetzt ausbilden und darf nicht aufhören, an die Zukunft zu denken. Soweit einem das möglich ist, sollte man jetzt in die Zukunft investieren, sonst steht man später da und einem fehlt das Personal", sagt er. Dass er sich zwei Auszubildende leisten kann, liege aber auch nur daran, dass die Familie im vergangenen Jahr gut gehaushaltet habe und er und seine Eltern selbst jeden Tag mit anpacken. Das spare Kosten.

Ein Versprechen gegenüber der jungen Generation

Das Unternehmensgebäude von Bilfinger Greylogix in Flensburg. © Belfinger Greylogix/Michael Behrends Foto: Belfinger Greylogix/Michael Behrends
Bilfinger Greylogix nimmt normalerweise bis zu 18 Azubis. In diesem Jahr ist es gerade die Hälfte.

Doch auch größere Unternehmen spüren die Krise, können nicht so viele junge Menschen einstellen, wie eigentlich geplant. Bilfinger Greylogix ist ein Unternehmen für industrielle Automatisierungstechnik und hat knapp 350 Mitarbeiter in ihrer Hauptniederlassung in Flensburg. Normalerweise stellt das Unternehmen im Jahr zwischen 16 und 18 Azubis ein. In diesem Jahr sind es neun. Mehr sei nicht drin, erklärt Ausbildungsleiter Jörg Gerke.

Das gesamte Unternehmen ist in Kurzarbeit, die Auftragslage erholt sich nur langsam. Doch auch er sagt: "Wir bilden aus, weil wir Fachkräfte brauchen." Außerdem wurden die Zusagen für die Ausbildungsplätze in diesem Jahr schon vor Beginn der Corona-Krise verschickt. "Die Azubis, die eine Zusage bekommen haben, werden auch bei uns anfangen. Wir sehen eine soziale Verpflichtung darin, unser Versprechen gegenüber der jungen Generation einzuhalten. Und wenn wir jetzt nicht ausbilden, fehlen uns die Leute in Zukunft", erklärt Gerke.

Der Rat: Weiterhin aktiv auf Betriebe zugehen

Die Unsicherheit auf Seiten der Auszubildenden merkten alle drei Betriebe. "Wir haben Anrufe von den Auszubildenden bekommen, die gefragt haben, ob die Ausbildung auch wirklich stattfindet und ob auch die Schule gewährleistet werden kann", erzählt von Ohlen. Auch die Praktikumsanfragen gingen bei Greylogix spürbar zurück. Doch alle drei Ausbilder raten jungen Menschen, auch weiterhin aktiv auf Betriebe zuzugehen und mit Praktika, einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Gute Chancen noch für dieses Jahr

Auch die Agentur für Arbeit sieht noch Chancen für dieses Jahr. Mehr als 7.300 Ausbildungsplätze sind unbesetzt, speziell im Einzelhandel und Handwerk - gleichzeitig suchen noch knapp 5.200 Jugendliche einen Platz. Außerdem bieten viele Unternehmen für dieses Jahr noch einen späteren Ausbildungsbeginn im September oder Oktober an. Ein bisschen Zeit ist also noch für kurzfristige Bewerbungen.

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