Stand: 11.02.2019 20:51 Uhr

Auf Wiedersehen, Professor Snower

von Malin Girolami

Zum Interview kommt er mit dem Fahrrad - obwohl es viel regnet und die Temperaturen ungemütlich sind. Selbst ein komplizierter Hüftbruch, erlitten bei einem Sturz im Sommer, kann ihn von dieser täglichen Routine nicht abhalten. Zu sehr genießt Professor Dennis Snower die frische Luft an der Kieler Förde vor einem langen Tag im Büro. 15 Jahre hat er das Institut für Weltwirtschaft (IfW) geleitet. Nun geht er in den Ruhestand.

Erster Präsident ohne deutsche Staatsbürgerschaft

In der mehr als 100-jährigen Geschichte des IfW war er der erste Präsident, der keine deutsche Staatsbürgerschaft besaß. Die wurde ihm erst 2018 verliehen. Geboren und aufgewachsen als amerikanischer Staatsbürger in Wien hat Dennis Snower als Wirtschaftswissenschaftler Karriere gemacht. Er lehrte in Princeton, Harvard und Stockholm. Als 2004 das Angebot aus Kiel kam, war er Professor für Volkswirtschaftslehre in London. Dennis Snower sagte zu und brachte frischen Wind an die Förde.

"Als ich kam, hatten die meisten meiner Kollegen hier die Ansicht, es würde reichen, wenn man viel publiziert und unter den Kollegen berühmt wird. Doch inzwischen weiß jeder, dass wir auch eine große Bringschuld an die Gesellschaft haben - und den Steuerzahler", erinnert sich Snower. Damals war vor allem die hohe Arbeitslosigkeit ein Thema, Hartz IV stand kurz vor der Einführung. Heute sind es die Globalisierung und ihre Folgen, die das Institut beschäftigen.

Querdenken erwünscht!

Zu Beginn seiner Amtszeit löste Dennis Snower alle Abteilungen auf, setzte stattdessen auf interdisziplinäre Teams. "Ich bin ein Chef, der sich viel austauschen möchte mit den Mitarbeitern und immer gewiss ist, dass das, was beim Austausch rauskommt, besser ist als das, was sich ein Einzelner hätte ausdenken können", so Snower. Darum holte er nicht nur Wirtschaftswissenschaftler ans Institut, sondern auch Politologen, Physiker und Psychologen. Wenn große Fragen anstanden, lud er alle Mitarbeiter zum sogenannten Kieler Dialog ein, um so möglichst viele Ideen zu sammeln. Auch hier standen immer die soziale Verantwortung einer Marktwirtschaft und der gemeinsame Blick über den Tellerrand der eigenen Fachrichtung im Mittelpunkt.

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Geht am IfW in den Ruhestand, will aber weiter forschen: Professor Dennis Snower.
Nobelpreisträger zur Kieler Woche

Um Menschen zu würdigen, die nicht nur den Gewinn, sondern auch das Gemeinwohl im Sinn haben, rief Snower 2004 den Weltwirtschaftlichen Preis ins Leben. Seitdem verleiht das Institut diese Auszeichnung in den Kategorien Wirtschaft, Wissenschaft und Politik immer zur Kieler Woche. Auch wenn der Preis undotiert ist, gilt er als große Ehre. So kamen bisher zahlreiche Nobelpreisträger an die Förde, aber auch Wirtschaftsgrößen wie der Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, Klaus Schwab, und Politiker wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

"Einen harten Kopf brauchen wir für die Analyse der Weltwirtschaft. Ein weiches Herz brauchen wir, um aus der Weltwirtschaft etwas zu ziehen, was vereinend wirkt. Und das haben alle unsere Preisträger getan", sagt Snower. Er selbst sieht das Institut immer mehr in der Verantwortung, Weltwirtschaft auch aus der sozialen Perspektive zu betrachten. Sein Nachfolger, der Österreicher Gabriel Felbermayr, möchte den Weltwirtschaftlichen Preis beibehalten, heißt es. Denn er habe sich als feste Größe auf der Kieler Woche etabliert.

Seit mehr als 100 Jahren globale Forschung

Alte Theorien über Bord werfen

Auch wenn er sein Arbeitszimmer im Institut inzwischen schon fast ausgeräumt hat - durch die vielen, leeren Bücherregale lässt sich erahnen, welche Mengen an Fachliteratur sich in Snowers Arbeitsleben angesammelt haben. Er selbst forschte zu Beginn seiner Karriere viel zum Thema Arbeitsmarkt, in den letzten Jahren aber wandte er sich verstärkt der Bedeutung der Psychologie auf wirtschaftliche Entscheidungen zu. "Meine größten Erfolge waren immer, Durchbrüche in der Wissenschaft zu finden, die bedeuteten, dass das, was ich vorher gedacht hatte, Mist war. Das ist Fortschritt", erklärt der 68-Jährige.

In den Medien war seine Meinung nicht nur zu wirtschaftlichen, sondern auch zu weltpolitischen Themen gefragt: Welche Folgen hat der Brexit für Menschen in Schleswig-Holstein? Was bedeutet ein US-Präsident Trump für die wirtschaftliche Stabilität der Welt? Snower gehört zu den Experten, die nicht laut werden müssen: Er wählt leise Töne, die eine umso eindringlichere Wirkung hinterlassen.

Von der Förde an die Themse

Seine beiden erwachsenen Kinder leben mittlerweile in London. Er selbst wird Kiel ebenfalls in Richtung englischer Hauptstadt verlassen. Vor allem die langen Radtouren an der Förde und am Kanal werden ihm in der Großstadt abgehen, sagt er. Doch als Geist am IfW herumzuschweben, das sei keine Option für ihn. In Berlin und London hat er Lehraufträge angenommen, weil er auch im Ruhestand das machen will, was ihn begeistert: weiter Forschen.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.02.2019 | 06:00 Uhr

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