Stand: 10.07.2018 16:05 Uhr

Asyl in Flintbek: Ein Zuhause auf Zeit

von Christian Schepsmeier

Die blauen Transporter sind die gleichen wie im Dezember 2017. Aber am Dienstag kommen sie nicht, um die Familie Alo abzuholen. Dieses Mal bringen sie die Familie Alo zurück: Nach sieben Monaten in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige in Boostedt (Kreis Segeberg) werden sie wieder in der Gemeinde leben, die schon einmal ihr Zuhause war: Flintbek bei Kiel. "Es fühlt sich an, als würden wir noch einmal neu nach Deutschland kommen", sagt die Mutter, Khanem Alo. Ihr Mann Khalil nickt. Er wirkt ausgezehrt. Ob sich das gut anfühlt, noch einmal neu hierhinzukommen? Beide sagen deutlich: "Ja." Aber eine Frage beschäftige sie noch mehr: "Für wie lange wird es diesmal sein?"

Die Flüchtlingsfamilie Alo

Familie Alo kehrt zurück nach Flintbek

Schleswig-Holstein Magazin -

Sieben Monate verbrachte Familie Alo in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige in Boostedt. Jetzt durfte sie nach Flintbek zurückkehren, wo sie seit vier Jahren gut integriert ist.

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Familie bleibt ausreisepflichtig

Als wir die Frage Jörn Petersen vom Fachdienst Zuwanderung im Kreis Rendsburg-Eckernförde stellen, antwortet er: "Das kann ich aus heutiger Sicht noch nicht sagen. Die Familie bleibt ausreisepflichtig." Ausreisepflichtig - aber wohin? Für die deutschen Ausländerbehörden ist die Familie Alo ein Problem - und bis heute ein Problem ohne Lösung. Laut einem Bescheid des Bundesamts für Asyl und Flüchtlinge ist die Familie "ausreisepflichtig" - nur weiß niemand so genau, wohin sie eigentlich ausreisen soll. Als sie neu nach Deutschland kamen, vor gut viereinhalb Jahren, da hatten die Alos keine Papiere dabei. Sie konnten nicht nachweisen, ob sie tatsächlich aus Syrien geflohen waren, wie sie auch heute noch beteuern. Ihren Asylantrag hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge deswegen am 2. November 2016 - fast zwei Jahre nach dem Antrag - als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt.

Ein Zuhause in Flintbek

Trotzdem durfte die Familie weiter in Flintbek leben: Der siebenjährige Sohn Mahmet wuchs in dieser Zeit in eine Fußballmannschaft des TSV Flintbek hinein, und Tochter Zaiza wurde zu einer der neugierigsten Schülerinnen in ihrer Klasse an der Lilli-Nielsen-Schule in Kiel. Khanem Alo hätte eine Ausbildung in der Pflege bekommen, wenn sie eine Arbeitserlaubnis bekommen hätte. Ihr Mann Khalil hat in der Gemeinde-Kita den Garten in Stand gehalten. Und der kleinste Sohn, Aram, ist schon ein geborener Flintbeker. "Es ist für mich und die Helfer völlig unverständlich, warum man eine Familie erst vier Jahre lang hierlässt", sagt Ute Bergner vom Freundeskreis Flüchtlinge, "und dann auf einmal heißt es: Und Tschüss, wir schieben euch ab."

Ein Zuhause in Flintbek - für wie lange?

Identität ungeklärt

"Und Tschüss" - das war am 11. Dezember 2017. Ein Bild des Abschieds im Schneeregen: Freunde der Familie tragen Koffer aus einer Wohnung. Ein Spalier aus Flintbeker Bürgern, die in Flintbek bleiben dürfen - im Gegensatz zu den Alos. Vor dem blauen Transporter, der sie nach Boostedt fahren soll, sitzt Zaiza im Rollstuhl und weint. Warum muss die Familie Flintbek so plötzlich verlassen? "Weil es für das Landesamt eine Arbeitserleichterung ist", sagt Jörn Petersen vom Kreis Rendsburg-Eckernförde damals. Das Landesamt für Ausländerangelegenheiten will die Familie nun von Boostedt aus zu zehn Botschaften fahren, um ihre Identität zu klären und sie danach möglichst abzuschieben. Grundlage ist ein Sprachgutachten, das eine Herkunft aus einem der GUS-Staaten nahelegt. Zehn Botschaftstermine - ohne Ergebnis. Seit Dezember ist die Familie tatsächlich bei zehn Botschaften und Konsulaten verschiedener Staaten vorstellig geworden: darunter die GUS-Staaten Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan und Armenien, aber auch Iran, Irak, Libanon - und Syrien. Keines der Länder hat bestätigt, dass die Familie Alo dort gelebt hat.

Folgen für die Kinder

"Ziel des Aufenthalts in der Landesunterkunft für Ausreisepflichtige ist die Identitätsklärung", teilte das Innenministerium vor einigen Monaten auf Anfrage des NDR mit. Nun ist der Aufenthalt in Boostedt beendet. Aber das Ziel ist nicht erreicht. Folgen hatte die Unterbringung in Boostedt vor allem für die Kinder der Familie Alo, erzählt Mutter Khanem: "Sie wissen jetzt, was Abschiebung bedeutet. Wir haben hier in Boostedt einige davon gesehen. Das macht ihnen Angst, und uns auch." Sohn Mahmet wird zum neuen Schuljahr zurückgestuft in die erste Klasse. Er spricht heute schlechter Deutsch als vor einem Jahr, nachdem er für einige Zeit gar keinen Schulunterricht bekommen hatte. Und Tochter Zaiza hat ihre Therapie am UKSH unterbrechen müssen. Sie hat die Lähmungskrankheit Zerebralparese und braucht kontinuierliche ärztliche und physiotherapeutische Behandlung. Jetzt, nach Beendigung des Aufenthalts in Boostedt, will der Kreis Rendsburg-Eckernförde die Fortführung der Behandlung ermöglichen. Und beide Kinder sollen ab dem kommenden Schuljahr wieder die Schulen besuchen, die sie kennen. Sie sollen da nochmal anfangen, wo sie vor sieben Monaten aufgehört haben.

Neustart - für wie lange?

Am kommenden Wochenende will der Unterstützerkreis in Flintbek ein Willkommensfest für die Familie Alo ausrichten. "Wir wollen versuchen, die negativen Erfahrungen, die sie gemacht haben, aus der Welt zu schaffen", sagt Ute Bergner vom Freundeskreis Flüchtlinge, "aber ich weiß nicht, wie ich das aushalten würde, wenn ich nicht wüsste: Darf ich jetzt bleiben oder nicht?" Für die Behörden ist die Klärung der Identität in jedem Fall noch nicht abgeschlossen. Ein weiterer Termin mit der armenischen Botschaft soll demnächst festgelegt werden. Vielleicht kommen die blauen Transporter irgendwann wieder nach Flintbek.

Diplom-Psychologe Hajo Engbers

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.07.2018 | 19:30 Uhr

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