Stand: 20.05.2019 19:32 Uhr

Arbeitnehmerfreizügigkeit: Klein-Europa in Apenrade

von Robert Holm

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Jürgen Handler überquert jeden Tag die Grenze nach Dänemark, um zur Klinik nach Apenrade zu kommen.

Jürgen Handler aus Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) braucht mit dem Auto rund eine halbe Stunde bis zur Arbeit - nichts Ungewöhnliches. Aber Handler überquert dabei jeden Tag die Grenze nach Dänemark. Und wären da nicht seit drei Jahren die stichprobenartigen Grenzkontrollen - Handler würde gar nicht mehr merken, dass er ins Ausland fährt. Seit 16 Jahren arbeitet er schon im Krankenhaus Apenrade. Dort ist er Oberarzt und einer von vielen Angestellten, die aus dem Ausland nach Dänemark gekommen sind. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU macht es möglich. Bei der Europawahl am kommenden Sonntag werden in vielen EU-Staaten hohe Stimmenanteile für europaskeptische Parteien erwartet. Zu den Hauptthemen dieser Parteien gehören die Beschränkung der Zuwanderung - und die Einschränkung dieser Arbeitnehmerfreizügigkeit.

Gutes dänisches Gehalt - wenn es mit der Sprache klappt

Dank der Europäischen Union läuft die Anerkennung von Studien- und Berufsabschlüssen für EU-Bürger unkompliziert. Die viel größere Hürde für viele Arbeitnehmer ist die Sprache. Jeder, der in Apenrader Krankenhaus arbeitet, muss problemlos mit den dänischen Patienten reden können. Bei Schwierigkeiten bietet die Klinik den Besuch von Sprachkursen an. Es gab aber auch Fälle, in denen Mitarbeiter wegen Sprachproblemen gehen mussten.

Handler spricht perfekt Dänisch. Er ist in der Grenzregion aufgewachsen und hat in Dänemark studiert. Er genießt es, hier zu arbeiten: wegen der guten Atmosphäre im Krankenhaus, den flachen Hierarchien und nicht zuletzt wegen des guten dänischen Gehalts. Einen Wechsel zurück nach Deutschland kann er sich nicht mehr vorstellen.

Kollege Maniatis: "Für Ärzte ist Dänemark das Paradies"

Auch sein Kollege Vasileios Maniatis fühlt sich im Apenrader Krankenhaus wohl. Er kommt aus Griechenland und hat seine Heimat während der großen Krise dort verlassen. Damals war der Radiologe total überlastet, hat seine Familie wegen der vielen Arbeit kaum gesehen: "Wir haben uns Sorgen gemacht um die Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder und unserer Familien. Hier sind die Verhältnisse einfach viel stabiler. Die Arbeitsbedingungen sind perfekt. Ich würde sagen: Für Ärzte ist Dänemark das Paradies." Er sei der erste griechische Arzt im Krankenhaus gewesen, sagt Maniatis. Mittlerweile würden aber allein in seiner Abteilung sechs Griechen arbeiten.

EU-Beitritt macht vieles einfacher - aber Probleme verschieben sich auch

Und auch Mindaugas Tisous bereut seinen Schritt nicht. Er kommt aus Litauen und ist schon 2002 - zwei Jahre vor dem EU-Beitritt seines Heimatlandes - nach Dänemark gezogen. Ein- und Ausreise, Besuch empfangen, Anerkennung seiner Abschlüsse - all das wurde dann einfacher, als Litauen 2004 EU-Mitglied wurde. Die Folge: Wie Tisous verließen viele Ärzte das Land, um woanders zu arbeiten. Neben Dänemark zog es sie auch nach England, Deutschland oder Norwegen.

Heute habe Litauen ein Problem, erzählt Tisous. Es gebe zuhause nicht mehr viele Ärzte: "Wir holen Leute aus anderen Ländern. Aus Weißrussland, Kasachstan - es gehen also alle von Osten nach Westen." Auch er will in den nächsten Jahren erstmal nicht zurückkehren in seine Heimat, fühlt sich wohl in Dänemark. Im Apenrader Krankenhaus ist ein kleines Europa entstanden, das viele nicht mehr verlassen wollen.

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Schleswig-Holstein Magazin | 20.05.2019 | 19:30 Uhr

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