Neue Wege in der Berufsorientierung

Stand: 15.03.2021 05:00 Uhr

Jobmessen helfen normalerweise, Schulabgänger und Betriebe zusammenzubringen. Corona-bedingt ist das derzeit nicht möglich. Ein Videoprojekt soll nun helfen.

von Helge Albrecht

In der sonnendurchfluteten Mensa der Dannewerkschule sitzen Shyla und Sören vor ihrem Bildschirm am Laptop. Sören ist 16 und geht in die zehnte Klasse der Gemeinschaftsschule in Schleswig. Seinen Abschluss macht er hier im Sommer, für die Zeit danach hat er sich schon lange Gedanken gemacht. "Ich wollte eigentlich schon seit der siebten Klasse zur Polizei", sagt er, "aber dann war ich da zum Einstellungstest Ende letzten Jahres und da bin ich dann leider nicht weitergekommen. Jetzt muss ich mir erst mal was anderes suchen."

Schwierige Berufswahl

Eine Mädchen, das eine Mund-Nasen-Maske trägt, sitzt vor einem Laptop. © NDR Foto: Helge Albrecht
Die 14-jährige Shyla informiert sich über mögliche Berufsfelder.

Shyla ist 14 und besucht die achte Klasse. Sie hat noch ein bisschen mehr Zeit als Sören, aber auch sie muss sich Gedanken machen, wie es nach der Schule für sie weitergehen könnte. Dabei soll ein Pflichtpraktikum helfen, das Schülerinnen und Schüler aus der achten Klasse machen müssen. "Also bis jetzt habe ich noch nicht wirklich einen Plan. Es gibt schon ziemlich viel und es ist schwierig, da irgendwas rauszusuchen. Ich würde vielleicht gerne etwas mit Tieren machen", sagt Shyla.

Unterstützung in entscheidender Phase

Damit es Schülerinnen und Schülern leichter fällt, sich zu entscheiden, gibt es normalerweise Jobmessen und Veranstaltungen zur Berufsorientierung. Diese fallen eigentlich wegen der Corona-Pandemie aus, doch Stefan Wesemann von der IHK Flensburg hat sich etwas anderes einfallen lassen. Er hat sich mit Schulen im Kreis Schleswig-Flensburg zusammengetan und 28 Betriebe in der Region überzeugt, Videos von ihrem Ausbildungsberuf zu drehen. "Die Videos sind authentisch und aus dem Berufsalltag heraus. Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich in dieser entscheidenden Phase beruflich gut orientieren können. Und auch, dass die Betriebe zeigen können, dass sie als Ausbilder da sind."

Mit authentischen Videos zum richtigen Bild

Ein Junge, der eine Mund-Nasen-Maske trägt, sitzt vor einem Laptop. © NDR Foto: Helge Albrecht
Sören guckt sich auf seinem Laptop einen Zimmereibetrieb an.

Auch Shyla und Sören haben sich viele dieser Videos auf der Seite der IHK angesehen. Auf Sörens Laptop in der Dannewerkschule läuft nun das Video eines Maurer- und Zimmereibetriebs. Einige Auszubildende reichen sich auf einer Baustelle Holzlatten aufs Dach und hämmern sie mit Nägeln fest. Andere mischen Zement an und mauern Ziegelsteine aufeinander. Dabei erzählen sie von ihrer Arbeit. Sören gefällt das Video gut: "Jeder hat gezeigt, was er macht und wie es funktioniert, wie der Betrieb läuft und dass jeder seine Aufgabe hat. Und man hat auch mal richtig gemerkt hat, dass ein Team dahinter steckt. Außerdem mache ich auch privat gerne handwerkliche Sachen."

Kennenlernen mit Livechat und Webcam

Sören hat sich darum für einen Livechat mit dem Betrieb angemeldet. Im Livechat sitzen jetzige Auszubildende gemeinsam mit ihren Chefs den Interessierten gegenüber. Die können Fragen über den Betrieb stellen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Auf diese Weise sollen die gut 1.000 Schülerinnen und Schüler, die wie Sören und Shyla an der digitalen Lehrstellenrallye in Schleswig teilnehmen, mehr über den Beruf und die Ausbildung erfahren können. Mindestens drei Gespräche soll jede und jeder führen - egal ob mit Bäckerei, Versicherung oder Landmaschinenhandel.

Weniger Ausbildungsstellen, weniger Bewerbungen in SH

Der Arbeitsbogen der Lehrstellenralley. © NDR Foto: Helge Albrecht
So sieht der Arbeitsbogen der Lehrstellenrallye aus.

Trotz der Vielfalt an Berufen gab es dieses Jahr im Februar weniger offene Ausbildungsstellen in Schleswig-Holstein als noch vor einem Jahr. Laut der Bundesagentur für Arbeit waren es dieses Jahr 719 Stellen weniger als im Februar 2020. Ob das mit der Corona-Pandemie zusammenhängt, könne man jedoch nicht sagen, so ein Sprecher. Noch deutlicher ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber im gleichen Zeitraum gesunken: von 14.419 auf 9.385.

Begegnungen, die es sonst nicht geben würde

Stefan Wesemann von der IHK ist daher glücklich, dass die Lehrstellenrallye nicht abgesagt werden musste, sondern digital stattfinden konnte. Er schätzt, dass dadurch allein im Kreis Schleswig-Flensburg 3.000 Begegnungen zwischen Schülerinnen und Schülern und Ausbildungsbetrieben entstanden sind. "Und das sind alles Kontakte, die sonst nicht zustande gekommen wären", sagt er. "Wenn wir auch noch unsere Lehrstellenrallye aus Dithmarschen und Flensburg mit dazu nehmen, sprechen wir von fast 5.000 bis 6.000 Schülerinnen und Schülern."

Neuer Weg zu Ausbildung und Praktikum

Damit die Schülerinnen und Schüler der Dannewerkschule konzentriert an den Livegesprächen teilnehmen, müssen sie Fragen auf einem Arbeitsbogen zu den Betrieben beantworten. Während des Livechats schreiben Shyla und Sören daher fleißig Notizen auf ihr Blatt Papier. Nach dem Meeting mit dem Zimmereibetrieb ist Sören erleichtert: "Ich hatte gehofft, dass ich dadurch mehr Bestätigung für den Beruf finde. Und das ist auf jeden Fall eine gute Idee." Er will sich nun bei einigen Zimmereibetrieben in der Umgebung bewerben, damit er im Sommer nach der Schule direkt eine Ausbildung machen kann. Shyla hat über die Lehrstellenrallye sogar eine Praktikumszusage auf einem Ferienhof bekommen und freut sich darüber: "Dass das direkt geklappt hat! Da war ich echt überrascht."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 17.03.2021 | 19:30 Uhr

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