Stand: 11.04.2020 07:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Alles anders in Corona-Zeiten: Student erntet Spargel

von Hannah Böhme

Meter für Meter bewegt sich der blaue Metallkarren voran. Die sogenannte Spargelspinne wandert langsam an einem 300 Meter langen Spargeldamm der Gärtnerei Eberlein in Kleinkummerfeld (Kreis Segeberg) entlang. Immer wieder bleibt sie stehen und Bo Fricke bückt sich über den oben abgeflachten Erdhaufen. Mehrere weiße Spargelspitzen haben sich schon durch die Oberfläche gedrückt. Mit einer Hand fängt der 31-Jährige an, die Erde rund um eine der Spitzen wegzuschaufeln. "Vorsichtig, falls drumherum noch weitere Triebe wachsen, die man noch nicht sieht", erklärt er und schiebt mit der anderen Hand den Spargelstecher in die Erde - ein Werkzeug mit Holzgriff und etwa 40 Zentimeter langer Eisenstange, die vorne spatenähnlich abgeflacht ist. Das richtige Einstechen sei für ihn das, was am meisten Übung erfordere, sagt er. Es gibt ein knackendes Geräusch und der blonde Mann mit Vollbart zieht eine weiße Spargelstange aus dem Boden. Seit gerade mal einer Woche arbeitet er als Erntehelfer in Kleinkummerfeld.

Trotz Lockerung - routinierte Erntehelfer kommen nicht  

Zusammen mit Lefke Blöcker, 24 Jahre alt, steht Bo Fricke seit dem frühen Morgen auf dem Feld. Immer wieder bückt er sich, gräbt den Spargel frei und bohrt das Stecheisen in die Erde. Wie genau er das machen muss, das hat ihm Marvin Eberlein erklärt, der 24-jährige Juniorchef der Gärtnerei Eberlein. Für die Spargelernte auf der sechs Hektar großen Anbaufläche kommen bei ihm eigentlich seit Jahren immer die gleichen Saisonarbeitskräfte aus Polen. Dieses Jahr nicht. Wegen der aktuellen Corona-Bestimmungen und den deshalb geltenden Ein- und Ausreisebedingungen bleiben die erfahrenen Helfer in dieser Saison in ihrer Heimat. "Die müssten einfliegen und dann hier erst mal 14 Tage in Quarantäne. Wenn sie dann nach Polen zurückfahren, müssten sie auch da 14 Tage in Quarantäne. Der Aufwand ist einfach enorm", erklärt Eberlein.

Der Rücken - "so anstrengend wie alle immer sagen"

Mittlerweile steht dem neuen Erntehelfer Bo der Schweiß auf der Stirn. Es ist anstrengend. Der Blick nach rechts die Reihe runter: Noch etwa 100 Meter liegen vor ihm und Kollegin Lefke. Dann ist die erste Reihe geschafft. Drei oder vier sollen heute noch folgen. "Es ist so anstrengend wie alle immer sagen", sagt er und gräbt den nächsten Spargel frei. "Man spürt auf jeden Fall seinen Rücken."

Eigentlich würde für den 31-Jährigen seit einigen Tagen das Sommersemester zu seinem dualen BWL-Studium laufen. Aber: "Mein Betrieb und meine Uni sind gerade zu. Ich habe Zeit und betätige mich gerne körperlich", erklärt er. Und ergänzt mit einem Lachen: "Und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner wollte das so."

"Der perfekte Spargestecher ist zäh"

Auch Lefke studiert noch. Beide kannten die Gärtnerei Eberlein schon vorher und haben sich privat für die Spargelernte gemeldet und nicht über die Landwirtschaftskammer. Dass es anstrengend wird, war ihnen klar. Und noch haben sie Glück, weiß Spargelbauer Eberlein. Das Wetter ist sonnig, mit an diesem Erntetag höchstens 15 Grad nicht zu kalt und nicht zu warm. "Aber es wird morgens auch kühler sein", beschreibt der Juniorchef die unschönen Seiten des Jobs. "Es wird mal regnen, mal deutlich windiger sein. Der Rücken wird wehtun. Die Finger werden wehtun. Das hier ist kein Bürojob - der perfekte Spargelstecher ist zäh." Und das sind die beiden Studenten, bemerkt Eberlein, während die zwei Erntehelfer die Spargelspinne an der zweiten Reihe ansetzen.

Landwirt: Routinierte Spargelstecher sind schneller

Bo gräbt in der Erde, legt den nächsten Spargel frei und geht mit dem Spargelstecher wieder in die Erde. Das knackende Geräusch ertönt diesmal zwei Mal. Ein schlechtes Zeichen. Er hat nicht nur den Spargel unten in der Erde abgetrennt, sondern versehentlich auch die wertvolle Spitze abgebrochen. "Das ist jetzt suboptimal", sagt er und wirft die Stange hinter sich. Mittlerweile gehe ihm nur noch etwa jeder achte Spargel kaputt, erklärt er. "Am Anfang war es jeder dritte oder vierte." Den geübten polnischen Erntehelfern passiert das kaum noch. Die seien auch deutlich schneller, sagt Juniorchef Marvin Eberlein. Trotzdem ist er froh, dass die beiden Studenten da sind. Die hätten sich schon deutlich verbessert. Außerdem: Mehr Spargel könnten auch erfahrene Helfer gerade nicht stechen. Die Saison habe gerade erst begonnen, so der 24-Jährige. Mehr Spargel wachse einfach noch nicht. Deshalb reichten in dieser Woche auch noch zwei Helfer für die Ernte. Ab kommender Woche will Eberlein aufstocken.

Gleiche Bezahlung für Erntehelfer aus dem Hörsaal

Die Kisten auf beiden Seiten der Spargelspinne sind mittlerweile voll, Reihe zwei ist beendet. Bo Fricke trägt den Spargel zu einem kleinen Karren, der zwischen den Reihen parkt. Für seine Arbeit bekommt er den gleichen Stundenlohn wie normalerweise die polnischen Erntehelfer. Weil er und Lefke aber noch nicht so schnell sind, geht Chef Eberlein davon aus, dass die Spargelpreise in diesem Jahr steigen. Bo zieht den Spargelkarren zu einer Waschbütt. Grob abspritzen reicht, bevor es mit der "Spargelwehr" - einem alten Feuerwehrauto - zurück zum Gartencenter geht. Es ist Zeit für ein zweites Frühstück. Kraft sammeln, bevor er und Kollegin Lefke sich an die nächsten beiden Spargelreihen machen.  

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