Stand: 05.09.2019 07:49 Uhr  - Schleswig-Holstein 18:00

Mit Müttern gegen den Fachkräftemangel

von Malin Girolami

Sie fehlen auf dem Arbeitsmarkt - besonders in der Pflege: Mütter, die eine gute Ausbildung haben, aber nach der Familiengründung nicht in den Job zurückkommen. Oft ist der Grund dafür, die fehlende Betreuung für Kleinkinder. Das ist sowohl für die Betroffenen als auch für die Unternehmen ein Problem. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will das ändern.

Dithmarschen: Niedrigste Frauenerwerbsquote der Kreise

Dithmarschen ist der Kreis, in dem die sogenannten Frauenerwerbsquote im Vergleich zu den anderen Kreisen am niedrigsten ist - 70,4 Prozent im Vergleich zum Landesdurchschnitt von 73 Prozent. Die Quote gibt an, wie viele Frauen im Alter von 15 bis 65 Jahre Arbeit haben. Ein Grund für die niedrige Quote sei nach Angaben der IHK Dithmarschen die Kinderbetreuung - es fehle hier oft an Flexibilität. Doch daran soll sich etwas ändern. Die IHK hat einen Leitfaden für Eltern und Unternehmen entwickelt. Mit dem Projekt "Kinderbetreuung sichern" will sie dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen. In ihrem Leitfaden stellt die IHK Eltern und Unternehmen verschiedenen Modelle vor, die vor allem den Arbeitgebern Flexibilität abverlangen. Zum Beispiel: Vertrauensarbeitszeit, Home Office, Betriebskindergärten und freie Pausenregelung. Thomas Bultjer, Leiter der IHK Geschäftsstelle Dithmarschen, will damit klarmachen, dass Kinderbetreuung ein Standortfaktor ist, der darüber entscheidet, ob Betriebe vor Ort Mitarbeiter finden.

Idee: Pflegeeinrichtung mit Tagesmutter

In Albersdorf (Kreis Dithmarschen) ist eine Pflegeeinrichtung beim Thema Kinderbetreuung schon jetzt Vorreiter in Schleswig-Holstein. Jeden Morgen um 7.30 Uhr gibt Doreen Schmidt ihrem zwei Jahre alten Sohn Finn ein Abschiedsküsschen - und keine zwei Minuten später ist sie an ihrem Arbeitsplatz. Auf der Intensiv-Abteilung des Pflegeservices Albersdorf. Während sie Beatmungsschläuche wechselt, die Patienten füttert und wäscht, wird ihr Sohn zusammen mit vier anderen Kindern von einer Tagesmutter betreut. Die bezahlt ihr Arbeitgeber. Ulf Schulze hatte die Idee nach einer Mitarbeiterversammlung vor drei Jahren. "Da gab es so viele Tränen, weil alle überlastet waren. Da haben wir überlegt, wie wir an mehr Personal kommen: bessere Autos, Mitarbeiter-Frühstücke. Dann war auf einmal klar, dass eine Kinderbetreuung während der Arbeitszeit fehlt."

Die Kinderbetreuung zahlt der Chef

Das Problem: Ein Krippenplatz ist oft so teuer, dass es sich für Frauen oft nicht lohnt, stundenweise anzufangen. In der Pflege hilft es aber schon, wenn Frauen nur neun Stunden die Woche arbeiten. Deshalb hat Ulf Schulze sich dran gemacht, alle Vorgaben zu erfüllen, um zwei Tagesmütter einzustellen. Ein Jahr haben die Vorbereitungen gedauert. Viele Formalitäten, aber auch die Räumlichkeiten mussten kindgerecht umgestaltet werden. Rund 5.000 Euro hat es das Unternehmen gekostet.

Seit zwei Jahren toben jetzt bis zu zehn Kinder durch die ehemalige Seniorenwohnung im Souterrain, direkt um die Ecke der Arbeitsplätze ihrer Mütter. Die Personalkosten für die Tagesmütter zahlt Schulze als Arbeitgeber. Für ihn sei das eine gute Investition, sagt Schulze, denn er bekommt dafür ja Arbeitsstunden von den Müttern. Und die seien gerade beim Fachkräftemangel wertvoll.

Kommt eine dritte Tagesmutter?

In Albersdorf lohnt es sich für den Arbeitgeber, die Kosten für die Mütter zu übernehmen. "Wir bekommen viele positive Rückmeldungen und überlegen, sogar eine dritte Tagesmutter einzustellen. Dank der Betreuung können wir viele Lücken überbrücken", sagt Schulze. Momentan bietet seine Firma die Betreuung zwischen 7.30 und 14 Uhr - die Schichten der Mütter werden an diese Zeiten angepasst.

Nachdem sie sechs Stunden gearbeitet hat, holt Doreen Schmidt ihren Sohn Finn wieder ab. Für sie sei das Angebot ihres Arbeitgebers einfach "Luxus", sagt sie. Denn ein vergleichbarer Krippenplatz kostet im Ort 425 Euro.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein 18:00 | 04.09.2019 | 18:00 Uhr

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