Stand: 10.02.2019 16:59 Uhr

Akademie auf Sylt: Friedlich, frei und nackt

von Simone Steinhardt

Sie liegt eingebettet zwischen den Dünen, nur wenige Schritte von einem der schönsten Strände Sylts entfernt: Die Akademie am Meer im Klappholttal in List, das seinen Namen den Krummholzkiefern verdankt, die dort ab 1869 eingepflanzt wurden. Doch nur die Lage dieser besonderen Volkshochschule mit Übernachtungsmöglichkeit ist hier Luxus: Die Quartiere sind schlicht, teils winzig - und wie aus der Zeit gefallen. Auf den Zimmern gibt es Fernsehen, kein Radio. Nichts ist stromlinienförmig, nichts auf Hochglanz poliert. Vor 100 Jahren gründete der Hamburger Arzt Knud Ahlborn mit dem Niederländer Ferdinand Goebel hier ein Ferienlager der freideutschen Jugendbewegung. Die Volkshochschule Klappholttal hat sich bis heute ihre Ecken und Kanten bewahrt. Heute zählt die Akademie am Meer mit jährlich über 40.000 Übernachtungen und einem sorgfältig ausgesuchten Programm für bildungshungrige Gäste zu den größten Volkshochschulen im Land.

Klappholttal auf Sylt: Weiterbildung zwischen Dünen

Persönlichkeiten von Naumann bis Avenarius

Das Ziel der Einrichtung entwickelte Knud Ahlborn 1913 auf dem Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem hessischen Hohen Meißner. Die persönlich-existenzielle Bildung der Menschen "nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortlichkeit und in innerer Wahrhaftigkeit". Dieses Zitat stammt aus der so genannten Meißner Formel, die Knud Ahlborn und der Sylter Erwin von Hattingberg entwickelt hatten. Es war Teil von Ahlborns Grundsatzrede, die er 1913 auf dem Hohen Meißner hielt. "Das war ein Reformaufbruch. Da waren erstaunliche Persönlichkeiten dabei, Friedrich Naumann, Cornelius Gurlitt, Ferdinand Avenarius", erzählt Historiker Hartmut Schiller, der die Akademie am Meer heute leitet.

Freiheit der Körperkultur und freie Rede

"Nach der Verrohung durch den Ersten Weltkrieg versuchten die Überlebenden der Jugendbewegung an verschiedenen Stellen ein friedliches, weltoffenes Miteinander zu finden. Ein Miteinander, in dem die Frauen gleichberechtigt sein sollten", erzählt Schiller weiter. Ein solcher Ort des Ausprobierens wurde auch das Klappholttal. "Es gab künstlerische und musikalische, aber auch sportliche Angebote. Offene Gesprächsrunden, in denen man sich frei austauschen konnte. Das war auch ein Aufbruch in eine demokratische Zukunft", sagt Schiller. Hinzu kam eine neue Freiheit der Körperkultur: Die Klappholttaler Gäste sprangen ohne Textilien in die Fluten, ein Skandal seinerzeit, der aber für Aufmerksamkeit sorgte.

"Spinner ohne eigenes Klo"

Nicht nur die nackten Tatsachen dürften dazu beigetragen haben, dass Außenstehende die Aktivitäten im Klappholttal eher misstrauisch beäugten. "Eine Zeit lang waren die Klappholttaler für die Sylter Spinner ohne eigenes Klo, die drei Wochen lang in den Dünen hockten. Das hat sich allerdings geändert. Auch Sylter kommen ja inzwischen zu uns", schmunzelt Hartmut Schiller.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.02.2019 | 08:00 Uhr

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