Stand: 09.09.2019 19:20 Uhr

AKW-Rückbau: Vier Deponien kommen infrage

  • Beim Rückbau von Atomkraftwerken fällt leicht kontaminiertes Material wie zum Beispiel Dämmwolle oder Bauschutt an.
  • Dieses Material muss nicht in einem Endlager gelagert werden. Experten haben mögliche Deponien in SH auf ihre Eignung geprüft.
  • Auf Basis dieser Prüfungen hat das Energiewendeministerium am Montag vier Deponien benannt, die für die Lagerung des Materials infrage kommen.

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Nach Brunsbüttel und Krümmel geht Ende 2021 mit dem Atomkraftwerk Brokdorf im Kreis Steinburg das letzte aktive AKW Schleswig-Holsteins vom Netz.

Wiershop (Kreis Herzogtum Lauenburg), Lübeck-Niemark, Johannistal (Kreis Ostholstein) und Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) - diese Orte kommen für die Deponierung freigegebener Abfälle aus Kernkraftwerken infrage. Das hat das Energiewendeministerium heute mitgeteilt. "Damit eröffnet sich eine belastbare Perspektive für die Deponierung im Land", sagte Ressortchef Jan Philipp Albrecht (Grüne). "Ich erhoffe mir auf dieser Grundlage auch an den Standorten der Deponien eine Versachlichung der Diskussion. Grund zur Sorge besteht für die Bevölkerung nicht." Vor allem in Harrislee gibt es bislang großen Widerstand gegen die Pläne.

Orte mit Musterdeponie verglichen

Insgesamt hatten Experten sieben Deponien in Schleswig-Holstein untersucht. Grundsätzlich seien alle für die Abfälle geeignet. Doch die Deponien Schönwohld (Kreis Rendsburg-Eckernförde), Damsdorf/Tensfeld, Großenaspe (beide Kreis Segeberg) seien bald voll. Sie könnten perspektivisch die erwarteten Abfallmengen nicht aufnehmen, so das Energiewendeministerium. Offen ist, ob der freigegebene AKW-Schrott künftig auf mehrere der vier geeigneten Deponien verteilt wird oder ob er auf einer Deponie landet.

Die Sachverständigen hatten die Größe, den Aufbau und die tatsächlichen Ablagerungsmengen der Deponien geprüft, außerdem die Abläufe im Umgang mit den Abfällen und die Behandlung der Sickerwässer und des dabei entstehenden Klärschlamms. Dabei wurden jeweils die Vor-Ort-Bedingungen mit denen einer Musterdeponie verglichen, die den rechtlichen Vorgaben der Strahlenschutzverordnung zugrunde liegt.

Gesetzlicher Maßstab ist dabei das Dosiskriterium für die Freigabe, wonach für Einzelpersonen der Bevölkerung durch die freizugebenden Stoffe und Gegenstände nur eine effektive Dosis im Bereich von zehn Mikrosievert im Kalenderjahr auftreten darf.

Mineralwolle, Isolierungen, Bauschutt

Nach Brunsbüttel und Krümmel geht Ende 2021 mit dem Atomkraftwerk Brokdorf im Kreis Steinburg das letzte aktive AKW Schleswig-Holsteins vom Netz. Bei dem Rückbau der Kraftwerke fällt viel leicht kontaminiertes Material an, zum Beispiel Mineralwolle, Isolierungen und Bauschutt. Auch Alltagsgegenstände, wie Wasserhähne, Lichtschalter und Handtuchhalter, müssen fachgerecht entsorgt werden. Insgesamt geht es um bis zu 50.000 Tonnen Material, das über einen Zeitraum von voraussichtlich mehr als zehn Jahren zu entsorgen ist.

Weil die äußere Bausubstanz auch Strahlung aufnimmt, lässt sich darin Restradioaktivität nachweisen. Die Aktivität dieser Abfälle wird laut Umweltministerium von unabhängigen Sachverständigen gemessen. Überschreitet sie den Grenzwert nicht, spricht man von sogenannten freigegebenen oder freigemessenen Abfällen - aber auch dann muss der Schutt sorgfältig deponiert werden.

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Jeder Mensch ist jeden Tag radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Zum Beispiel durch Radon, das aus Gestein und aus dem Erdreich in die Luft gelangen kann und vom Menschen eingeatmet wird. Auch bestimmte Nahrungsmittel, wie Paranüsse, enthalten von Natur aus radioaktive Stoffe. Gemessen wird die körpereigene Strahlung in Mikrosievert. Ein Mensch strahlt laut dem Energiewendeministerium mit durchschnittlich 300 Mikrosievert pro Jahr. Wer täglich zwei Paranüsse isst, steigert seinen Jahreswert an körpereigener Strahlung nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz um bis zu 160 Mikrosievert.

Trotz der sehr niedrigen Werte bei "freigemessenem" AKW-Schutt haben Gemeinden mit Deponien die Aufnahme bisher abgelehnt. Mit "doppeltem Boden" werde sichergestellt, dass niemand gesundheitliche Gefahren befürchten müsse, sagte Albrecht. Er erhoffe sich auf Grundlage des neuen Gutachtens auch an den Deponiestandorten eine Versachlichung der Diskussion.

"Wir können sofort beginnen"

Jetzt sind AKW- und Deponie-Betreiber am Zuge, um Entsorgungsverträge abzuschließen. "Wir können im Grunde sofort beginnen", sagte der Minister. Er sagte den Betreibern Unterstützung zu. "Das Material könnte theoretisch auch exportiert werden, aber ich sehe das Land in der Verantwortung anfallende Abfälle auch hier zu entsorgen", sagte Albrecht. In wie vielen Deponien die AKW-Abfälle gelagert werden sollen, ist noch offen. Es wäre auch an allen vier Standorten möglich, wie Albrecht sagte. Sollten die Betreiber keine Lösung finden, hätte das Land als Ultima Ratio die Möglichkeit, auf Basis des Kreislaufwirtschaftsgesetzes Zuweisungen vorzunehmen.

Gemeinden befürchten Imageschaden für Region

Die Tatsache, dass der Müll aus Atomkraftwerken kommt, sorgt in der Bevölkerung für Unbehagen. Der Bürgermeister Henning Pries der Gemeinde Gremersdorf - rund um die Deponie Johannistal - verweist auf die vielen Touristen in der Region sowie auf die Bauern nebenan. Die Landesregierung müsse allen klar machen, dass der Schutt komplett sicher sei. Genau das bezweifelt eine Bürgerinitiative in Harrislee. Auch die Gemeinde dort befürchtet einen Imageschaden für die gesamte Region. Die Bürgerinitiative bleibt auch nach dem jüngsten Gutachten bei ihrem Nein: "Das Ergebnis ändert nichts an der Tatsache, dass der betroffenen Bevölkerung eine zusätzliche Strahlenbelastung und somit ein erhöhtes Gesundheitsrisiko zugemutet wird", sagte Sprecherin Angela Wolff. "Eine Strahlendosis in Höhe von zehn Mikrosievert pro Jahr ist etwa doppelt so hoch wie die jährliche Strahlenbelastung durch ein Atomkraftwerk im Normalbetrieb." Diverse Untersuchungen hätten Gefahren von Niedrigstrahlung belegt.

Am Deponie-Standort Wiershop bei Geesthacht geben sich Politiker und Umweltschützer entspannter: Sie seien grundsätzlich bereit, Verantwortung zu übernehmen und den Müll aufzunehmen, meint Bürgermeister Hans-Ulrich Jahn. Allerdings nur den aus dem nahegelegenen AKW Krümmel, betont er. Im Grunde sei die Lagerung des Schutts eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft stellen müsse, so Jahn.

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Die Umweltorganisation Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) lehnt die Entsorgung der AKW-Baustoffe oder -Abbruchabfälle auf Deponien grundsätzlich ab und kritisiert die bundesweit geltenden Grenzwerte als zu hoch. Sie fordert, diese Stoffe besonders gesichert zu verwahren, zum Beispiel in oberflächennahen Endlagern.

Am Ende sind Deponien und Kraftwerksbetreiber für die Lagerung der Abfälle verantwortlich. Minister Albrecht sieht sein Ministerium in dem Verfahren als Moderator. Er kündigte an, mit allen Beteiligten in den kommenden Wochen Gespräche zu führen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.09.2019 | 12:00 Uhr

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