Stand: 22.04.2016 09:23 Uhr  - 7 Tage

7 Tage als Lehrer im Kieler Brennpunkt

von Hendrik Buth
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Für sieben Tage taucht NDR Autor Hendrik Buth in den Lehreralltag ein.

Kiel - rote Ohren, verlegenes Gestammel, den Blick zu Boden gerichtet. Nach 16 Jahren stehe ich das erste Mal wieder in einem Klassenzimmer. Nur, dass ich es jetzt bin, der unterrichten soll. Mathe in der 5. Klasse. Doch die 22 Augenpaare, die mich da abschätzen, beeindrucken mich mehr als ich zugeben möchte. Fehlstart.

"Schüler testen einen neuen Lehrer genau. 'Wie weit können wir bei dem gehen?'", sagt Malte Duggen, Anfang dreißig, Sport- und Mathelehrer. Für die NDR Doku-Reihe 7 Tage... begleite ich ihn und seine Kollegen, lerne als eine Art Aushilfslehrer im Praktikum ihren Alltag kennen, an der Leif-Eriksson-Schule (LEG) in Kiel-Mettenhof. Ziemlich schnell merke ich, dass das alte Vorurteil - Lehrer haben morgens recht und nachmittags frei - eben nur ein Vorurteil ist.

7 Tage... unter Lehrern

7 Tage -

Kein Geld für Klassenfahrten, wenig Unterstützung von zu Hause. Der Kieler Stadtteil Mettenhof gilt als sozialer Brennpunkt. Hier springen die Lehrer ein. Was bedeutet dies für deren Alltag?

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Stunden vorbereiten, Deutsch, Chemie und Mathe unterrichten, von Klasse zu Klasse hetzen, im strengen Takt des Schulgongs. Dazwischen kaum Zeit durchzuatmen, zu hinterfragen: Bin ich allen Schülern, die hier gemeinsam auf Haupt-, Real- und Förderschule lernen, gerecht geworden? Der Zwiespalt: Wer hat deine Hilfe besonders nötig? Und wer muss darauf verzichten? Gemeinschaftsschule, das bedeutet für die Lehrer in besonderem Maße, sich jede Stunde entscheiden zu müssen.

Überforderte Eltern und Geldsorgen

"Du würdest gern jeden Schüler zum Abschluss bringen, aber manchmal geht das einfach nicht", sagt Emmi Levsen. Sie ist seit 30 Jahren dabei, hat manche Schulreform mitgemacht. Und gelernt, nicht alles aus der Schule mit nach Hause zu nehmen. "Das macht dich sonst kaputt." In einem Umfeld wie dem der LEG ist das gar nicht so einfach. Überforderte Eltern, kaum Platz und Ruhe Zuhause, um auch dort lernen zu können, Geldsorgen. All das überlagert manch anderes im Leben der Kinder. Schule genießt nicht immer Priorität in einem Stadtteil, den manche als Brennpunkt bezeichnen.

7 Tage... unter Lehrern

Kein sozialer Brennpunkt, sondern Heimat

Mettenhof. Kiels größter und kinderreichster Stadtteil. In den 60ern als Viertel der Zukunft geplant und am Rand von Kiel hochgezogen. Viele Bewohner leben hier, in den Hochhausschluchten, heute immer noch am Rand. Vor allem die Kinder. Zwei von drei Kindern stammen aus armen Familien. "Man muss ja nicht ständig nur kiffen, wie viele ältere Jugendliche hier. Man kann sich ja auch hinsetzen und lernen, einen Job in Kiel finden und in Mettenhof weiterleben", sagt Neuntklässler Leon. Mettenhof ist für die Kinder kein Brennpunkt, sondern Heimat. Kein Ort, den man einfach hinter sich lässt.

"Fast alle Neuntklässler wollen unbedingt in die 10. Klasse, und das nur hier, an ihrer Schule", erklärt Malte Duggen. Das sei keine Faulheit. "Die haben Angst vor dem Neuen, Mettenhof zu verlassen." In meinen sieben Tagen an der LEG lerne ich, dass es den Lehrern auch darum geht: ihren Schüler die Angst vor einer Zukunft außerhalb Mettenhofs zu nehmen. Sie darin zu bestärken, ihr Leben selbstbestimmt anzugehen.

"Bei einigen Kindern bist du einfach froh, dass sie jeden Tag hier sind", sagt Marie Exler, seit sechs Jahren Lehrerin. Sie hat sich bewusst für die Schule in dem schwierigen Stadtteil entschieden. "Gerade die Kinder, mit denen ich am meisten Stress habe, an denen ich mich am meisten abarbeite, die geben mir auch am meisten." Dafür sind auch die Lehrer hier bereit, viel zu geben. Besuche bei den Familien Zuhause, Anträge auf Zuschüsse für Klassenfahrten und die Kielkarte, ausgebliebenen Beträgen für die Klassenkasse hinterhertelefonieren.

Vom Ort des Mangels zum Ort der Chancen

16 Jahre nach meinem Abi war ich wieder in der Schule. Nur, dass das mit meiner eigenen Schulzeit wenig zu tun hatte. Am Ende meiner sieben Tage bin ich dankbar. Dafür, dass mein Start ins Leben einfacher war. Dafür, dass es Lehrer gibt, die für ihre Schüler aus einem Ort des Mangels einen Ort der Chancen machen wollen.

Die Reportage erschien auch in den Tageszeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages vom 22. April 2016.

Programmtipp
7 Tage

7 Tage... unter Lehrern

22.01.2020 23:45 Uhr
7 Tage

Kein Geld für Klassenfahrten, wenig Unterstützung von zu Hause. Der Kieler Stadtteil Mettenhof gilt als sozialer Brennpunkt. Hier springen die Lehrer ein. Was bedeutet dies für deren Alltag? mehr

Dieses Thema im Programm:

7 Tage | 22.01.2020 | 23:50 Uhr

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