Stand: 01.12.2019 14:46 Uhr

"Hunger nach Gerechtigkeit" - 60 Jahre Brot für die Welt

Das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt feiert sein 60-jähriges Bestehen. In mehr als 90 Ländern setzt sich die Organisation gegen Armut und Ausgrenzung ein - mit dem Ziel, bedürftigen Menschen zur Selbsthilfe zu verhelfen. Am Sonntag hat Brot für die Welt unter dem Motto "Hunger nach Gerechtigkeit" seine diesjährige Spendenaktion gestartet. In seiner Predigt im zentralen Eröffnungsgottesdienst in der Rendsburger Christkirche würdigte Bischof Gothart Magaard die Hilfsaktion und ihre Unterstützer als Zeichen des Friedens für diese Welt und der Hoffnung. Auch Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbund, waren dabei. Cornelia Füllkrug-Weitzel ist die Präsidentin und seit 20 Jahren bei Brot für die Welt tätig. Im Interview blickt Füllkrug-Weitzel auf die vergangenen 60 Jahre zurück und verrät ihre Wünsche für die Zukunft.

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Cornelia Füllkrug-Weitzel ist Präsidentin von Brot für die Welt und seit 20 Jahren für das Hilfswerk tätig.

Was macht die Arbeit von Brot für die Welt aus?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ein Kennzeichen unserer Arbeit ist, dass wir sehr stark sagen, es geht nicht um Charity, um Barmherzigkeit, sondern um ein Recht auf Leben. Die Menschen haben von den UN-Menschenrechtskonventionen verbriefte Rechte. Die müssen umgesetzt werden. Wir müssen die Menschen darin unterstützen, sie umzusetzen. Das ist ein Teil unserer Arbeit. Der andere Teil sind die konkreten Projekte.

60 Jahre gibt es jetzt schon Brot für die Welt. Wie blicken Sie als Präsidentin auf diese Zeit zurück?

Füllkrug-Weitzel: Ich blicke darauf mit sehr großer Dankbarkeit gegenüber den Spendern zurück, aber auch gegenüber unseren Partnern. Wir arbeiten ja nur mit lokalen Partnern zusammen, wir pflanzen sozusagen nicht unsere Projekte irgendwo ein, sondern wir unterstützen Menschen und kirchliche Hilfsorganisationen, aber auch andere vor Ort, die ihre eigenen Pläne durchführen. Ich bin dankbar für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und auch für das Vertrauen der Spender. Gleichzeitig muss ich sagen, bin ich auch sehr stolz, denn wir haben wirklich Millionen Menschen geholfen in 60 Jahren. Ganz konkret geholfen.

Wie sieht diese konkrete Hilfe aus?

Füllkrug-Weitzel: Es ist eine Stärkung der Bevölkerung, der Selbsthilfekräfte, eine Stärkung der Zivilgesellschaft, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn man das an irgendetwas bemessen kann, dann vielleicht daran, dass aus dem Partnerspektrum fünf Friedensnobelpreisträger und 15 alternative Friedensnobelpreisträger hervorgegangen sind - und jede Menge Preisträger von anderen Menschenrechtspreisen. Das heißt also tatsächlich, dass unsere Hilfe wirklich gewirkt hat. Es wurden Partner hervorgebracht, die wirklich sehr viel bewirkt haben.

Können Sie ein paar Beispiele benennen, was in den letzten 60 Jahren bewegt wurde?

Füllkrug-Weitzel: Wenn wir jetzt gerade von dem Friedensnobelpreisträgern reden, kann ich beispielsweise von Kaylash Sathiarti erzählen. Er hat mit uns gemeinsam in den 1990er-Jahren riesengroße Kinderrechtskampagnen und Kindermärsche rund um die Welt organisiert. Er ist inzwischen einer der größten Experten zum Thema Kinderrecht und von der UNO hoch angesehen. Er hat jetzt die "100 Million"-Kampagne in Deutschland mit uns und der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) angestoßen. Sie soll hundert Millionen Kinder aus der Arbeit rausholen und in die Schule bringen, durch das Engagement von hundert Millionen Jugendlichen und Kindern weltweit.

Ich kann aber auch von einem Projekt erzählen zu der Zeit als die südafrikanische Regierung noch geleugnet hat, dass es so etwas wie ein HI-Virus gibt. Die Selbsthilfeorganisation Treatment Action Campaign hatte sich an uns gewendet. Denn es war gegen das Recht auf Leben, dass die Regierung, weil sie nicht an das Virus glaubt, die Medikamentierung verboten hat. Das hieß, weder Krankenhäuser - auch nicht kirchliche - noch Ärzte durften Medikamente gegen die Mutter-Kind-Übertragungen von HIV geben.

Dabei haben die Medikamente damals schon zu 60 Prozent verhindert, dass aidskranke Mütter bei der Geburt und beim Stillen das Virus an ihre Kinder weitergeben. Gemeinsam mit der Treatment Action Campaign, einer Selbsthilfeorganisation von aidskranken Menschen, haben wir schließlich die südafrikanische Regierung verklagt. Sie mussten dann einen nationalen Aktionsplan vorlegen und die Medikamente durften und mussten an den Krankenhäusern eingesetzt werden. Ich denke, dass hat wirklich hunderttausende Kinder davor bewahrt, infiziert zu werden.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, was wünschen Sie sich für die nächsten 60 Jahre Brot für die Welt?

Füllkrug-Weitzel: Letztlich würde ich mir wünschen, dass die Welt uns nicht mehr nötig hat und dass wir uns irgendwann mal mit Freude von der Aufgabe verabschieden können, weil die Ernährung gerade speziell für die armen Bevölkerungsgruppen gesichert ist und niemand mehr hungern muss. Das ist aber natürlich leicht irreal. Also wünsche ich mir, dass weiterhin die Spender, aber auch die Kirchen, alle evangelischen Landes- und Freikirchen, uns weiter treu bleiben, sodass wir weiterhin viele Menschen in Afrika und Lateinamerika, die ausgegrenzt sind, die marginalisiert sind, die diskriminiert sind und die bitterarm sind, helfen können.

Ich wünsche mir im Moment am allermeisten, dass die deutsche Bevölkerung begreift, dass das Hauptproblem des Klimawandels im Moment auf den Schultern der Armen im Süden der Welt lagert.

Wie hängen diese Probleme mit dem Klimawandel zusammen?

Füllkrug-Weitzel: Einer der zwei größten Hunger- und Armutstreiber weltweit ist der Klimawandel. Auf drei Milliarden US Dollar jährlich werden im Moment von der Weltbank die Kosten geschätzt an Schäden und Verlusten, die der Klimawandel verursacht. Diese Schäden liegen am wenigsten bei uns, sondern sie liegen in Afrika, Asien, Lateinamerika. Dort wird das Leben und die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen zerstört. Und wir gucken zu.

Seit 20 Jahren bin ich im Dienst und sehe, wie die Böden degradieren, wie Land, was mal Ackerland war, inzwischen maximal noch als Land für das Weiden von Ziegen genutzt werden kann, weil es ausgetrocknet ist. Ich sehe, wie Teile der pazifischen Inseln oder ganze Inseln im Meer versinken. Ich sehe wie im Süden Bangladeschs wegen der immer heftiger werden Zyklone und Stürme und des steigenden Meeresspiegels das Salzwasser ins Land gedrückt wird. Wie diese Teile des Landes kein Trinkwasser mehr haben und auch kein Wasser, mit dem man Pflanzen großziehen kann. Die Menschen verlieren dort ihre Grundlage. Sie werden gezwungen, ihr Land zu verlassen.

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Wir reden hier über die Flüchtlinge, aber machen immer so weiter und tun wirklich alles mit unserer Nicht-Klimaschutzpolitik, um tatsächlich dafür zu sorgen, dass immer mehr Menschen entwurzelt werden. Und es ist wirklich dramatisch, dass wir von den Kosten, den Schäden und Verlusten in anderen Teilen der Welt nicht reden. Und das sind Menschen, die sind ohnehin bitterarm. Die sind so arm, dass sie Entwicklungshilfe kriegen müssen. Und gleichzeitig ziehen wir ihn noch die letzten Lebensgrundlagen förmlich unter dem Hintern weg.

Was müsste sich demnach ändern?

Füllkrug-Weitzel: Wir müssen über Klimaschutz ganz anders nachdenken. Es geht nicht nur um Generationengerechtigkeit bei Klimagerechtigkeit. Es geht auch um Nord-Süd-Gerechtigkeit. Wir können uns nicht damit aufhalten, dass wir sagen, wie viel Meter Abstand es zum Windrad braucht. Wir müssen Geld in die Hand nehmen und müssen denen helfen, deren Leben wir schon zerstört haben. Und dann müssen wir Schluss machen mit den CO2-Emissionen in dieser Höhe und müssen dafür sorgen, dass die Erderwärmung unter 1,5 Grad bleibt.

Klimawandel ist ganz aktuell eines der wichtigsten Themen. Brot für die Welt beschäftigt sich schon länger damit. Was tut die Organisation konkret?

Füllkrug-Weitzel: Das ist bei uns seit ungefähr zehn Jahren auf der Agenda. Wir tun das, was unser Kerngeschäft ist. Wir unterstützen weltweit Kleinbauern, Kleinbauernfamilien und auch andere Bevölkerungsgruppen darin, sich an den Klimawandel anzupassen. Das müsste eigentlich Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft sein, so etwas zu finanzieren. Das geschieht aber in viel zu geringem Maße. Wir verhelfen den Betroffenen vor Ort auch ihrerseits sozusagen zu erneuerbaren Energien - beispielsweise durch Solarprojekte. Und wir haben eine Klimaallianz gegründet, der inzwischen über tausend Organisationen angehören, um sozusagen einen starken Lobbyverbund zu gründen.

Wir sind aber vor allen Dingen auch mit unserem internationalen Hilfsnetzwerk "ACT Alliance" dabei, bei den internationalen Klimaverhandlungen die Stimme aus dem Süden stark zu machen und unsere Partner zusammenzubringen, zum Beispiel mit der deutschen Delegation und amerikanischen Delegationen. Damit diejenigen sich mal anhören, was sie eigentlich anrichten. Denn die wenigsten Leute wissen, was eigentlich im Süden passiert durch den Klimawandel. Außerdem arbeiten wir sehr stark auf das Ziel hin, dass das Thema Schäden und Verluste auf die Tagesordnung kommt und die Völkergemeinschaft die Verantwortung sieht.

Worum geht's bei Ihrer aktuellen 61. Spendenaktion "Hunger nach Gerechtigkeit"?

Füllkrug-Weitzel: Wir werden in diesem Jahr 60 Jahre alt, ein sehr schönes Alter. Deswegen haben wir ein Motto gewählt, das sozusagen eigentlich über den ganzen 60 Jahren stehen könnte: "Hunger nach Gerechtigkeit". Viele Menschen hungern ganz real nach Brot, aber auch nach Gerechtigkeit und nach Recht. Das wollten wir damit zum Ausdruck bringen.

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Diesen Hunger nach Gerechtigkeit hoffen wir auch bei uns noch stärker zu wecken und immer mehr Menschen bewusst zu machen, dass sie sich stärker für Klimagerechtigkeit engagieren. Und dass sie auf diese Weise Menschen in anderen Teilen der Welt helfen, sich selbst zu organisieren, zu ihrem Recht zu kommen und auch ihre Lebensumstände, sei es in der Landwirtschaft, sei es durch Bildung, sei es durch medizinische Versorgung, zu organisieren.

Gibt es Unterscheidungen zu anderen Spendenaktion, die Sie bisher hatten?

Füllkrug-Weitzel: Brot für die Welt ruft jedes Jahr zu Spenden auf, aber nicht für ein einziges Projekt. Wir hoffen, dass wir sehr viel mehr Geld kriegen, als wir für ein einziges Projekt brauchen, und das landet im berühmten "großen Topf". Das tun wir, weil unsere Partner selbst entscheiden, wofür sie das Geld brauchen. Wir haben ein riesengroßes Partnernetzwerk. Über 1.300 Partnerorganisationen weltweit, kirchliche und nichtkirchliche. Die entscheiden selber mit der Bevölkerung vor Ort, was die Menschen dort für richtig und wichtig halten, um ihr Leben zu verbessern.

Würden wir die Menschen hier fragen, wofür sie spenden wollen, dann lautet die Antwort: Kinder, Kinder, Kinder, Tiere, Tiere, Kinder. Das sind aber nicht die Realitäten. Das sind nicht allein die Art Projekte, die es braucht, um wirksam Armut und Hunger zu bekämpfen. Wir stärken mit den Spendenaktionen ein Stück weit die Zivilgesellschaft weltweit darin, das zu tun, was immer verlangt wird: Dass sie nämlich selbst ihr Leben entwickeln.

Ihr Hilfswerk ist auf Spenden angewiesen. Wie hat sich die Spendenbereitschaft entwickelt?

Füllkrug-Weitzel: Es spenden weniger Menschen. Aber die, die spenden, spenden mehr. Generell wird bei großen Katastrophen großzügiger gespendet. Die Weihnachtszeit ist die Hochzeit des Spendens und für Brot für die Welt als christliches Werk ganz besonders wichtig.‎ Verändert hat sich, dass die Spender heute genau wissen möchten, was sie mit ihrer Spende bewirken. Wir beobachten auch, dass die Werte, die eine Spendenorganisation hat, wichtiger geworden sind. Für welche Organisation ich spende, entscheide ich aufgrund der ethischen Werte, die sie vertritt. Hinzu kommen weiterhin Kompetenz und ein transparenter Umgang mit den anvertrauten Spenden.

Sie selbst sind seit 20 Jahren bereits im Dienst. Was hat Sie nachhaltig beeindruckt oder geprägt?

Füllkrug-Weitzel: Ich treffe Menschen, die unglaublich viel Power haben. Wir neigen ja dazu, zu glauben, dass die Afrikaner faul rumliegen, nichts tun wollen oder ungebildet sind. So denken viele hier. Und so werden oft Schwarze charakterisiert. Aber ich begegne Menschen, die ihr Leben wirklich mit aller Kraft selbst organisieren. Und diese Kraft braucht man im Unterschied zu hier, um zu überleben, um eine Familie zu ernähren. Die Menschen dort müssen unendlich viel mehr arbeiten als hier bei uns.

Ich nenne ein Beispiel: Ich habe mal eine Frau getroffen, die 95 Jahre alt war. Das war damals in Ostuganda zur Zeit der schweren Aidskrise. Die gesamte erwachsene, arbeitsfähige Bevölkerung hat es dahingerafft in dem Dorf, aus dem sie stammte. Es waren nur noch zahllose Kinder und einige wenige Alte in diesem Dorf zurückgeblieben. Und die 95 Jahre alte Frau hat die anderen Großmütter und Urgroßmütter versammelt. Gemeinsam haben sie sich die Kinder aufgeteilt und unter ihre Fittiche genommen und haben gemeinsam die Landwirtschaft betrieben. Beides keine Gruppen, die normalerweise Landwirtschaft betreiben. Sagen Sie mal hier einer 95-Jährigen, die im Altersheim sitzt: "Du bist ab morgen verantwortlich für 15 Kinder und ernähre die von irgendwas. Du hast aber selber nichts."

Es ist also vor allem der Zusammenhalt, der Sie beeindruckt hat?

Füllkrug-Weitzel: Dieses Maß an Solidarität oder an Bereitschaft, wirklich das letzte Hemd zu geben, sich zu engagieren für andere Menschen, für das Wohl der Gesellschaft, des Gemeinwohl. Diese Solidarität würde ich mir hier öfter mal wünschen. Davor muss man seinen Hut ziehen. Das kennen hier vielleicht nur noch die Nachkriegsgenerationen. Aber heute haben wir dafür relativ wenig Verständnis und reden deswegen verächtlich über diese Menschen. Und wir müssen das Gegenteil tun. Wir müssen den Hut ziehen, jeden Tag aufs Neue.

Das Interview führte Sabrina Santoro

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.11.2019 | 09:00 Uhr

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