Stand: 23.06.2018 07:23 Uhr

Tausende Pilger kommen zur Wallfahrt nach Lübeck

von Mechthild Mäsker

Gebet und Gesang von Pilgergruppen, die durch die Stadt ziehen. Eine ganze Straße voller Menschen bei der Pilgermahlzeit. Gespräche über christliches Handeln in Zeiten von Rechtspopulismus, Flüchtlingspolitik und Kirchenaustritten. Das Erzbistum Hamburg lädt heute zur großen Wallfahrt nach Lübeck. Geehrt werden die vier Lübecker Märtyrer, die 1943 durch das Nazi-Regime hingerichtet wurden. Mehr als 3.000 Pilger erwartet das Erzbistum an diesem Tag aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg, denn diese Gebiete gehören zum Erzbistum Hamburg. Höhepunkt der Wallfahrt ist ein Festgottesdienst auf der Freilichtbühne, den wir im Video-Livestream bei NDR.de übertragen.

Heße: "Lebensleistung der Märtyrer soll gewürdigt werden"

In Norddeutschland leben insgesamt etwa 410.000 Katholiken - mit steigender Tendenz. Die Pfarrei "Zu den Lübecker Märtyrern", der Zielort der Wallfahrt, zählt 23.000 Mitglieder und ist damit die größte in Schleswig-Holstein. Mit der Wallfahrt soll die Lebensleistung der Märtyrer gewürdigt werden. "Auch in einer politisch schwierigen Situation waren sie überzeugt von ihrem Glauben", sagt Erzbischof Stefan Heße - und dieses Glaubenszeugnis wirke bis heute.

Wallfahrt zum 75. Todestag der Lübecker Märtyrer

75. Jahrestag der Hinrichtung

Das Erzbistum, die Pfarrei und auch die Nordkirche gedenken in diesem Jahr besonders der vier Geistlichen Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und Karl Friedrich Stellbrink. Die drei katholischen Kapläne und der evangelische Pastor wurden am 23. Juni 1943, also genau 75 Jahre vor dem Wallfahrtstag, vom nationalsozialistischen Volksgerichtshof im Lübecker Burgkloster zum Tode verurteilt und alle vier am 10. November 1943 in Hamburg hingerichtet. Ihr Verbrechen: Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Sie verbreiteten Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August von Galen, gegen die Euthanasie, sie äußerten sich kritisch zur Kriegsführung und sie erteilten polnischen Zwangsarbeiterinnen die Sakramente. Dafür wurden sie wegen "Wehrkraftzersetzung" und verbotenes "Abhören von Feindsendern" zum Tode verurteilt.

Gedenkstätten in Lübeck als Pilgerort

In Lübeck besuchen die Pilger gleich mehrere Gedenkstätten und Erinnerungsorte. Eigentlich finden Wallfahrten zu sogenannten Gnadenorten statt, an denen Wunder geschehen sind. "Die gibt es in Lübeck nicht", räumt Propst Christoph Giering ein. "Aber hier ist der Ort, an dem Gott im Leben und Wirken der vier Märtyrer und ihrer Gefährten seine Gnade offenbart hat. Sie gaben Zeugnis für ihren Glauben an den lebendigen Gott, für das Lebensrecht der Menschen, auch der Behinderten und der Menschen anderer Nation und Religion." Daran wird in Lübeck in der Gedenkstätte in der katholischen Herz-Jesu-Kirche ebenso erinnert wie in der Gedenkausstellung der evangelischen Lutherkirche. Eine Gedenktafel am Rathaus, ein Denkmal für NS-Opfer am Zeughaus, die Gefängniszellen und der Gerichtssaal im Burgkloster - all diese Erinnerungsorte sind Pilgerstationen zur Wallfahrt.

Für Leib und Seele

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1) Bühne. 2) Shop. 3) Pilgermahlzeit und Kaffeetafel an insgesamt 150 gedeckten Tischen. i) Infopoint. 13) Domwiese mit Kinderaktionsfläche

Zentraler Anlaufpunkt für die Pilger ist die Straße Parade in Lübeck. Hier findet mittags ein großes ökumenisches Begegnungsfest statt, die Pilgermahlzeit. An 150 Tischen, gedeckt und bewirtet von Freiwilligen aus unterschiedlichen Ländern und Konfessionen, werden die Wallfahrer willkommen geheißen. Außerdem gibt es viel Musik, unter anderem von einer großen Wallfahrts-Bigband sowie von der inklusiven Band "Crescendo" vom Don Bosco Haus in Mölln. Rund um die Parade gibt es vielfältige Angebote zu den Themen Ökumene, Zivilcourage und Frauen. Das katholische Marienkrankenhaus bietet einen Raum der Stille. Im Haus der Kulturen wird ein Film über Johannes Prassek und sein Einsatz für die polnischen Zwangsarbeiter gezeigt sowie eine  Ausstellung über die Verfolgung der Sinti und Roma. Auf der Domwiese gleich nebenan gibt es Spiel und Spaß für Kinder und Jugendliche.

Talk mit Landtagspräsident und Erzbischof

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Im Dom zur Lübeck gibt es besondere Kirchenführungen und am Nachmittag eine ökumenische Talkrunde. Unter dem Wallfahrtsmotto "Ihr werdet meine Zeugen sein" geht es um die Frage, was die Lübecker Märtyrer heute den Christen bedeuten, wie sie ihnen nachfolgen können in Glaube, Bekenntnis und Handeln. Darüber sprechen Erzbischof Stefan Heße, Landtagspräsident Klaus Schlie, Pröpstin Petra Kallies, Petra Harms vom Don Bosco Haus Mölln sowie Theologiestudent Matthias Kuchnowski. Vor dem aktuellen Hintergrund von erstarktem Rechtspopulismus, umstrittener Flüchtlingspolitik und Kirchenaustritten bekomme das Vorbild der Lübecker Märtyrer eine besondere Rolle, heißt es dazu aus dem Erzbistum.

Pilgermesse zum Abschluss

Wenn um 16.15 Uhr die Glocken von Dom und Propsteikirche gemeinsam läuten, ist das das Signal zum Aufbruch aller Pilger zur Freilichtbühne, zu Fuß von der Parade in wenigen Minuten zu erreichen. Hier wird zum Abschluss unter freiem Himmel ein großes Pontifikalamt mit Erzbischof Heße gefeiert. Es singt ein aus allen Teilen des Erzbistums zusammengestellter Wallfahrtschor mit gut 200 Sängerinnen und Sängern, die Wallfahrts-Bigband spielt dazu. Gegen 18.30 Uhr endet dann die Bistumswallfahrt nach Lübeck.

"Lichtgestalten - Licht gestalten"

Bereits am Freitagabend findet unter dem Titel "Lichtgestalten - Licht gestalten" eine nächtliche Vigil mit Wort, Musik und Licht. Gestaltet wird sie von mehreren Chören des Erzbistums, die klassische Motetten, englische Choräle, gregorianische Gesänge und Interpretationen von Texten der Märtyrer im Programm haben. Eine Lichtinszenierung setzt das Altarkreuz besonders in Szene - ein Kruzifix von Ernst Barlach. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus wurde Barlachs Kunst als entartet gebrandmarkt, was zur Folge hatte, dass auch dessen Kruzifixe versteckt werden mussten, um der Zerstörung zu entgehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 22.06.2018 | 20:00 Uhr

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