Stand: 11.02.2019 05:00 Uhr

1.300 Fälle - Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

von Sven Brosda

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Fast 400 Polizisten in Schleswig-Holstein sind im vergangenen Jahr im Dienst verletzt worden

"Ich habe Schlafstörungen, wache nachts immer wieder auf, bin durchgeschwitzt", sagt eine Kieler Polizeibeamtin, die im Sommer vergangenen Jahres im Dienst verletzt worden war. Die 27-jährige Kommissarin war mit ihren Kollegen an einem Freitagabend während der Kieler Woche zu einem Familienstreit in den Kieler Stadtteil Elmschenhagen gerufen worden. Der Einsatz war eigentlich schon fast vorbei, zwei junge Leute wurden mit Polizeibegleitung aus der Wohnung der Eltern geholt, die 27-Jährige stand vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses, als sie plötzlich einen heftigen Schlag im Nacken spürte und zu Boden ging.

Die Polizistin war von einer Bierflasche getroffen worden - sie soll von einem 19 Jahre alten Mann aus dem vierten Stock, also etwa aus zwölf Metern Höhe auf die Beamtin geworfen worden sein. Die Polizistin sagt selbst, dass sie Glück hatte, hätte sie die Flasche am Kopf getroffen, wäre es nicht nur bei Prellungen geblieben, sondern hätte auch tödlich ausgehen können.

Plötzlich kommen die Emotionen

Die 27-Jährige erzählt ruhig und selbstbewusst von der Attacke, die aufgezeichnet worden ist. Die Beamtin trug im Einsatz eine sogenannte Body-Cam. Sie habe lange gebraucht, um sich das Video ansehen zu können, sagt sie. Auf die Frage, wie sie damit umgeht, dass der mutmaßliche Täter jetzt fast acht Monate nach dem Angriff noch immer nicht verurteilt ist, wirkt sie plötzlich angefasst. Die 27-Jährige bekommt Tränen in die Augen. "Ich will damit endlich abschließen". Das könne sie aber erst, wenn das Verfahren erledigt sei. Die Kommissarin hofft auf eine angemessene Strafe. Warum Menschen so etwas tun, kann sie sich nicht erklären. Es geht wohl nicht gegen den Menschen, eher gegen die Uniform, vermutet die Beamtin.

Angriffe in Städten nicht unüblich

Der Einsatzbericht von dem Angriff landete auf dem Schreibtisch von Staatsanwalt Sören Pansa. Der 38-Jährige kümmert sich bei der Kieler Staatsanwaltschaft ausschließlich um Fälle von schwerer Gewalt gegen Einsatzkräfte. Er gehört zu einem Sonderdezernat, das im vergangenen Sommer eingerichtet worden ist. Die Staatsanwaltschaften in Lübeck und Itzehoe haben zum Jahreswechsel nachgezogen und auch solche Sonderdezernate gegründet. Das Ziel: Die Verfahren sollen schneller und konsequenter bearbeitet werden - aus einer Hand.

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Der Kieler Staatsanwalt Sören Pansa bearbeitet ausschließlich Fälle von schwerer Gewalt gegen Polizisten.

Der Kieler Staatsanwalt Pansa berichtet, dass Angriffe auf Polizisten gerade in den Ballungsräumen nicht unüblich sind, auf dem Land komme so etwas eher selten vor. Generell sei es aber so, dass Polizisten immer häufiger angepöbelt oder angegriffen werden. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", ergänzt Torsten Jäger, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Schleswig-Holstein. "Daran müssen wir alle arbeiten", sagt der Hauptkommissar.

Fast 400 verletzte Polizisten im vergangenen Jahr

In Schleswig-Holstein sind im vergangenen Jahr fast 1.300 Gewaltdelikte gegen rund 2.600 Polizisten registriert worden, 396 Beamte wurden verletzt, zehn davon schwer. Diese Zahlen gab die Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion bekannt. Damit sind die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, wenn auch nur leicht. Fast im gesamten vergangenen Jahr war jeden Tag mindestens ein Polizist im Land krankgeschrieben, weil er im Dienst verletzt worden war. In Hunderten Fällen waren die Menschen, die Polizisten angepöbelt oder sogar angriffen haben, betrunken, teilte die Landesregierung weiter mit.

Anklagen und Einstellungen

Viele Polizisten in Schleswig-Holstein haben den Eindruck, dass etliche Verfahren eingestellt werden, die Täter also ohne Strafe davon kommen. Ganz im Gegenteil, wenn Polizisten angegriffen werden, werde vornehmliche Anklage erhoben oder ein Strafbefehl geprüft, sagte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig.

Im vergangenen Jahr sind wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte fast 450 Anklagen erhoben worden, im Jahr davor waren es knapp 400. Mehr als 120 Strafbefehle wurden 2018 beantragt. In 50 Fällen wurden die Verfahren eingestellt, die Beschuldigten mussten aber Auflagen erfüllen, zum Beispiel Schmerzensgeld oder Geld an eine gemeinnützige Organisation zahlen. Knapp 210 Fälle wurden aber auch ohne Sanktionen eingestellt, weil die Justiz die Vorfälle als geringfügig, also als unerheblich angesehen hat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.02.2019 | 08:00 Uhr

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