Stand: 20.04.2019 05:00 Uhr

100 Beats pro Minute: Schüler lernen Leben retten

von Anne Passow

"Staying alive" von den Bee Gees schallt aus dem Lautsprecher. Greta zählt dazu im Takt: 23, 24, 25 - und Freundin Selin drückt genau in diesem Rhythmus den Brustkorb von Anne nach unten, lässt locker, drückt, lässt locker, drückt. 100 Beats pro Minute. Anne ist der Name einer Reanimationspuppe. In 13-facher Ausfertigung liegt sie an diesem Tag in einem Klassenraum des Max-Planck-Gymnasiums in Kiel. Um jede Puppe herum sitzen zwei bis drei Schüler und geben alles. Vier Minuten lang sollen sie Anne reanimieren. Vier Minuten lang 30 Mal den Brustkorb zum Takt der Musik runterdrücken und zwei Mal beatmen. Das ist Schwerstarbeit. Als die Musik ausgeht, schnaufen einige. Selin wischt sich die feuchten Hände an der Hose ab und atmet durch. "Echt anstrengend", bilanziert sie. In einem echten Notfall, so hofft sie, wäre sie vielleicht früher abgelöst worden.

Wenn Schüler Leben retten

Nach vier Minuten ohne Sauerstoff irreversible Schäden

In einem echten Notfall nicht hilflos daneben zu stehen, sondern zu reagieren und zu wissen, was getan werden muss - darum geht es bei "Schüler retten Leben". Das Projekt des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin (IRuN) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) will Schüler und Lehrer fit machen in der Ersten Hilfe. Denn "das Gehirn kann im Schnitt nur vier Minuten ohne Sauerstoff klarkommen. Danach kommt es zu irreversiblen Schäden der Gehirnzellen", sagt Niels Renzing, stellvertretender Direktor des IRuN. Wenn jemand einen Herzstillstand hat, muss man also sofort handeln, um diesen Menschen zu retten. "Es geht darum, die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken", so Renzing.

BGH: Sportlehrer müssen wiederbeleben

Das Problem ist, dass bei einem Notfall viele Menschen oft erst mal nicht reagieren oder sogar die Flucht ergreifen - so wie bei dem schweren Unfall auf der B4 bei Bilsen (Kreis Pinneberg). Mitte März geriet dort ein Auto in den Gegenverkehr, prallte mit einem anderen zusammen und ging in Flammen auf. Auf einem Video ist zu sehen, wie viele Autofahrer vom Unfallort davonfahren. Schlimme Folgen hatte auch ein Vorfall in Hessen im Jahr 2013. Ein 18 Jahre alter Schüler war im Sportunterricht bewusstlos geworden. Die Lehrerin rief den Notarzt, leistete aber keine Erste Hilfe. Der Schüler erlitt Hirnschäden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entschied jüngst, dass das Verhalten der Lehrerin nicht richtig war - und Sportlehrer im Notfall auch Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten müssen.

IRuN will Erste Hilfe auf den Lehrplan

Für Saskia Greiner vom IRuN ist das selbstverständlich. Als pädagogische Koordinatorin des Projekts "Schüler retten Leben" kümmert sie sich darum, Lehrer in Erster Hilfe zu schulen, die diese Kenntnisse dann an die Schüler weiter geben. Seit Beginn des Projekts 2015 wurden 41 Lehrkräfte an 13 Schulen in Erster Hilfe fit gemacht. "Über die Lehrer haben wir etwa 2.500 Schüler erreicht", überschlägt Greiner. Finanziert wurde das Ganze bisher vom UKSH und von der Damp-Stiftung. Doch nun läuft die Förderung aus. "Wir glauben, dass man das nicht ewig mit Drittmitteln finanzieren kann - und sehen die Politik in der Pflicht", betont Greiner.

Das IRuN will, dass Erste-Hilfe-Kurse flächendeckend an allen weiterführenden Schulen in Schleswig-Holstein angeboten werden - als Teil des Lehrplans ab der siebten Klasse. Wenn Erste Hilfe Teil des Lehrplans wäre, würden die Mittel dafür vom Land Schleswig-Holstein kommen. Das Bildungsministerium hält sich zu solchen Plänen jedoch bedeckt. "Eine verpflichtende Teilnahme an diesem Projekt hat das Ministerium bisher nicht empfohlen. Eine freiwillige Teilnahme der Schulen wird empfohlen", teilt das Bildungsministerium NDR Schleswig-Holstein dazu mit. Für Greiner wäre es wichtig, dass Erste-Hilfe-Kurse Teil des Lehrplans wären. Nicht nur wegen der dann gesicherten Finanzierung. Sie betont: "Wir hätten dann mehr Ersthelfer in der Gesellschaft, die sich Erste Hilfe tatsächlich auch zutrauen."

"Nichts ist schlimmer, als nichts zu machen"

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Denn oft hapert es genau daran: sich zu trauen. Da setzt Maja Darmstadt an. Die Lehrerin wurde vom IRuN in Erster Hilfe ausgebildet gemacht - und steht an diesem Tag vor den Siebtklässlern des Max-Planck-Gymnasiums. "Nichts ist schlimmer, als nichts zu machen", sagt sie den Schülern. Darmstadt schärft ihren Schülern die drei Handlungsschritte ein, an denen sich jeder Ersthelfer entlang hangeln kann: Prüfen, rufen, drücken. "Prüft, ob die Person eine Reaktion zeigt, ob sie noch atmet, wenn nicht, ruft die 112 an und fangt an zu drücken", erklärt Darmstadt und holt zwei Schüler in die Mitte des Raumes.

Al Harith und Magnus sollen Anne diesmal retten. Al Harith fängt an, leise zu zählen - und kräftig auf die Mitte des Brustkorbes zu drücken. Ein Klacken bestätigt ihm, dass er das fest genug tut. "Ruf mal Hilfe", weist er Magnus an. Denn die Schüler haben an diesem Tag gelernt: Man muss die Umstehenden direkt ansprechen, sonst fühlt sich niemand verantwortlich. Magnus also zückt sein Handy und wählt den imaginären Notruf. Etwas unsicher guckt Al Harith hoch - war's das schon? "Ihr hört nicht auf, ihr macht das solange, bis der Rettungsdienst da ist", grätscht Darmstadt dazwischen. Al Harith drückt weiter - bis Maja Darmstadt als Rettungsdienst dazukommt und den 13-Jährigen ablöst.

"Hingehen und was tun"

Am Ende des Tages haben die Siebtklässler einiges mitgenommen. "Man muss vor allem hingehen und was tun. Vorher hatte ich schon Angst vor so einer Situation, aber jetzt trau ich mir das zu", sagt Selin. So geht es den meisten Schülern nach diesem Tag. Im nächsten und übernächsten Schuljahr werden sie noch einen Auffrischungskurs bekommen, um im Notfall zu wissen was zu tun ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.04.2019 | 08:00 Uhr

NDR 1 Welle Nord

Anne Passow

NDR 1 Welle Nord

Die angeblich immer wortkargen Menschen im Norden habe ich als "Zugewanderte" nie erlebt. Ich mag die Offenheit der Leute hier. Seit Anfang 2014 arbeite ich beim NDR in Schleswig-Holstein. mehr

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