Stand: 19.07.2018 06:00 Uhr

Warum so viele Forscher auf unseriösem Weg publizieren

von Peter Hornung, Svea Eckert und Christina Harland
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WASET ist einer der großen "predatory publisher".

Das Phänomen der sogenannten Raubverleger ("predatory publisher"), also Unternehmen, die grundlegende wissenschaftliche Standards nicht einhalten, grassiert weltweit. Es ist ein einträgliches Geschäftsmodell zwielichtiger Unternehmen. Sie melken Wissenschaftler, die schnell und unkompliziert ihre Ergebnisse veröffentlichen wollen. Die Verleger veröffentlichen gegen Geld offenbar alles, was ihnen vorgelegt wird und versehen es mit dem Stempel der Wissenschaftlichkeit. Wissenschaftliche Standards gelten hier nicht. Diese Unternehmen geben wertlose Online-Journale heraus und veranstalten scheinwissenschaftliche Konferenzen. Einer der großen "Raubverleger" ist WASET.

  • WASET (World Academy of Science, Engineering and Technology)

Das vermutlich türkische Unternehmen (der Firmensitz und die Rechtsform werden auf der Internetseite nicht offen genannt) veranstaltet weltweit jährlich mehr als 150 zweitägige Sammelkonferenzen, bei denen sich Wissenschaftler aller Disziplinen treffen. Teilnehmer können unter je eintausend Konferenznamen wählen (50 Kategorien à 20 Konferenznamen). Damit kann ein Teilnehmer den Eindruck erwecken, er habe eine legitime, zu seinem Fachgebiet passende Fachkonferenz besucht. Die Beiträge der Teilnehmer werden in einem der zahlreichen Online-Journals veröffentlicht.

Was ist ein Peer-Review-Verfahren?

Das Peer-Review-Verfahren dient in der Wissenschaft der Qualitätssicherung. Andere Wissenschaftler desselben Feldes prüfen die bei einer Zeitschrift eingereichte Studie auf Validität und Publikationswürdigkeit. Sie kontrollieren: Sind die Erkenntnisse neu? Ist die Forschungsfrage verständlich und die Methodik passend? Sind die Ergebnisse reproduzierbar? Ist der Aufbau logisch? Passt das Thema zur Zeitschrift? Wird ein Manuskript abgelehnt, heißt dies also nicht zwangsläufig, dass die Studie fehlerhaft ist. Manchmal kennt der Autor den Reviewer nicht; manchmal kennt auch der Reviewer den Autoren nicht.

Keinerlei Peer Review

Dabei findet den Recherchen zufolge jedoch keinerlei Peer Review statt: Von NDR Reportern eingereichte, komplett unsinnige scheinwissenschaftliche Papiere wurden ohne nennenswerte Änderungen veröffentlicht. Ein ebenso unsinniger Vortrag zweier Reporter bei einer WASET-Konferenz wurde gar mit dem "Best Presentation Award" ausgezeichnet.

Ermittlungen gegen Professoren in den USA

Dass WASET keine legitimen wissenschaftlichen Konferenzen veranstaltet, ist jedem Teilnehmer einer solchen Veranstaltung unmittelbar ersichtlich. Das konnten NDR Reporter und Reporter unserer Partnermedien beim Besuch von mehreren WASET-Konferenzen feststellen. Wissenschaftler, die ahnungslos zu einer WASET-Konferenz gekommen waren, waren danach verärgert. Manche beschwerten sich beim Veranstalter, der in der Regel nur von einer Person vor Ort vertreten war. Gegen einige US-amerikanische Professoren, die bei WASET veröffentlicht haben, gibt es nach NDR Recherchen bereits Ermittlungen. Diese werden vom Inspector General des Staates New York geführt.

  • OMICS International

Ein weiterer großer Player auf dem Markt der unseriösen Online-Verleger ist OMICS International: Dieses Unternehmen und seine Tochterfirmen Conference Series, iMedPub und andere haben ihren Sitz in Hyderabad, Indien. OMICS und seine Tochterfirmen geben jährlich eine dreistellige Anzahl von Journals heraus und veranstalten - ebenfalls jährlich - Hunderte Konferenzen.

Prozess vor einem Bundesgericht in Nevada

Gegen OMICS wird derzeit vor einem US-Bundesgericht in Nevada ein Verfahren geführt, in dem es um betrügerische Praktiken und irreführende Werbung geht. Kläger ist die Federal Trade Commission (FTC). Das Gericht hat bereits im vergangenen Herbst eine einstweilige Verfügung gegen OMICS verhängt und damit zu erkennen gegeben, dass es die vorgelegten Beweise für stichhaltig hält. In einem neuen Gerichtsdokument vom 1. Mai 2018 werden die Vorwürfe gegen OMICS konkretisiert und mit zahlreichen neuen Beweisen aus einer von der FTC geführten Untersuchung untermauert. So wird OMICS Täuschung vorgeworfen, weil das Unternehmen trotz gegenteiliger Beteuerungen kein hinreichendes Peer Review durchführe. Von angeblich mehr als 50.000 Wissenschaftlern, die für OMICS tätig seien, haben dies nicht einmal 400 bestätigt. Zudem wurden Wissenschaftler als Herausgeber aufgeführt, die dem nie zugestimmt hatten. OMICS behaupte, seine Journals seien in PubMed oder Medline gelistet, den anerkannten medizinischen US-Datenbanken. Dies treffe aber nicht zu, so die US-amerikanischen Ermittler. Ähnliche Praktiken gebe es bei den von der OMICS-Tochter Conference Series LLC veranstalteten Konferenzen.

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Rechercheteam reicht Studie ein - mit Erfolg

Auch bei OMICS konnte das Rechercheteam durch die Einreichung einer für den Experten leicht als falsch zu erkennenden Studie bei einem medizinischen Journal zeigen, dass es kein Peer Review gibt, das diesen Namen verdient. Das Papier wurde innerhalb weniger Tage angenommen. Ein Reporter konnte bei einer OMICS-Konferenz als Keynote-Speaker auftreten und einen unsinnigen Vortrag halten. Er musste lediglich die entsprechende Gebühr für Keynote-Speaker entrichten.

Weitere sogenannte Raubverleger

Dem Rechercheverbund liegen zudem zu etlichen weiteren Unternehmen ähnliche Belege vor, dass diese Unternehmen offenbar entweder gar kein Peer Review durchführen oder dass dieses äußerst mangelhaft ist. Diese sind:

  • Sciencedomain
  • Science Publications
  • Scientific Research
  • IOSR Journals
  • SciEP
  • Academic Journals
  • IISTE
  • Science Publishing Group
  • David Publishing Company

In einigen Fällen wurden vom Rechercheteam eingereichte Nonsens-Papiere binnen Tagen angenommen. Offensichtliche Plagiate wurden mit dem Hinweis, man solle "doch einfach den Titel ändern", angenommen. In anderen Fällen wurden von anderen eingereichte komplett unwissenschaftliche Papiere als wissenschaftlich publiziert.

Pseudowissenschaftliche Verlage, wertlose Urkunden von Scheinkonferenzen

Offenbar handelt es sich bei den hier genannten Unternehmen nicht um wissenschaftliche Verlage, die legitime wissenschaftliche Journals herausgeben. Diese Unternehmen halten allem Anschein nach essenzielle wissenschaftliche Standards nicht ein, sondern geben nur vor, dies zu tun. Von den Autoren werden teilweise hohe Gebühren verlangt. Ihnen wird eine schnelle und reibungslose Publikation versprochen, ihnen werden scheinbare Ehren wie die Herausgeberschaft angeboten und bunte, wertlose Urkunden für den Besuch von Scheinkonferenzen ausgestellt. Die Firmensitze dieser Raubverleger werden nicht selten verschleiert. Unternehmen mit Sitz in Indien, Pakistan oder in der Golfregion nutzen amerikanische oder europäische Adressen, um den Anschein der Seriosität zu erwecken.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.07.2018 | 19:30 Uhr

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