Stand: 19.07.2018 06:00 Uhr

Warum so viele Forscher auf unseriösem Weg publizieren

von Peter Hornung, Svea Eckert und Christina Harland

Wer sich als Wissenschaftler einen Namen machen will, der muss veröffentlichen. Und wenn er Geld für seine Forschung einwerben will, allemal. Jedes Jahr gehen etliche Millionen sogenannte Drittmittel an deutsche Wissenschaftler. Damit ist Geld von großen Forschungsförderern gemeint, zum Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Volkswagenstiftung oder von Bundesministerien. Die geben Geld für Projekte, die gut in ihr Förderprofil passen und die besonders erfolgversprechend klingen. Wissenschaftler, die Geld einwerben wollen, müssen bei ihrem Antrag belegen, dass sie tatsächlich förderungswürdig sind. Und das machen sie unter anderem, indem sie auflisten, wie viele Veröffentlichungen sie schon in wissenschaftlichen Journalen platziert haben. Die Anzahl adelt den Forscher und ist sozusagen die Währung im Wissenschaftsbetrieb.

Täuschung bei wissenschaftlichen Publikationen im großen Stil

Inzwischen ist offenbar allerhand "wissenschaftliches Falschgeld" im Umlauf. Das haben Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung Magazin" ergeben. Das Rechercheteam hat Tausende Fälle aufgedeckt, in denen Wissenschaftler bei unseriösen Pseudoverlagen, auch "Raubverleger" genannt, publiziert und scheinwissenschaftliche Konferenzen in aller Welt besucht haben. Verwickelt sind Wissenschaftler nahezu aller deutschen großen deutschen Hochschulen. Spitzenreiter mit insgesamt 29 Veröffentlichungen über zehn Jahre bis 2016 ist ein Institut der Leibniz Universität Hannover: das Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) am Produktionstechnischen Zentrum Hannover (PZH). Für Niedersachsen konnte das Rechercheteam aber auch mehrere Fälle unseriöser Veröffentlichungen an der TU Braunschweig dokumentieren.

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Forscher täuschen über Jahre bei Veröffentlichungen

Tausende Wissenschaftler haben offenbar Texte bei unseriösen Pseudo-Verlagen veröffentlicht. Ganz vorne mit dabei: Forscher der Leibniz Universität Hannover. mehr

Hoher Veröffentlichungsdruck korrumpiert die Wissenschaft

"Der Druck zu veröffentlichen ist enorm, Missstände sind da systemimmanent", beschreibt der Präsident der Leibniz Universität, Volker Epping, die Misere, als er vom NDR mit den zahlreichen Veröffentlichungen des IFA konfrontiert wird. Die Recherchen allerdings nimmt er ernst und verspricht, in Senats- und Dekanatsrunden aufzuklären und zu sensibilisieren.

Umgehung wissenschaftlicher Standards

Üblicherweise geht eine wissenschaftliche Arbeit vor der Veröffentlichung in einem seriösen Journal durch das sogenannte Peer Review: Dabei überprüfen unabhängige Fachgutachter das Ergebnis und formulieren eine Stellungnahme. Das ist Standardpraxis guter wissenschaftlicher Arbeit. Bei den "Raubverlegern" wird das Peer Review nur vorgegeben. Praktisch findet es nicht statt.

Tausende veröffentlichen auf unseriösen Wegen

Bei der umfangreichen Auswertung von Veröffentlichungen bei solchen Pseudoverlegern konnten die Daten-Journalisten des Rechercheverbunds feststellen, dass es in den vergangenen drei bis fünf Jahren einen rasanten Anstieg von Publikationen durch Autoren deutscher Hochschulen und Institute gab. Insgesamt konnten die Reporter etwa 5.000 bis 6.000 deutsche Autoren identifizieren, die in jüngster Zeit bei Pseudoverlegern publiziert hatten.

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In den vergangenen Jahren hat sich eine akademische Scheinwelt entwickelt: Schlechte oder sogar gefälschte Studien werden als Wissenschaft ausgegeben. Eine investigative Recherche. mehr

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Hallo Niedersachsen | 19.07.2018 | 19:30 Uhr

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