Ein Löschfahrzeug steht Ende Juli 1975 auf einem Stoppelfeld vor einem brennenden Feld bei Eschede. © dpa Foto: Oldershausen

"Unser Schatz": Ein Ehrenkreuz nach der Waldbrandkatastrophe

Stand: 16.07.2021 19:00 Uhr

Niedersachsen wird in diesem Jahr 75 Jahre alt und seit 1946 ist viel passiert: Glücksmomente, Heldentaten, Katastrophen - wie die Waldbrände 1975. Haben Sie auch noch etwas, das Sie daran erinnert?

von Uwe Day

Bei unserer Aktion "Unser Schatz für Niedersachsen" möchten wir Ihre Erinnerungsstücke, die mit der Geschichte des Landes verbunden sind, sammeln. Eine Urkunde und ein Feuerwehr-Ehrenkreuz erinnern Rolf Lüders an dramatische Tage im Jahr 1975. Eine Woche lang brannten die Wälder in den Landkreisen Gifhorn, Celle und Lüchow-Dannenberg. Trauriger Höhepunkt: der Tod von fünf Feuerwehrleuten aus Fallersleben und Hohenhameln, die am 10. August 1975 bei Meinersen starben. Rolf Lüders hatte das Glück, die Katastrophe zu überleben. Als Held sieht er sich nicht. 

"Irgendwie fand ich das nicht passend"

Rolf Lüders hält das Feuerwehr-Ehrenkreuz in Silber in die Kamera. © NDR Foto: Uwe Day
Rolf Lüders hat die Waldbrandkatastrophe überlebt.

Der 78-jährige Landwirt aus Hohenhameln im Landkreis Peine holt eine 45 Jahre alte Urkunde hervor. Sie wurde 1976 ausgestellt, "in Würdigung hervorragender Leistung auf dem Gebiet des Feuerlöschwesens", liest Lüders vor. Die Urkunde gehört zum Feuerwehr-Ehrenkreuz in Silber, es ist blau-rot "am Bande" eingepackt in einer hübschen roten Schachtel auf blauem Samt. Es sieht so aus wie das Eiserne Kreuz, das in zwei Weltkriegen Soldaten verliehen wurde. Für Heldentum. Aber Rolf Lüders - ein Held? Er winkt ab: "Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt verliehen bekommen habe. Wir waren froh, also ich war froh, (...) dass wir überhaupt lebend rausgekommen sind aus dem Feuer. Irgendwie fand ich das nicht passend."

An einem heißen Sommertag dröhnt die Sirene

Rückblick: 10. August 1975. Ein heißer Sommertag. Um Mittag dröhnt die Sirene: Feuer bei Meinersen im Landkreis Gifhorn. Sechs Männer aus Hohenhameln brechen auf. Vor Ort stoßen sie mit Feuerwehrleuten aus Lengede und Fallersleben in ein brennendes Waldstück vor. Die Sicht ist gut, die Situation scheint beherrschbar, doch aus dem Nichts bricht ein Feuersturm los. Rolf Lüders erinnert sich: "Es waren unwahrscheinliche Heulgeräusche, das Feuer macht sich seinen eigenen Wind. Als wenn es Windstärke zehn um die Ecke weht. Fingerdicke Holzstücke sind einfach hochgezogen worden und die fielen irgendwo runter und sofort fing neues Feuer an. Es war so ein Sog, das ging alles nach oben weg. Also unten war kein Qualm."

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Fünf Feuerwehrleute sterben in den Flammen

Panik bricht aus. Die Feuerwehrautos aus Lengede und Hohenhameln ziehen sich hastig zurück. Lüders, Otto Könneker und Harmut Oelkers verlieren den Kontakt und rennen in dem dichten Waldstück auf ein Löschfahrzeug mit Blaulicht zu - die Besatzung aus Fallersleben. Der erfahrene Feuerwehrmann Lüders erkennt sofort: "Sie konnten nicht wenden und nach vorne hin war überall Feuer. Ich habe gesagt: 'Weiterlaufen, weiterlaufen!' Und zwei davon - der Hartmut Oelkers und Otto Könneker - die sind bei dem Fahrzeug geblieben. Der Otto Könneker ist dann irgendwann noch losgelaufen, bloß er hat es nicht mehr geschafft." In Todesangst rennt Lüders weiter. Noch heute rechtfertigt er sich für seinen Überlebenswillen: "Wenn der Kamerad neben einem gelaufen ist und er wäre gefallen, man hätte ihm nicht helfen können - sonst wäre man selber mit draufgegangen." Lüders und zwei andere Männer schaffen es aus dem brennenden Wald heraus. Zurück bleiben fünf Feuerwehrleute, die bei dem Fahrzeug umkommen.

Wut und Ohnmacht und Trauer nach der Katastrophe

Am Abend, zurück in Hohenhameln, herrschen Wut und Ohnmacht: Am Feuerwehrgerätehaus stellt Lüders die anderen Feuerwehrleute zur Rede: "Ihr seid abgehauen!" Gegenseitige Vorwürfe werden gemacht. Ein Chaos sei es gewesen, alle hätten gedacht, die anderen bringen sich in Sicherheit. Doch neben der Wut ist auch Trauer, erinnert sich Lüders: "Otto Könneker, mit dem war ich befreundet. Dann bin ich zu seinen Eltern gefahren und die wussten auch nicht, was Sache ist."

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Nach dem Schock kommt das Schweigen 

Hohenhameln steht unter Schock. Ein paar Tage später gibt es ein feierliches Begräbnis für die toten Feuerwehrleute. Doch über das Trauma wird ein Mantel des Schweigens gezogen. Die Menschen vermeiden, über das Schreckliche zu sprechen, beklagt Lüders mit gebrochener Stimme. "Den genauen Tathergang wollte kaum einer wissen. Das war eben so. Wir wurden ab und zu nur mal gefragt. Bloß so richtig, so richtig wollte keiner es wissen. Ja, es wurde totgeschwiegen."

Ehrenkreuz seit 45 Jahren ungetragen 

1976, mehr als ein halbes Jahr nach den Waldbränden in Niedersachsen, bekommt Lüders einen Anruf. Er solle das Ehrenkreuz in Silber erhalten. Zweimal wird er zu Verleihung aufgefordert. Beide Male lehnt er ab. Ein Ehrenkreuz - wofür? "Ich will auch keine besondere Auszeichnung. (...) Damit kann man so was auch nicht gut machen." So bleibt das Silberne Feuerwehr-Ehrenkreuz von Rolf Lüders seit 45 Jahren ungetragen. Eingepackt in einer roten Schachtel.

Welche Erinnerungsstücke haben Sie?

Haben Sie auch noch ein Erinnerungsstück, das mit der Geschichte des Landes Niedersachsen verbunden ist? Wir möchten davon so viele wie möglich online zugänglich machen, in Fernsehen und Hörfunk und in einer Ausstellung präsentieren. Einige Beispiele für solche "Schätze" zeigen NDR 1 Niedersachsen und auch das NDR Fernsehen bei Hallo Niedersachsen und blickt mit Ihnen dabei auf das damit verbundene Ereignis zurück. Ihr persönliches Erinnerungsstück kann aber auch mit einem ganz anderen Teil der Geschichte des Landes Niedersachsen verbunden sein. Machen Sie ein Foto davon und teilen Sie mit uns Ihre Erlebnisse - vielen Dank!

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Unser Thema | 29.07.2021 | 19:00 Uhr

Vor einer Schatzkiste liegen eine Uhr, ein Kamera und ein Anhänger. © Colourbox, Fotolia Foto: mayboro, determined

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