Stand: 20.04.2019 20:39 Uhr

Tapete trifft Bauhaus: Wandschmuck aus Bramsche

von Ruth Hunfeld
Das kleine blaue Buch mit den ersten Mustern für die Bauhaus-Tapeten liegt in Bramsche gut gesichert im Tresor.

Tapete - allein das Wort weckt schon Assoziationen: Käse-Sahnetorte, Kissen mit Knick auf dem Velours-Sofa, und bei Familienfeiern wurde im Wohnzimmer selbstverständlich geraucht. Plüschig war's, ein bisschen muffig. Vor den Fenstern hingen "Stores", "Schtoors" gesprochen, und alle zwei bis fünf Jahre wurde der Malermeister mit dem Musterbuch einbestellt. Blumenmuster, grafische Muster in Komplementärfarben, Prägedrucke in Pastell. Später, in der WG: Raufaser, schief - aber dafür selbstgeklebt und in den folgenden Jahren so oft mit dem billigsten Baumarkt-Weiß überstrichen, bis die Tapete sich ergab und freiwillig von der Wand rollte.

Mehrere Tapetenmuster für Tapeten, die bei den Gebrüdern Rasch in Bramsche produziert werden. © NDR Foto: Ruth Hunfeld

Bauhaus-Tapete: Von Bramsche in die Welt

Hallo Niedersachsen -

Tapeten mit Bauhaus-Muster hängen an Wänden auf der ganzen Welt. Seit 90 Jahren wird in Bramsche dieser besondere Wandschmuck gedruckt, geprägt und verschickt.

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Die Bauhaus-Tapete - ein Klassiker

Kurz: Tapete ist oll, miefig, hoffnungslos retro und allenfalls noch ein Nischenprodukt. Und Bauhaus? Das ist cool, modern - schon immer gewesen - und Markenzeichen unzähliger Designklassiker. "Bauhaus" und "Tapete" passen also nicht zusammen. Dachte man. Und lag falsch. Denn das kommerziell erfolgreichste Produkt, das mit Bauhaus-Lizenz herausgebracht wurde, ist eben keine Lampe, kein Stuhl, keine Teekanne: Es ist eine Tapetenkollektion. Die Bauhaus-Tapete, hergestellt ab 1929 - und bis heute immer wieder überarbeitet - in Bramsche bei Osnabrück in der Tapetenfabrik Gebrüder Rasch.

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"Keine einzige Tapete an der Wand?"

Frederik Rasch, Vertreter der fünften Generation der gleichnamigen Tapetendynastie - sein Ur-Urgroßvater Hermann Wilhelm Gottfried Rasch gründete 1861 den Vorläufer des Unternehmens - , kennt sämtliche Klischees.

Zu Gast in Bramsche: Rasch nimmt dem Besuch gleich den Wind aus den Segeln: "Wie sieht's bei Ihnen zu Hause aus? Bestimmt alles verputzt, richtig? Keine einzige Tapete an der Wand?" Wer dem Mittvierziger mit dem Tweed-Sakko als Markenzeichen schnellen Schrittes durch die weitläufigen Fabrikhallen und Bürotrakte des Bramscher Stammsitzes am Raschplatz folgt, erlebt sein buntes Wunder: Die Tapete lebt - und von ihr leben allein bei Rasch 750 Mitarbeiter weltweit.

Der russische Markt hat es gerne opulent

Gemeinsam mit seinem Cousin, dem Geschäftsführer, kann Rasch minutenlang schwärmen. Etwa von dem Lebensgefühl, das das Papier an der Wand stifte. Und gleichzeitig kann er sehr amüsant lästern über manche Entwürfe aus den hauseigenen Ateliers, wo pinkfarbene Flamingos durch wildgrüne Dschungelszenarien schreiten, wo silbrige Ornamente aus Papierflächen treten, wo also Farben und Formen einander jagen in endlosen Regalfächern und auf riesigen Arbeitstischen, als hätte Timothy Leary - Autor, Psychologe und psychedelischen Drogen alles andere als abgeneigt - persönlich Pate gestanden. Die Geschmäcker sind verschieden, und besonders der russische Markt hat es gerne opulent. Aber auch im gehobenen Schöner-Wohnen-Segment hierzulande wird wieder gekleistert. Und zugegeben: Manche Muster sind so schön, dass man sie glatt einrahmen und als Bild an die Wand hängen möchte.

Erfolgreiche Muster aus Studentenhand

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Blick in die Vergangenheit - die Musterkarte von 1929.

Der spannendste Ort im Herzen der alten Fabrik ist jedoch das Archiv, ein fensterloser Raum, in dem man viel erfahren kann über das Lebensgefühl und den Zeitgeist der vergangenen 120 Jahre - die Geschichte des 20. Jahrhunderts, erzählt in Tapeten. In hohen Regalen stehen dicht gedrängt die Musterbücher der gesamten Firmengeschichte. Die größte Kostbarkeit ist dabei nicht etwa die älteste Kollektion, sondern eine sogenannte Musterkarte von 1929: die erste Bauhaus-Tapete. Einfarbige Papiermuster mit verschiedenen Strukturen, entstanden nach einem Studentenwettbewerb am Bauhaus. Ein grandioser Erfolg vor allem für den damals gerade mal 19-jährigen Schweizer Bauzeichner Hans Fischli, der an der Akademie unter anderen bei Wassily Kandinsky und Paul Klee studierte. Fischli gewann mit seinen Entwürfen zwei Drittel der ausgelobten Preise und erinnerte sich noch vierzig Jahre später, als längst erfolgreicher Architekt und Künstler, in einem Katalogtext begeistert an seinen Schaffensprozess: 

"Ich benutzte auch Gabeln, den Kamm, den Rasierapparat ohne Klingen, alles, was mit Zähnen bewaffnet ist, und Lücken hatte. (...) Ich nahm Papier, ich mischte Farbbreie, ich trug sie auf, ich wartete die richtige Phase des Eintrocknens ab und fuhr mit meiner Egge (...) über das feuchte Feld, (...) zog kreuz und quer in Wellenbewegungen darüber." Hans Fischli

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 20.04.2019 | 19:30 Uhr

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