Sendedatum: 23.08.2017 23:20 Uhr

Zeitungszusteller kämpfen um den Mindestlohn

von Timo Robben

Resi Hinkens Arbeitstag beginnt sehr früh. Um drei Uhr morgens schwingt sich die 73-Jährige aus dem niedersächsischen Nordhorn auf ihr Fahrrad und trägt Zeitungen aus. Sechs Tage in der Woche ist sie unterwegs und versorgt ihre Region mit den "Grafschafter Nachrichten". "Das Wichtigste ist, dass die Kunden alle zufrieden sind und pünktlich ihre Zeitung zuhause haben", sagt Resi Hinken, "so jetzt muss ich aber auch weiter". Auch nach 17 Jahren macht sie ihren Job noch gerne - trotz aller Widrigkeiten.

Resi Hinken, Zeitungszustellerin. © NDR

Zeitungszusteller kämpfen um den Mindestlohn

ZAPP -

Bundesweit beklagen die Zeitungszusteller, dass die Verleger versuchen, sich um den Mindestlohn zu drücken. Wir haben eine Zeitungszustellerin aus Niedersachsen begleitet.

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Vor rund zwei Jahren wurde bundesweit der Mindestlohn eingeführt. Die Politik sorgte damals für einen Sonderweg bei den Zustellern: Der Mindestlohn wurde gestaffelt. 2015 starteten die Zeitungsausträger also nicht mit 8,50 Euro, sondern mit 6,38 Euro pro Stunde. Inzwischen soll allerdings auch Resi Hinken 8,50 Euro die Stunde verdienen. Aber das bekomme sie nicht. "Ich brauche morgens eine Stunde und fünfzehn Minuten. Aber die "Grafschafter Nachrichten" bezahlen nur 50 Minuten."

Zeiten zu knapp berechnet

Wie viele andere Zeitungsverleger berechnen auch die "Grafschafter Nachrichten" die Zeit, in der ihre Zusteller die Zeitungen austeilen sollen, mit einem Geo-Informationssystem. Nun beschweren sich inzwischen Zusteller bundesweit: Die sogenannte Sollzeit sei nicht ausreichend. Verdi kennt das Problem: "Wir hören von den Betriebsräten immer wieder, dass die Zeit, die der Arbeitgeber vorgibt, nicht richtig ist", sagt Rachel Marquardt von Verdi. So werde versucht, den Mindestlohn zu drücken.

Jochen Anderweit, der Geschäftsführer der "Grafschafter Nachrichten", stellt dazu gegenüber ZAPP klar: "Wir zahlen den Mindestlohn. Und wenn die Mitarbeiter mehr oder weniger Zeit brauchen sollten, haben wir sie angewiesen uns das mitzuteilen, damit wir das System entsprechend korrigieren können." Resi Hinken sagt wiederum, sie melde sich seit Monaten bei ihren Vorgesetzten. "Ich hab da ja schon ein paar Mal angerufen und reiche jeden Monat meine Stundenzettel mit ein", sagt sie, "und keiner reagiert."

Geschäftsführer trifft sich mit Betriebsrat

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Geschäftsführer Jochen Anderweit waren die Probleme nicht bekannt.

Ein heikles Thema - das merkt auch ZAPP während der Recherchen: Nach unserer Anfrage trifft sich der Geschäftsführer der Grafschafter Nachrichten persönlich mit dem Betriebsrat der Zusteller. Resi Hinken konfrontiert Jochen Anderweit dabei mit ihrem Fall. Dieser habe davon nichts gewusst. Seine Mitarbeiter haben ihn offenbar nicht darüber informiert, dass es Probleme mit der Sollzeit-Berechnung gibt. "Ich kann mir vorstellen, dass es bezüglich der Kommunikation hier im Unternehmen Verbesserungsbedarf gibt", so Anderweit. Ein paar Tage nach dem Interview ruft der Geschäftsführer bei ZAPP an: "Wir haben festgestellt, dass bei den konkreten Fällen tatsächlich etwas nicht stimmt. Wir haben die Mitarbeiter, die das zu verantworten haben, entlassen." Für Resi Hinken könnte sich das Problem damit lösen.

Finanzielle Probleme der Verlage

Das grundsätzliche Problem allerdings bleibt: Viele Verlage stecken in einem finanziellen Dilemma. Mit Journalismus Geld zu verdienen wird schwerer. Das Austeilen der gedruckten Exemplare vor allem in entlegenen Gebieten wird da zu einem immensen Kostenfaktor. Jochen Anderweit prognostiziert: "Ich persönlich gehe davon aus, dass die gedruckte Zeitung irgendwann ein Luxusgut werden wird. Ich weiß nicht, ob das in fünf, zehn, 15 oder 20 Jahren der Fall ist. Dass sich dann wie vor 150 Jahren nur die Betuchten die Zeitung leisten können." Man müsse auch schauen, was die Nutzer wollen. "Das sind die älteren Leser, die die bedruckte Zeitung wollen, da kommen kaum noch Leser nach."

Auch Resi Hinken kennt das Problem. "Das wird ja auch immer weniger mit den Zeitungen heutzutage. Heutzutage hat jeder seinen Laptop zuhause. Und da liest er dann seine Nachrichten." Die 73-Jährige bleibt ihren "Grafschafter Nachrichten" aber treu. Der schönste Moment des Tages sei für sie, wenn sie morgens nach der Arbeit bei einem Kaffee den Lokalteil lesen kann. "Also auf die Zeitung könnten wir nicht verzichten. Da informiert man sich so richtig, was so los ist in der Grafschaft."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.08.2017 | 23:20 Uhr

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