Stand: 13.03.2019 14:26 Uhr

Wer die Macht nicht teilt, wird sie verlieren

Die katholischen Bischöfe Deutschlands haben bei ihrer Konferenz im niedersächsischen Lingen weitere Schritte zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren und Maßnahmen zur Prävention beschlossen. Sie wollen unter anderem mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten und gemeinsam mit dem Beauftragen der Bundesregierung Kriterien und Leitlinien erarbeiten. Die Debatte über den Umgang mit Missbrauchsfällen in der Kirche in Deutschland fällt zeitlich zusammen mit dem Urteil gegen den ehemaligen Finanzchef des Vatikans: Der australische Kardinal George Pell ist in seinem Heimatland wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier, NDR Redaktion Religion und Gesellschaft

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Noch zu sehr wollen die Bischöfe in der derzeitigen Krisensituation das Heft das Handelns in der Hand behalten, meint Florian Breitmeier.

Heute vor sechs Jahren wurde Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Als die Kardinäle damals ins Konklave gingen, war klar, dass auch die zahlreichen Fälle sexualisierter Gewalt eine Herausforderung für den neuen Pontifex sein würden. Rund um den Globus folgte Missbrauchsskandal auf Missbrauchsskandal - in den USA, Irland, Deutschland, Australien.

Unter den Männern, die den neuen Papst zu wählen hatten, war auch der Australier George Pell. Jener Kardinal also, der nun in Australien zu einer sechsjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Pell bestreitet die Vorwürfe, will in Berufung gehen.

Missbrauch ist in der Kirche kein Randphänomen

Fakt ist jedoch, dass damals vor sechs Jahren in der Sixtinischen Kapelle ein Kardinal saß, der nun von einem Gericht des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen wurde. Das zeigt auf eklatante Weise, dass der Missbrauch in der katholischen Kirche kein Randphänomen ist, sondern auch im Zentrum der Macht zu finden ist.

Der neu gewählte Papst Franziskus machte Pell später zu einem wichtigen Berater in Wirtschaftsfragen. Macht, Geld, Strukturen, Stärke - all das beschäftigte Pell im Vatikan. Spät, zu spät, als das Gerichtsverfahren gegen den Kardinal bereits lief, suchte Franziskus nach einem Weg, den wegen Missbrauchsvorwürfen immer mehr in die Kritik geratenen Pell loszuwerden.

Bei der Prävention ist schon viel geschehen

Bevor das Urteil gegen den ranghöchsten katholischen Kirchenmann Australiens fiel, war der schon nicht mehr im Kardinalsrat vertreten. Pell war also nicht mehr da, aber der Skandal sexualisierter Gewalt beschäftigt die katholische Kirche weiter - auch in Deutschland.

In Lingen suchen die katholischen Oberhirten hierzulande nach Wegen aus der Missbrauchskrise. Viel ist in den vergangenen Jahren beim Thema Prävention geschehen. Die Bistümer haben wichtige Beschlüsse gefasst, Mitarbeitende geschult, für das Thema sensibilisiert. Die Bischöfe haben erklärt, die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen bei der Aufklärung zu verbessern, unabhängige Anlaufstellen für Betroffene zu schaffen und vereinbarte Zielvorgaben regelmäßig überprüfen lassen zu wollen.

Schritte der Veränderung gehen

Schwieriger anzugehen sind die sogenannten systemischen Gefährdungen, die den Missbrauch in der Kirche zumindest mit begünstigt haben: der Klerikalismus, männerbündische Netzwerke, die Machtfülle der Bischöfe, die Sexualmoral, die ehelose Lebensform der Priester.

Es gibt Bischöfe, die darüber eine ernsthafte Debatte führen wollen, sich auch Reformen vorstellen können. Andere fürchten schon um den Zusammenhalt in der Kirche, wenn jahrhundertealte Traditionen nur kritisch angefragt werden. Und dennoch sollte die Mehrheit der Bischöfe bei ihren Beratungen in Lingen den Mut finden, Schritte der Veränderung zu gehen - zum Beispiel echte Gewaltenteilung zu wagen, sodass Macht und Kontrolle bewusst aus der Hand gegeben werden.

Viel Zeit hat die katholische Kirche nicht mehr

Dazu zählt auch, dass die Betroffenen sexualisierter Gewalt konsequenter als bisher in diesen Prozess eingebunden werden müssen - so schmerzhaft das auch für manch einen Würdenträger sein mag.

Noch zu sehr wollen die Bischöfe in der derzeitigen Krisensituation das Heft das Handelns in der Hand behalten. Dabei merken sie nicht, wie sehr ihnen die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt. Der Vertrauensverlust ist enorm - und viel Zeit hat die katholische Kirche nicht mehr. Denn wer die Macht nicht teilt, wird sie am Ende ganz verlieren.

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NDR Info | Kommentar | 13.03.2019 | 17:08 Uhr

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