Studie zu Verschwörungs-Mythen: Angst spielt große Rolle

Stand: 21.03.2021 08:22 Uhr

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus sind viele Verschwörungsmythen entstanden. Professorin Julia Becker von der Uni Osnabrück hat in einer Studie herausgefunden: Die Anhänger sind anfällig für Ängste.

von Amelia Wischnewski und Josephine Lütke

Nach den Großprotesten im vergangenen Sommer war es in den vergangenen Monaten ruhiger geworden um die Anhänger der Initiative "Querdenken". Inzwischen werden die Gegner der Corona-Maßnahmen aber wieder mit Aktionen auf den Straßen aktiv. Am Sonnabend etwa kam es bei einer großen Protestveranstaltung in Kassel (Hessen) zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und Gegendemonstranten. Entgegen der Vorschriften formierten sich Tausende in der Innenstadt zu einem verbotenen Demonstrationszug. Einen Mund-Nasen-Schutz trugen die wenigsten. Parallel dazu fand in Hannover der erste Bundesparteitag der neuen Partei "Basis" statt, die aus den Protesten hervorgegangen ist und im Herbst bei der Bundestagswahl antreten will.

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Repräsentative Studie zu Verschwörungsmythen

Die gesamte Bewegung ist vor etwa einem Jahr entstanden, seitdem verbreiten einige Anhänger Verschwörungserzählungen rund um das Virus. Die Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück, Julia Becker, hat gerade eine repräsentative Studie zu dem Thema abgeschlossen. Darin fand sie heraus, dass Angst eine wichtige Rolle bei den Anhängern der Szene spielt.

Glaube an Verschwörung sorgt für zusätzliche Ängste

"Sie sind anfälliger für allgemeine Ängste", sagte Becker im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen. "Das heißt, sie machen sich mehr Sorgen und fühlen sich zudem sehr bedroht." Die Studie habe außerdem ergeben, dass der Glaube an solche Mythen wiederum noch ängstlicher macht. "Wenn man glaubt, man wird von außen gesteuert und da sind Leute, die im Geheimen agieren, ist klar, dass man sich Sorgen macht und ängstlich wird", erklärte Becker.

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10 Prozent identifizieren sich mit "Querdenken"-Bewegung

Seit Mai vergangenen Jahres hat die Wissenschaftlerin für ihre Studie rund 1.000 Menschen mehrfach befragt. Knapp 10 Prozent gaben an, sich mit der "Querdenken"-Bewegung zu identifizieren. "Sie haben das Gefühl, belogen zu werden", sagte Julia Becker. "Sie glauben, mächtige Akteure versuchen die Menschheit ins Verderben zu führen."

Informationen, die das eigene Weltbild bestätigen

Die Sozialpsychologin Julia Becker bei einem Interview. © NDR
Sozialpsychologin Julia Becker hat die Motive der Anhänger von Verschwörungsideen untersucht.

Vor allem im Internet und in sozialen Medien wie dem Messengerdienst Telegram verbreiten die Anhänger der Bewegung ihre Mythen. Es geht beispielsweise um angeblich geheime Organisationen, die das Coronavirus in die Welt gesetzt haben sollen oder um die Regierung, die den Menschen mit der Impfung schaden wolle. Anhänger der Szene versorgen sich teils nur noch mit Informationen, die ihre Ansichten bestätigen. Das verhärte das Weltbild, sagte Becker. "Das ist auch ein Grund dafür, warum es extrem schwierig ist, Menschen, die so richtig abgedriftet sind, von anderen Informationen zu überzeugen."

Politische Einstellung ist zweitrangig

Beckers Studie hat auch ergeben, dass die politische Orientierung innerhalb der Bewegung zweitrangig ist. Das heißt: Alle vereint die Wut auf die Regierung, die Medien und die Wissenschaft - ganz egal, ob sie rechts, links oder unpolitisch sind. Das bringe auch mit sich, dass es den Teilnehmern egal sei, wenn auch Rechtsextreme an den Demonstrationen teilnehmen. Die Sozialpsychologin fand heraus, dass die Bereitschaft, an den Protesten teilzunehmen, auch mit antisemitischen und muslimfeindlichen Einstellungen zusammenhängt.

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Dieses Thema im Programm:

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