Stand: 31.12.2017 09:14 Uhr

"Dieser Laden ist die Liebe meines Lebens"

Sylvia Altensell-Ripprich hätte ihren Familienbetrieb gern fortgeführt - doch sie ist krank und muss das Hut-Geschäft schweren Herzens schließen. (Archivbild)

Der Abschied fällt ihr sichtlich schwer: Sylvia Altensell-Ripprich hat ihren Laden am Sonnabend zum letzten Mal abgeschlossen. Mehr als 104 Jahre war "Hüte+Pelze Altensell" eine feste Adresse in der Osnabrücker Geschäftswelt. Kopfbedeckungen in allen Farben und Formen wurden in dem Betrieb hergestellt und repariert: mal klassisch, mal kreativ, auf jeden Fall immer höchst individuell. Doch zum Jahresende muss das in vierter Generation geführte Traditionsunternehmen schließen. Die 52-jährige Inhaberin leidet an einer schweren Krankheit, die ihr keine andere Wahl lässt. Und so verschwindet das letzte eingetragene Hutfachgeschäft aus Osnabrück.

Alles, was man sich auf den Kopf setzen kann

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Bis zuletzt wurden in dem Osnabrücker Betrieb individuelle Kopfbedeckungen angefertigt. (Archivbild)

Wer den kleinen Laden in einer Seitenstraße der Fußgängerzone betrat, bemerkte als erstes die klassische Türklingel. Dann wanderte der Blick der staunenden Besucher meist auf die unzähligen Hüte, die akribisch sortiert in den Regalen lagen. Manche von ihnen waren mit Federn verziert, andere eher schlicht, einige mit breiter Krempe, an anderen hafteten Bänder oder Blumen. Und natürlich waren auch Mützen und Kappen zu finden. Eben alles, was man sich auf den Kopf setzen kann. Lohnenswert war auch ein Blick in die Werkstatt - dort wurde das jahrhundertealte Handwerk bis zum letzten Tag ausgeübt. An großen Werkbänken waren Holzköpfe montiert, auf denen Hüte gefertigt und repariert wurden.

Filme, YouTube und Musikvideos als Inspiration

Ein Fachgeschäft mit derart langer Historie und großer Kundschaft - das gab es auch bundesweit nicht mehr so oft. Bernadette Hansen hat deshalb für die Ausbildung zur Modistin sogar ihre Geburtsstadt Köln verlassen und ist nach Osnabrück gezogen. Nun, da der Betrieb geschlossen hat, will sie zurück in die rheinische Heimat und von dort versuchen, über das Internet eigene Hut-Kreationen zu vertreiben. Die Trends der Hutmode haben sie und die anderen Altensell-Mitarbeiter immer genau beobachtet: im Internet recherchiert, YouTube- und Musikvideos sowie Filme geguckt. Auch Kunden, die zwei Tage vor einer Hochzeit im Laden standen und ganz dringend noch einen passenden Hut brauchten, wurden bedient.

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Der Hutmacher wird zum Modisten

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein gab es eine klare Trennung: Hutmacher machten - wie der Name schon sagt - Hüte, die ganz überwiegend von Männern getragen wurden. Modisten und Modistinnen dagegen waren vor allem für die von Frauen getragenen Kopfbedeckungen aller Art zuständig. Seit der Erneuerung der bundesweiten Ausbildungsordnung 2004 gibt es den Hutmacher nicht mehr. Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt die Tätigkeit des neuen, einheitlichen Berufsbildes wie folgt: "Modisten und Modistinnen fertigen Damen-, Herren- und Kinderhüte sowie Kappen oder Brautgestecke an. Sie beraten bei der Auswahl von Hüten und setzen die Wünsche ihrer Kunden in Entwürfe um. (...) Sie nähen Einlagen und Futterstoffe ein und verzieren Hüte mit Bändern, Kordeln, Tüllschleiern, Blumen oder Federn."

Im Ausverkauf schlägt mancher noch zu

In Osnabrück endet nun eine Familien-Ära, und für Inhaberin Sylvia Altensell-Ripprich zugleich ein zentrales Element ihrer Biografie. "Dieser Laden ist die Liebe meines Lebens", sagt sie im Gespräch mit NDR 1 Niedersachsen - und hat dabei Tränen in den Augen. Auch viele Kunden seien traurig, sagt sie. Manche haben immerhin noch die Gelegenheit genutzt, im Ausverkauf einen Altensell-Hut zu erstehen. Im besten Fall, sagt Fachfrau Altensell-Ripprich, soll er ein Leben lang halten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 29.12.2017 | 15:20 Uhr

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