Osnabrück: Erstes staatlich gefördertes Islamkolleg eröffnet

Stand: 15.06.2021 20:49 Uhr

Bislang kommen die Imame der 2.500 deutschen Moscheegemeinden meist aus dem Ausland. Nun ist in Osnabrück die erste staatlich geförderte Ausbildungsstätte für islamische Geistliche eröffnet worden.

"Unser Wunsch ist, dass dieser Tag eine Wende herbeiführt in der Ausbildung von religiösem Betreuungspersonal in Deutschland und wir dauerhaft in die Ausbildung hier in Deutschland einsteigen können", sagte der wissenschaftliche Direktor des Islamkollegs Deutschland (IKD), Bülent Uçar, beim Festakt anlässlich der offiziellen Eröffnung der bundesweit einzigartigen Ausbildungsstätte am Dienstag. Erstmals werden an dem Kolleg Imame und religiöses Betreuungspersonal unabhängig und verbandsübergreifend ausgebildet. Bund und Land geben Geld, für die inhaltliche Ausrichtung stehen verschiedene muslimische Gemeinden und Verbände.

"Selbstbewusst deutsch und islamisch, in der Gesellschaft verwurzelt"

Wie Ucar betonten auch alle anderen Redner die Bedeutung des Islamkollegs für die gesamtgesellschaftliche Anerkennung des Islam in Deutschland. Das Ausbildungsprogramm sei "selbstbewusst deutsch und islamisch im Sinne eines Islam, der in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, die Werte unseres Grundgesetzes teilt und die Lebensarten unseres Landes achtet", sagte der für die Islamkonferenz zuständige Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Markus Kerber.

Ausbildung von deutsch-sprachigen Imamen in Osnabrück. © NDR Foto: Ita Niehaus
AUDIO: "Imame made in Germany" - Wofür steht das Islamkolleg Deutschland in Osnabrück? (30 Min)
Eine Frau sitzt vor Bücherregalen an einem Tisch © NDR / Ita Niehaus Foto: Ita Niehaus
AUDIO: Imame "made in Germany" - Islamkolleg startet in Osnabrück (5 Min)

"Notwendiger Baustein für die Gleichberechtigung der Muslime in Deutschland"

Spätestens seit der Zuwanderung von Flüchtlingen im Jahr 2015 sei die islamische Gemeinschaft in Deutschland so vielfältig wie in keinem anderen Land Europas, sagte Kerber. Er hoffe, dass in einigen Jahren die Strahlkraft des Kollegs auch in muslimisch geprägte Länder in aller Welt reiche, so der Staatssekretär. Altbundespräsident Christian Wulff, Kuratoriumsvorsitzender des IKD, nannte das Ausbildungskolleg eine großartige Sache: "Es ist ein wichtiger Schritt, ein notwendiger Baustein im Gesamtkonzept der vollen Gleichberechtigung der Muslime in unserem Land." Dem schloss sich auch Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) an. Er glaube, dass es für die Zusammenarbeit, für das Zusammenleben der Muslime in Deutschland ein fundamental wichtiger Tag ist", sagte Thümler. Der Staat erkenne an, dass die Religionsausübung der Muslime einen echten Mehrwert darstelle.

Gemeinden entscheiden über Einsatz als Imaminnen

Das Islamkolleg Deutschland war Ende 2019 von muslimischen Gemeindeverbänden, Theologen, Wissenschaftlern und muslimischen Personen des öffentlichen Lebens gegründet worden. Wie auch katholische Priester, evangelische Pastorinnen und jüdische Rabbiner sollen die Kollegiaten dort nach dem Theologiestudium auf ihren Gemeindedienst vorbereitet werden. Der erste Ausbildungsgang besteht aus mehr als 50 Teilnehmenden, rund 20 Prozent von ihnen sind laut Direktor Uçar Frauen. An der Diskussion, ob es auch Imaminnen geben sollte, wolle sich das Kolleg nicht beteiligen, sagte der Theologe. "Das müssen die Moscheegemeinden jeweils für sich entscheiden."

Verbände, Gemeinden und Theologen erstellen Lehrpläne

Die Lehrpläne werden Uçar zufolge in einer Kommission festgelegt. Darin seien auch die fünf Verbände vertreten, die neben Moscheegemeinden und Theologen das Kolleg tragen - unter anderem der Zentralrat der Muslime und die Muslime in Niedersachsen. Allerdings unterstützen nicht alle muslimischen Verbände die Ausbildungsstätte. Etwa die türkische Ditib hatte im vergangenen Jahr ein eigenes Ausbildungszentrum in der Eifel gegründet. Die Auswahl der Kollegiaten sei unabhängig von der Verbandszugehörigkeit, so Uçar. Der Bund und das Land Niedersachsen finanzieren die Einrichtung für fünf Jahre mit insgesamt rund 5,5 Millionen Euro, haben aber inhaltlich kein Mitspracherecht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 15.06.2021 | 15:00 Uhr

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