Stand: 26.01.2015 10:48 Uhr  | Archiv

"Noch einmal die Sonne sehen!"

Holocaust-Überlebende Erna de Vries lächelt in die Kamera. © NDR Foto: Hedwig Ahrens
Erna de Vries überlebte das Konzentrationslager Auschwitz.

Das heute unvorstellbare Grauen, das Töten in den Gaskammern, die Erschießungen, die Vernichtung durch Arbeit, all das endet am 27. Januar 1945. An diesem Tag befreien Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen sind bis zu diesem Zeitpunkt in der Todesfabrik der Nationalsozialisten ermordet worden, die wenigsten Gefangenen überlebten. Auch die Emsländerin Erna de Vries hat die Hölle von Auschwitz zwei Monate lang erlebt. Heute wohnt sie in Lathen im Emsland. In der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen hat sie von ihren Erlebnissen berichtet.

Mit der Mutter nach Auschwitz

Als Erna de Vries 1943 mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wird, ist sie 19 Jahre alt. Die Halbwaise fühlt sich für ihre Mutter verantwortlich, packt mit ihr die Koffer, obwohl für sie selbst noch kein Deportationsbefehl vorliegt. Was Auschwitz bedeutet, davon hat sie eine vage Vorstellung aus den Berichten im englischen Radio, die sie heimlich gehört haben. Die Realität in dem Lager im Süden des von den Deutschen besetzten Polens ist ungleich entsetzlicher.

Ausgekochte Kartoffelschalen zum Essen

Schon die Deportation nach Auschwitz ist ein Martyrium. Fünf Tage bei glühender Hitze habe die Fahrt im Viehwaggon gedauert, berichtet Erna de Vries. Viele Menschen hätten die Strapazen der Deportation nicht überstanden und starben. Auf der Rampe in Auschwitz ging das Sterben weiter. Die Überlebenden wurden erschossen. Erna de Vries übersteht die Selektion durch die SS. "Ich war zwei Jahre im Lager und davon zwei Monate in Auschwitz. Und wenn ich vom Lager spreche oder an ein Lager denke, denke ich nur an Auschwitz", sagt die 91-jährige zierliche Frau. "Das fing schon bei der Nahrung an. Das Essen war so in den ersten Tagen: Ich erinnere mich nur an ausgekochte Kartoffelschalen. Die lagen unten mit Sand in der Schüssel. Und wir waren ganz entsetzt, als Häftlinge, ganz abgemagerte Mädchen, unsere ausgekauten Kartoffelschalen noch mal da raus nahmen und versuchten, da noch was rauszuholen."

Weitere Informationen
Jüdische Deportierte aus Ungarn stehen vor Bahnwaggons, mit denen sie gerade im Todeslager Auschwitz-Birkenau angekommen sind. © picture alliance / AP Photo

Auschwitz - Geschichte einer Todesfabrik

Von 1940 bis 1945 sterben in Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Menschen. Hunderttausende ermorden die Nazis mit Giftgas. Andere werden erschossen, zu Tode gefoltert oder sie verhungern. mehr

Als "Mischling" ins Frauenlager verlegt

Erna de Vries ist nur noch eine Nummer im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Häftling 50462. Nach drei Monaten ist die junge Frau von harter Arbeit und mangelnder Hygiene so krank, dass sie in den Todesblock aussortiert wird. Hier gibt es kein Essen mehr. Vor der Gaskammer kauert sie nackt und betend in einem Innenhof. Sie hat nur noch einen Wunsch: Sie möchte noch einmal die Sonne sehen. Da wird ihre Nummer ausgerufen: Eigentlich bedeutet das in Auschwitz den sicheren Tod in der Gaskammer, doch für sie ist es die Rettung. Weil ihr Vater Christ war, bezeichnen die Nationalsozialisten sie als "Mischling", sie wird deshalb vom Vernichtungslager in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück verlegt. Dort überlebt sie die Zwangsarbeit und einen sogenannten Todesmarsch am Kriegsende. Ihre Mutter wird Erna de Vries nie wieder sehen, sie wird von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet.

"Du wirst leben und erzählen, was mit uns passiert ist"

Beim Abschied in Auschwitz muss sie ihrer Mutter ein Versprechen geben. "Du wirst überleben, du wirst erzählen, was man mit uns gemacht hat", sagt ihr ihre Mutter damals. Diesen Auftrag hat Erna de Vries sehr ernst genommen: Seit 1998 berichtet sie in Schulen und Vorträgen als Zeitzeugin. Gerade heute sei das Erinnern sehr wichtig, sagt die Ehrenbürgerin von Lathen angesichts der Anschlagsserie in Paris. Neben dem Attentat auf die Redaktion der Zeitschrift "Charlie Hebdo", bei dem zwölf Menschen durch radikale Islamisten getötet wurden, starben bei einem weiteren Anschlag durch einen Islamisten auf einen koscheren Supermarkt vier jüdische Franzosen.

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 09.04.2015 | 18:45 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Eine Frau hält die Hände einer anderen Person © Colourbox Foto: Pressmaster

Corona-Hilfe für den Norden: NDR startet Benefizaktion

Die Corona-Pandemie trifft benachteiligte Menschen hart. "Hand in Hand für Norddeutschland" setzt sich für sie ein. mehr

Nico Antonitsch (l.) vom FC Ingolstadt im Duell mit Nico Andermatt vom SV Meppen © imago images / Nordphoto

SV Meppen hofft gegen Ingolstadt auf eine Überraschung

Das Drittliga-Schlusslicht geht am Montagabend als klarer Außenseiter in das Duell mit dem Aufstiegsanwärter. mehr

Eine Spritze wird von einer Person mit blauen Handschuhen in den Händen gehalten. Dahinter ein Arm. © dpa-Bildfunk Foto: Christoph Schmidt

Impfzentren in Lingen, Osnabrück und Wallenhorst geplant

Die Landkreise Emsland und Osnabrück richten je zwei Impfzentren ein, die Grafschaft und die Stadt Osnabrück je eines. mehr

Handwerkskammer © NDR

Handwerkskammer Osnabrück bekommt 1,5 Millionen vom Bund

Mit dem Geld soll ein Kompetenzzentrum für die Entwicklung von Land- und Baumaschinen errichtet werden. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen