Stand: 16.08.2018 12:23 Uhr

Liegt Giftmüll in Osnabrücks Unterwelt?

von Josephine Lütke
Die Gertrudenberger Höhlen sind seit Jahren verschlossen. Ein Verein und die Stadt Osnabrück wollen, dass die Höhlen wieder geöffnet werden. Die zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben will sie zuschütten.

Es ist ein Höhlensystem mit zahlreichen unterirdischen Gängen und Kammern. Und das direkt in Osnabrück unter dem Bürgerpark: Die Gertrudenberger Höhlen. Sind hier vor Jahrzehnten Giftfässer versenkt worden? Und wird das Grundwasser durch toxische Fließmittel von Zementschlämmen verunreinigt? Wilfried Kley vom Verein Gertrudenberger Höhlen Osnabrück hat diesen Verdacht und will Aufklärung. Die Stadt als Miteigentümerin des Kulturdenkmals hat bereits Gutachter in die Höhlen geschickt. Gefunden wurde bislang nichts. Dennoch: Ein Ratsmitglied von den Grünen im Osnabrücker Stadtrat will das Thema jetzt im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt diskutieren.

Zeitzeuge erzählt von Giftfässern

Von den Fässern hat Wilfried Kley vom Verein Gertrudenberger Höhlen Osnabrück das erste Mal vor drei Jahren gehört. Ein Zeitzeuge, der in der Öffentlichkeit anonym bleiben will, hatte sich damals bei dem Verein gemeldet. Er sei der Sohn eines Kraftfahrers, erzählte er. Mitte der 50er-Jahre seien seine Eltern immer wieder aufgefordert worden, Stahlfässer von einer damaligen Chemiefabrik zu einer Abstellfläche oberhalb der Höhlen zu bringen. Am nächsten Morgen seien die Fässer verschwunden gewesen - vermutlich versenkt in den Höhlen. Was genau in den Fässern war, wisse er nicht. In diesem Jahr kam der Zeuge laut Kley erneut auf den Verein zu, gab seine Geschichte zu Protokoll. Unterschrieben hat er es aber nicht.

Die Gertrudenberger Höhlen

Die Gertrudenberger Höhlen sind etwa 1.000 Jahre alt und ein Kulturdenkmal. Noch ist das Gertrudenberger Loch, wie die Höhlen auch genannt werden, nicht komplett erforscht. Die Gänge sollen etwa einen Kilometer lang sein. Das Höhlensystem wurde einst als Bierkeller, zur Pilzzucht, als Bunkeranlage und als Kalksteinbergwerk genutzt. Heute ist es verschlossen.

Der zugemauerte Raum

Der Verein gab die Informationen des Zeugens an die Stadt weiter. "Das ist ein Verdacht. Das soll die Stadt prüfen", so Kley. Wenn tatsächlich Stahlfässer mit Chemie-Müll in den Höhlen sind, könnten sie in Raum 31 liegen, so die Vermutung des Vereinsvorsitzenden. Es ist ein großer Raum mit vielen Verzweigungen und Gängen. Teilweise ist er meterhoch mit Bauschutt zugeschüttet. Bis vor kurzem war Raum 31 zugemauert. Warum genau und von wem, ist unklar. Jetzt haben die Vereinsmitglieder ein Loch in der Mauer geschlagen. "Ein eigenmächtiges Vorgehen", heißt es von der Stadt. Denn die vom Verein vermuteten Giftfässer "hätten ein hohes Risiko darstellen können." Gesehen haben die Vereinsmitglieder die Fässer allerdings nicht.

Höhlen sind verschlossen

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Hinter dieser Mauer ist der Raum 31. Liegen dort Stahlfässer mit Giftmüll?

Eigentlich sind die Höhlen verschlossen. Seit Jahren gibt es darüber einen Streit. Der Verein und die Stadt wollen, dass die Höhlen wieder geöffnet werden. Die zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben will sie zuschütten. Früher wurde in den Höhlen Kalk abgebaut. Im zweiten Weltkrieg diente ein Teil der Höhlen als Luftschutzbunker. Deshalb ist auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zuständig. Sie hat vor einigen Jahren ein Gutachten in Auftrag gegeben. Demnach sind die Höhlen einsturzgefährdet. Ein Gutachten der Stadt besagt das Gegenteil. Ob und wann die Höhlen wieder von den Osnabrückern betreten werden können, ist unklar.

Gutachter findet keine Hinweise auf Fässer

Um dem Verdacht auf Altlasten nachzugehen, beauftragte die Stadt in diesem Jahr ein Ingenieurbüro. Die Experten untersuchten Geruch, Feuchtigkeits- und Massenaustritt. "Keinerlei Hinweise auf Fässer" - so das Ergebnis. Bei den Messungen seien alle Standards eingehalten worden, so ein Sprecher der Stadt. Wilfried Kley reicht das nicht. Er wirft der Stadt vor, nicht genug zu tun. Der Schutt in Raum 31 müsse abgetragen werden. Nur dann sei sicher, ob dort Fässer liegen oder nicht. "Wir würden uns freuen, wenn nichts gefunden wird", sagt Wilfried Kley. Aber: "es muss mehr gemacht werden."

Ist das Grundwasser in Gefahr?

Außerdem geht der Verein davon aus, dass giftige Fließmittel von Zementschlämmen in das Grundwasser gelangen. Die Schlämme wurden einst zur Stabilisierung und Verfüllung an den Höhlen eingesetzt. "Wir haben das bei der Hochschule Osnabrück prüfen lassen", so Kley. Die Fließmittel stellen laut Kley eine Gefahr für das Trinkwasser dar. Die Stadt Osnabrück sieht das anders: Es gebe keine Hinweise auf eine Grundwassergefährdung durch die verfüllten Zementschlämme. "Man will das unter den Teppich kehren", sagt der Vereinsvorsitzende.

Mögliche Gifte sind Thema im Ausschuss

"Das ist ein schwerwiegender Verdacht, dem wir nachgehen müssen", sagt Volker Bajus aus dem Stadtrat in Osnabrück. Immerhin gehe es um den Schutz der Bevölkerung und der Umwelt, so der umweltpolitische Sprecher der Grünen. Er hat um einen Sachstandbericht in der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt gebeten. Die Verwaltung habe das Thema Altlasten in der Vergangenheit transparent aufgearbeitet, sagt er. "Aber vielleicht finden wir offene Fragen." Bajus bezweifelt, dass Giftfässer heimlich in den Höhlen versenkt wurden. In den 50er-Jahren war es nämlich legal, solche Fässer ganz einfach auf der städtischen Deponie abzuladen. Ein Argument, das auch die Stadt Osnabrück nennt. Dennoch bleibt die Frage nach den Schadstoffwerten in den Zementschlämmen. Die müsse die Stadt erklären, sagt Bajus. Und auch, warum sie nicht unter dem Schutt nach möglichen Fässern sucht. "Vielleicht wissen wir dann auch, dass wir uns keine Sorgen machen müssen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 16.08.2018 | 17:00 Uhr

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