Eine Skulptur von Käthe Kollwitz in einer Austellung auf Gut Altenkamp in Papenburg. © NDR Foto: Hedwig Ahrens

"Kampf um Sichtbarkeit": Schau zeigt Künstlerinnen vor 1919

Stand: 08.06.2021 06:56 Uhr

Erst 1919 konnten Frauen ein Studium an der Akademie der Künste zu Berlin aufnehmen. Den Malerinnen und Bildhauerinnen aus der Zeit davor widmet Gut Altenkamp in Papenburg eine Ausstellung.

Die Schau "Kampf um Sichtbarkeit - Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919" richtet den auf jene Künstlerinnen, die es schon vor 1919 in die Kunstöffentlichkeit geschafft und deren Werke Eingang in die Sammlung der Nationalgalerie gefunden haben. 54 Werke von 31 Malerinnen und acht Bildhauerinnen aus 140 Schaffensjahren sind auf Gut Altenkamp, einem ehemaliger Herrensitz aus dem 18 Jahrhundert, zu sehen. Sie alle stammen aus dem Fundus der Nationalgalerie Berlin, erklärt deren Kuratorin Yvette Deseyve.

Käthe Kollwitz schaffte auch offiziell den Durchbruch

Selbstbildnis der Malerin Paula Moderohn-Becker © picture alliance / akg-images
Paula Modersohn-Becker, ein Selbstbildnis vor blühenden Bäumen, um 1902/03.

Darunter sind bekannte Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker oder Käthe Kollwitz. Eine Bronzeplastik von ihr zeigt ein Liebespaar. Kollwitz setzt sich darin sozialkritisch mit der Zeit der Industrialisierung und dem Elend der Arbeiterklasse auseinander. "Es ist nicht das romantische Liebespaar", sagt die Kuratorin. "Es ist schon eine sehr schmerzverzehrende Liebe. Es sind ausgemergelte Körper." Kollwitz war eine der ersten Künstlerinnen, die tatsächlich auch Professorin an der Berliner Kunstakademie wurde - und damit auch den offiziellen Durchbruch geschafft hat.

Weniger bekannte Frauen des Kunstbetriebs vor 1919

Die Ausstellung will den Blick aber auch auf weniger bekannte Frauen des Kunstbetriebs vor 1919 lenken. Im ersten Stock laufen Besucher auf ein großformatiges Bild der Künstlerin Alma Erdmann zu - darauf zu sehen ist eine Schwarzwälderin in schwarzem Trachtenkleid. Die junge Frau sitzt auf einem einfachen Holzstuhl, auf ihrem Schoß liegt der typische Schwarzwaldhut mit roten Bollen. Für Kuratorin Deseyve ist das Werk aus dem Jahr 1899 ein Glanzstück der Schau: "Ein unglaublich eindrucksvolles Bild, das hat damals schon Eindruck geschunden, und ist direkt nach der Ausstellung aufgekauft worden", erzählt Deseyve. "Eine völlig unbekannte Künstlerin damals. Die weiteren Werke sind sehr rar, man findet sonst fast nichts mehr von ihr."

Einflussreiche Galerie verhilft zum Ruhm

Die Künstlerin Renée Sintenis ist durch ihren Entwurf für den Berliner Bären bis heute auf der Berlinale, dem internationalen Filmfestival, präsent. Gut Altenkamp zeigt nun bronzene Pferdeplastiken der Bildhauerin. Sintenis wurde durch eine einflussreiche Berliner Galerie berühmt. Andere Künstlerinnen hatten weniger Glück; auch durch die Weltkriege sind viele Arbeiten von Frauen verschollen, verloren oder vergessen.

Künstlerinnen ohne Werke

"Wir haben viele Künstlerinnen, die wir tatsächlich nur noch namentlich kennen, weil sie in Ausstellungskatalogen auftauchen, wir aber keine Werke von ihnen haben", so Deseyve. "Und das ist eines der dunklen Kapitel in diesem Bereich." Die Forschung zu diesen Künstlerinnen habe jetzt erst eingesetzt, und viele Werke seien bis dahin tatsächlich verloren.

Biografien wie Puzzlespiele

Umgekehrt finden sich aber auch Werke im Fundus der Nationalgalerie, über deren Malerinnen wiederum nur wenig bekannt ist. Ihre Biografien zu erforschen, sei wie ein Puzzlespiel, sagt die Kuratorin. Eine von ihnen ist die Malerin Pauline Lehmeyer. "Eines meiner Lieblingsstücke, muss ich sagen", bekennt Deseyve. "Es ist das Bildnis eines alten Mannes, der nach unten schaut, und es ist ein unglaublich kraftvolles Bild." Über die Künstlerin Pauline Lehmeyer finde man so gut wie gar nichts mehr. "Wir konnten noch nicht einmal ihr Todesjahr eruieren."

 "Frauen sind immer noch unterrepräsentiert"

Solche Künstlerinnen macht die Schau in Papenburg wieder sichtbar. Damit ist die Ausstellung für die Papenburger Kulturvermittlerin Anna Lena Reich durchaus aktuell. "Man sieht es ja in vielen Bereichen, dass Frauen immer noch unterrepräsentiert sind", sagt Reich. "Aufgrund von Corona gibt es ja die Diskussion darüber, dass Frauen wieder den Backlash haben: zu Hause sind, im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig die Kinder betreuen. Und daher denke, das ist immer noch ein hochaktuelles Thema."

 Die Ausstellung ist bis Anfang September in Papenburg zu sehen.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturspiegel | 08.06.2021 | 19:00 Uhr

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