Stand: 20.08.2017 18:00 Uhr

Hilfe per Mail für suizidgefährdete Jugendliche

von Marlena Maerz

Im Emsland startet die niedersachsenweit erste Online-Beratung für suizidgefährdete Jugendliche. Bei "U25", so der Name der Beratung, können Jugendliche per Mail um Hilfe bitten - und zwar kostenlos und anonym. Das Besondere: Beraten werden die Hilfesuchenden von jungen Ehrenamtlichen. Vier Monate lang haben die sich auf diese Aufgabe vorbereitet. Für Sara ist das Projekt "U25" ein Herzensauftrag, wie sie sagt. Die 22-Jährige gehört zu den ersten neun jungen Erwachsenen, die im Emsland die Ausbildung zum Peer-Berater absolviert haben. Das Wort "peer" kommt aus dem Englischen und bedeutet in diesem Fall gleichaltrig. Denn bei "U25" beraten junge Erwachsene unter 25 Jahren ihre Altersgenossen. Sara will bei "U25" helfen, weil sie aus ihrem Umfeld weiß, wie es ist, wenn Menschen mit psychischen Problemen, Traumata oder Suizidgedanken kämpfen.

Schreiben ist leichter

Auch der 18-jährige Johannes hat schon früher Freunden geholfen, die Probleme hatten. Und das am liebsten mit dem Messenger-Dienst WhatsApp. Denn beim Schreiben fällt es ihm leichter, die richtigen Worte zu finden, sagt er. Künftig werden Sara und Johannes Hilfesuchende aus ganz Deutschland beraten. Diese können sich per Mail an "U25" im Emsland wenden. Das Ganze läuft über die Homepage des Projekts und ist anonym. Die Hilfesuchenden werden dann meist über einen längeren Zeitraum von einem Berater per Mail begleitet. Sie können über Probleme schreiben, bekommen Tipps und haben jemanden, der ihnen zuhört.

Vielfältige Probleme

Die Jugendlichen wenden sich mit ganz unterschiedlichen Problemen an "U25", sagt Katrin Warstat. Die Sozialwissenschaftlerin arbeitet bei der Caritas und betreut das Projekt im Emsland. Manche Jugendlichen würden beispielsweise unter Liebeskummer leiden, hätten psychische Probleme, seien depressiv oder hätten andere Gründe, weshalb sie mit ihrem Leben gerade nicht mehr klarkommen. Warstat ist davon überzeugt, dass Gleichaltrige Jugendlichen oft besser helfen können als Erwachsene. Schließlich seien sie näher dran und könnten die Probleme besser verstehen. "Wenn man schon ein bisschen Lebenserfahrung hat, dann denkt man sich manchmal bei den Problemen der jüngeren Leute, das ist nicht so dramatisch", sagt sie. "Aber für die jungen Leute ist das in dem Moment so lebensbedrohlich, dass sie da alleine nicht mehr drüber hinwegkommen."

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E-Mail statt Beratungsstelle

Suizid ist bundesweit die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. Im Jahr 2015 nahmen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 531 Jugendliche in Deutschland das Leben. "U25" will suizidgefährdeten Jugendlichen helfen, die vielleicht nicht in eine Beratungsstelle gehen würden. Eine Mail zu schreiben, fällt da häufig leichter. "Hallo! Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen und habe lange mit mir gekämpft, ob ich schreiben soll oder nicht. Ich weiß nicht, ob es was bringt, aber ich schreibe jetzt einfach mal, was mir auf der Seele brennt. Mir schießen nur noch Tränen in die Augen." So oder so ähnlich könnten E-Mails anfangen, die Sara und Johannes demnächst in ihrem Postfach finden. In der Ausbildung zum Peer-Berater haben die beiden gelernt, wie sie eine solche E-Mail beantworten.

Idee vor 15 Jahren entwickelt

Sozialwissenschaftlerin Warstat ist davon überzeugt, dass der Mail-Kontakt mit suizidgefährdeten Jugendlichen die Peer-Berater nicht überfordern wird. Alle seien unabhängig von "U25" in ihrem Privatleben bereits mit den Themen psychische Störungen, Suizid und Krise in Kontakt gekommen. Außerdem sind die Berater laut Warstat keine Einzelkämpfer: Alle zwei Wochen würden sie sich treffen, um sich auszutauschen und schwierige Fälle zu besprechen. Die Idee, suizidgefährdete Jugendliche per Mail zu beraten, wurde vor mehr als 15 Jahren vom "Arbeitskreis Leben" in Freiburg entwickelt. Inzwischen hat die Caritas neun weitere Standorte in Deutschland eröffnet. Im Emsland gibt es jetzt den ersten in Niedersachsen. Die ländliche Lage war nach Angaben von Warstat einer der Gründe, weshalb die Caritas sich entschieden hat, im Emsland Berater auszubilden: "Die können nochmal sensibler Leute vom Dorf beraten und haben da nochmal ein anderes Verständnis als zum Beispiel Stadtkinder", sagt sie.

Großer Bedarf

Die Nachfrage nach Hilfe per Mail ist offenbar groß: Bis auf das Emsland, das gerade erst gestartet ist, sind alle "U25"-Standorte in Deutschland derzeit komplett ausgelastet. Alleine in den ersten vier Stunden, in denen die Seite von "U25" im Emsland online war, haben sich schon fünf Hilfesuchende per E-Mail gemeldet. Für Sara, Johannes und die anderen Peer-Berater aus dem Emsland geht es nun los. Sie hoffen, dass sie mit ihren Mails Leben retten können.

Die Telefonseelsorge hilft

Normalerweise berichten wir nicht über Suizide. Der Pressekodex mahnt zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung. Hier heißt es: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Ein weiterer Grund für unsere Zurückhaltung ist die erhöhte Nachahmerquote nach Berichterstattung über Selbsttötungen.

Solltet ihr selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, bei der Telefonseelsorge findet ihr rund um die Uhr Ansprechpartner, natürlich auch anonym.

- Telefonseelsorge, bundeseinheitliche Nummer: 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222 oder 116 123
- Kinder und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": 116 111 (Montag bis Samstag von 14 - 20 Uhr)
- Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS): 030 - 31 01 89 60
- Muslimisches Seelsorgetelefon: 030 / 44 35 09 821 (24h)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Feature | 21.08.2017 | 14:35 Uhr

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